Wenn Senioren das Web nutzen…

Unsere Gesellschaft wird immer älter.
Wussten Sie schon, die größten Zuwächse an Internetanwendern ist im Altersfeld über 60 (ARD/ZDF-Onlinestudie 2008) zu verzeichnen. Wussten Sie auch schon, für E-Commerce ist der Silversurfer eine der bedeutendsten Zielgruppen. Ebenso ist bekannt, dass die Syzygy AG in seinem Usability Monitor 2007 zum Schluss kommt, dass die gerade für die Reisebranche so wichtige Zielgruppe der Älteren nicht in der Lage war, auf den gängigen Reiseportalen eine Reise zu buchen? (Die Generation 50+ bucht lieber im Reisebüro.)

Gibt es denn eine Usability für Ältere?
Ja, die gibt es. Viel zu oft wird sie meines Erachtens aber mit Barrierefreiheit verwechselt. Ältere Menschen gehen natürlich anders mit dem Medium Internet um, als es andere, jüngere Zielgruppen, tun. Das äußert sich in vielen Dingen.

Ich erhielt vor längerer Zeit einen Anruf von einer älteren Dame, die mich um Entschuldigung bat, denn sie habe das Internet kaputt gemacht. Gerade in dem Moment als sie auf unseren Seiten war. Sie hätte eine Fehlermeldung erhalten, die sie zwar nicht lesen konnte, weil sie auf Englisch geschrieben war, aber allein dieser Umstand zeige ihr, dass es sich um ein großes Problem handeln müsse. Auf jeden Fall möchte sie für den entstandenen Schaden aufkommen. Wichtig sei ihr nur, dass die Menschen nach ihrem Versehen wieder das Netz nutzen können.

Hier zeigt sich, dass eine allgemein angenommen Selbstverständlichkeit, nämlich vom Webserver ausgegebene Fehlermeldungen, zu Problemen und somit zu Benutzungshürden führen kann.

Welche Usability Regeln gelten für eine ältere Zielgruppe?
Ein paar Stichpunkte.

  • Größe der Klick- und Schaltflächen
    Auf vielen Seiten sind Links, Navigationspunkte und Buttons so filigran und klein gestaltet, dass es sehr schwer ist, diese auch wirklich zu treffen. Die Bewegungsfreiheit der Hände, der Finger und des Arms nimmt im Alter ab. Somit lässt sich die Maus nicht immer punktgenau steuern. Die alte Regel von Fitts hat immer noch Gültigkeit! Je größer die Schaltfläche, desto besser ist sie mit dem Mauspfeil zu treffen.

  • Farben
    Das Nachlassen der Sehkräfte macht es schwer, auf kontrastarmen Webseiten Unterschiede auszumachen. Beispielsweise verlieren kontrastarme Farbcodes so ihre Funktion für die Kommunikation der Seite. Starke Kontraste helfen.

  • Animationen
    Was für gutes Webdesign allgemein gilt, gilt hier im Besonderen. Hektische Animationen, Blinken und schnelles Wechseln von Farben lenken nicht nur ab, sondern vermitteln auch ein unbehagliches Gefühl. Gerade ältere Menschen reagieren auf solche Störungen wie auf Lärm. Das bedeutet Stress.

  • Icons und Symbole
    Was schick aussieht ist nicht immer erkennbar. Diese kleinen Bildchen können von älteren Benutzern oft nicht mehr entziffert werden. Eine größere Darstellung und erläuternde Texte helfen weiter. Darüber hinaus ist nicht jedes Symbol zeitlos. Wie oft wird das Pfeilkreissymbol für „Synchronisieren“ als Recyceln gedeutet?
    Alleine schon die Darstellung eines Telefons. Lassen Sie zwei unterschiedliche Altersgruppen ein Telefon skizzieren. Bei einigen Älteren hat das Telefon immer noch eine Wählscheibe. Während jüngere einen Apparat dieser Art noch nie zu Gesicht bekommen haben.

  • Scrollbalken
    Wer ständig und oft im Netz unterwegs ist weiß, dass sich manche Informationen verstecken und erst durch das Nutzen des Scrollbars ans Tageslicht kommt. Aber solche Selbstverständlichkeiten sind älteren Benutzern nicht immer geläufig. Muss er sich doch gleich an die Bedienung von zwei Programmen gewöhnen: Die des Browsers und der Website…

  • Text
    Man muss sich oft selbst an die Nase greifen, wenn man Texte verfasst. Zu schnell hat man Fremdworte verwendet, Fachbegriffe benutzt. Werden diese aber verstanden? Kurze prägnante Sätze auf Deutsch helfen gerade den Benutzern weiter, die nicht die Chance hatten, Englisch zu lernen oder bei denen es sehr lange her ist, dass sie diese Sprache das letzte Mal genutzt haben.

    Viele Webangebote setzen es als Erstes um: Eine in der Größe veränderbare Schrift. Die Schrift von vornherein größer zu setzen, Überschriften und Fließtext in der Größe von einander zu unterscheiden sind gelernte Muster. Dadurch wird die Content Usability unterstützt.

    Und auch wenn es wie ein Klischee klingt: Ältere Generationen lesen noch. Also können auch einige Funktionen etwas näher und genauer beschrieben werden.

  • Systemmeldungen
    Usability setzt eine System- und Technikakzeptanz voraus. Für ältere Menschen ist dies nicht selbstverständlich. Wenn sie aber die Akzeptanz haben und sich Anwendungen anschauen, sollte das System konsequent und an exponierter Stelle angeben, was es gerade macht. Das hilft Vertrauen aufzubauen und das steigert das Gefühl, die Technik zu beherrschen. Vor allem dann, wenn man eh nicht so genau weiß, was da eigentlich von statten geht.

Kleiner Selbsttest?
Ich habe ja schon in einem Kommentar zu Melitta Kaffeetüten geschrieben, dass ich mich hin und wieder auch mit etwas Humor an das Thema wage. Und wenn man mal einen Eindruck haben möchte, wie denn die eigene Homepage auf ältere Mitmenschen wirkt, ein kleiner Tipp: Sonnenbrille auf, Handschuh anziehen und dann mal surfen… (nicht wissenschaftlich fundierte Ergebnisse, aber einen Riesenspaß!)

Sri Kurniawan (Univerity of Manchester) und Panayiotis Zaphiris (City University London) haben eine Guideline für ältere Menschen im Netz veröffentlicht. Ein hervorragendes Dokument für jeden, der sich über dieses Thema Gedanken macht…
» Research-Derived Web Design Guidelines for Older Peop

Welche Erfahrungen habt ihr im Bereich „Usability für ältere Menschen im Web“ gemacht, auch „offline“ Erfahrungen interessieren mich.

6 Gedanken zu „Wenn Senioren das Web nutzen…

  1. Elske Ludewig

    Toller Beitrag! Vor allem die Story mit der alten Dame, die glaubte das Internet kaputt gemacht zu haben, ist äußerst amüsant. Dabei ist sie bestimmt kein Einzelfall. Man vergisst nur zu leicht, wie viele Menschen gerade erst anfangen, mit dem Internet vertraut zu werden.
    Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Silversurfer, die über sehr viel Erfahrung im Umgang mit dem Internet verfügen und dementsprechend auch anspruchsvoller im Hinblick auf Design und Funktionalitäten sind. Fakt ist, dass es sich um eine überaus heterogene Zielgruppe handelt und um eine, die sich stärker verändert als jede andere. Somit ist „Seniorenfreundliche Website-Gestaltung“ meiner Meinung nach eine größere Herausforderung, als man sich vielleicht vorstellen mag.

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  2. Claus Wagner

    Hallo Frau Ludewig,
    da haben Sie vollkommen recht, die Zielgruppe „Senioren“ ist viel zu heterogen, als dass sie mit ein paar Regeln abschließend beschrieben bzw. erschlagen werden könnte. Aber genau darum geht es und auch hier gebe ich Ihnen recht, es ist eine Herausforderung, die angenommen werden muss. Leider wenden sich viele, viel zu viele, Anwendungen aber eher an Jüngere statt an Ältere, weil sie evlt. diese Herausforderung scheuen. Wichtig ist aber m.E. vor allem: Seniorenfreundliche Gestaltung von Webseiten hat nichts mit „Behindertengerechten“ Seiten zu tun… und das wird oft verwechselt…
    Gruß Claus Wagner

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  3. Pingback: The Art of Web Usability » Blog Archive » Wenn Senioren das Web nutzen…

  4. Martin Beschnitt

    Guten Abend Herr Wagner,
    selbstverständlich ist Accessibility nicht mit Usability gleichzusetzen. Jedoch gibt es meines Erachtens eine große Schnittmenge in Bezug auf sog. allgemeine Guidelines (die sich nicht mit assistiven Technologien befassen).

    Mich würde gerne interessieren, wie Sie den von Herrn Shneidermann ins „Leben gerufenen“ Begriff ‚Universal usability‘ in diesem Zusammenhang sehen (siehe: http://universalusability.com/ bzw. direkt: http://universalusability.org/files/Shneiderman-May2000CACM.pdf).

    Hier wird „Universal Usability“ als eine Art „Mischung“ beider Fachgebiete angesehen.

    Vielen Dank übrigens für den Link zu den Guidelines von Kurniawan und Zaphiris. Diese Literaturquelle ist mir auch im Rahmen meiner Diplomarbeit in die Hände gekommen, bei der ich mich u. a. auch mit dem vergleich verschiedener Guidelinequelle und -arten beschäftigt habe. Leider handelt es sich bei diesem Guidelineset nur um kurze Statements ohne weitere Ausführung/Erklärung oder gar einem anschaulichem Beispiel.

    Viel lieber würde ich mir für ältere Nutzer im Web einen Guidelinekatalog à la Research-Based Web Design & Usability Guidelines (http://www.usability.gov/pdfs/guidelines.html) wünschen, der zu einer höheren Gebrauchstauglichkeit von Websites für ältere Menschen führt.

    Schauen wir einmal, was die Zukunft bringt, wenn unsere Gesellschaft weiter „altert“.

    Beste Grüße
    Martin Beschnitt

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  5. Claus Wagner

    Guten Morgen Herr Beschnitt,

    Sie haben vollkommen recht, zwischen Usability und Accessibility gibt es gerade bei den Guidelines eine große Schnittmenge. Je älter die Zielgruppe für einen speziellen Guideline wird, desto höher ist auch der Anteil der Accessibility Elemente in der Schnittmenge.

    Shneidermann hat mit seiner Universal Usability etwas beschrieben, dass einen Ansatz fährt, Dinge so zu konzipieren, dass sie für alle taugen. Also warum ein Handy für „normale“ Benutzer und das gleiche Handy nochmals für „behinderte“ Nutzer entwickeln oder gestalten?

    Ich denke, es ist ein guter Ansatz, der in Richtung „Standards“ geht. Aber ob er wirklich umsetzbar ist – vor allem im Bereich der Web-Site-Usability, in der natürlich auch „Ease of use“ und „User Experience“ eine große Rolle spielen, bleibt zu prüfen… Denn gerade „User Experience“ ist ein zielgruppenabhängiges Moment…

    Gruß Claus Wagner

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