Interview mit Thorsten Wilhelm – Usability-Forschung Status Quo & Trends

Thorsten WilhelmIn den letzten Tagen hat das Redaktionsteam von usabilityblog.de ein Interview mit Thorsten Wilhelm (Geschäftsführer der eResult GmbH) zum Thema „Usability Forschung“ geführt.
In diesem spricht er über aktuelle Trends, ungenutzte Potentiale und Einsatzbereiche der Usability Forschung, sowie über gängige Methoden.

Wir wünschen allen Interessierten viel Spaß beim Lesen des ersten Interviews in der Reihe „Interviews mit Experten“!


Welche aktuellen Entwicklungen und Trends sind zur Zeit zu beobachten?

Ich sehe aktuell zwei sich deutlich abzeichnende Trends.
Zum einen erkennen unsere Kunden immer mehr den Wert von iterativen Prototypentests, angelegt als szenariobasierte Nutzertests im Lab. Damit ist es möglich den Nutzer und seine Vorstellungen von einer „guten“ Bedienbarkeit bereits in frühen Projektphasen – z. B. eines Re-Designprozesses – in den Mittelpunkt der Entwicklung und Konzeption zu stellen.
Damit einher geht dann auch der zweite Trend: Eine deutliche Ausweitung von Anforderungs- und Zielgruppenanalysen. „Web 2.0“ und „Social Commerce“ haben diese Entwicklung begünstigt. Gerade für Online-Shops gibt es aktuell eine Vielzahl „neuer“ Funktionen und Services, deren Einbindung mit nicht unerheblichen Kosten verbunden ist. Da ist es einfach sehr hilfreich zu wissen, welche dieser Funktionen die Nutzer / Kunden tatsächlich wollen und brauchen, und welche nur „nice-to-have“ sind.
Diese Entwicklungen sind als sehr positiv einzustufen, gilt doch nach wie vor: Je früher man das Thema „Usability“ im Entwicklungsprozess setzt, desto erfolgreiche wird die entwickelte Anwendung sein. Das zeigen Grundlagenstudien und unsere Erfahrungen immer wieder eindrucksvoll.

Gibt es noch ungenutzte Potenziale der Usability-Forschung?

Im Moment beobachten wir bei uns und auch unseren Konkurrenten eine wahre Produkt-Inflation. Die Anzahl an angebotenen Methoden & Verfahren nimmt deutlich zu.

Die meisten Usability-Agenturen haben ihr Dienstleistungsportfolio in den letzten 12-18 Monaten deutlich ausgeweitet. Es sind neue Erhebungsverfahren hinzugekommen, wie z. B. Remote Usability-Tests, neue Ansätze und Methoden (wie z. B. Personas für Internet-Angebote) und etablierte Methoden weiterentwickelt und verfeinert worden (wie z. B. iterative Nutzertests im Lab).
Gut für unsere (potentiellen) Kunden. Können diese doch nun aus einem breiteren Produktspektrum auswählen, orientiert an ihren aktuellen Problem- und Fragestellungen. Auf der anderen Seite erhöht sich für sie natürlich dieKomplexität der Entscheidungsfindung, müssen unsere (potentiellen) Kunden doch die Stärken und Schwächen der einzelnen Produkte, Verfahren und Methoden sorgfältig abwägen.
Hierbei möchten wir unterstützen, in dem wir vergleichende Methodenstudien durchführen, angelegt als anwendungsorientierte Grundlagenstudien und in der Regel in Zusammenarbeit mit Hochschulinstituten. Aktuell bearbeiten wir zusammen mit der Universität Hildesheim zwei Projekte, die sich im Detail mit den Einsatzbereichen und Grenzen von „Remote Usabilitytests“ und „Personas“ beschäftigen. Hier – in einer fundierten, anwendungsorientierten Grundlagenforschung – gibt es noch einige Potenziale zu heben. Wir möchten dazu einen nicht unerheblichen Beitrag leisten.

Ist Usability-Forschung auf Websites beschränkt, oder auch für andere Bereiche/Produkte sinnvoll?

Natürlich auch in anderen Bereichen. Im Prinzip überall dort, wo es um die Bedienung von Systemen, Geräten, Anwendungen (Software, Websites) geht und auch um die „(räumliche) Führung von Menschen“ (z. B. Beschilderungen an Flughäfen, in Einkaufszentren, Vergnügungsparks etc.).
Da ist jede Menge Bedarf. Ich hab z. B. immer eine kleine Digitalkamera dabei, mit der ich Fotos von „unmöglichen“ Hinweisschildern, graphischen Interfaces und Bedienelementen mache. Das sind schon einige Fotos zusammengekommen…

Welche Methoden sind die besten?

Die, die die Fragen und Probleme beantworten, welche unsere Kunden aktuell haben.
Das ist auch unsere Philosophie: Wir verkaufen unseren Kunden keine Methoden, Verfahren oder Produkte. Wir sehen uns als Problemlöser, der immer erst mal in Zusammenarbeit mit den Kunden die Frage-/Problemstellungen herausarbeitet und dann darauf aufbauend die geeigneten Methoden auswählt. Das unterscheidet uns vielleicht von anderen, hat aber sicherlich damit zu tun, dass unsere Ursprung in der „kundenorientierten Unternehmensführung“ liegt. Sowohl Prof. Dr. Miriam Yom als auch ich kommen aus der Marketingforschung. Das zahlt ich für unsere Kunden positiv aus.

Was kann man Kunden raten, wovor sollten sie sich hüten?

Vor einer nicht frage-/problemorientierten Vorgehensweise bei der Auswahl von Usability-Methoden und Verfahren.

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