Interview mit Theresa Hering zu Methoden und Verfahren zur Analyse der Usability und Trends im Web-Design

Theresa HeringTheresa Hering arbeitet als Online Producerin bei der Exclusive & Living Digital GmbH, eine Tochtergesellschaft des Druck- und Verlagshauses Gruner + Jahr in Hamburg. In dieser Tätigkeit ist sie für die Frontend-Entwicklung der Websites (livingathome.de, essen-und-trinken.de, schoener-wohnen.de, wiewohnstdu.de, dogs-magazin.de) zuständig. Gleichzeitig überwacht sie die Usability des Webangebotes. Dazu gehören sowohl die Ausarbeitung und Konzeption von Maßnahmen zur Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit als auch die Durchführung von Tests auf den Sites. Außerdem engagiert sich Theresa Hering dieses Jahr als Jury-Mitglied beim eResult Usability-Contest. Im Interview hat sie uns drei Fragen zu Methoden der Usability-Forschung und Trends im Webdesign beantwortet. Dabei geht sie auch auf Personalisierung und Individualisierung ein.

Welche Methoden und Verfahren zur Analyse der Usability im engeren Sinne werden derzeit auf den von Ihnen betreuten Websites am häufigsten eingesetzt?

Intensive und regelmäßige Trafficbeobachtungen bilden die Grundlage für die Überwachung der Usability unserer Websites im täglichen Betrieb. Die Zahlen liefern hilfreiche Aussagen über die Performance einzelner Seiten und geben wertvolle Hinweise über Schwierigkeiten in der Benutzbarkeit. Dabei geht es insbesondere um die Identifizierung von kritischen Funktionalitäten, wie Navigationsstrukturen oder Registrierungsprozesse. Die genaue Auswertung des Traffics erlaubt es uns, schnell Rückschlüsse zu ziehen, um kurzfristig Optimierungsmaßnahmen auf unseren Sites durchführen zu können. Nur so können wir konkurrenzfähig bleiben und auf die rasanten Entwicklungen im Onlinegeschäft angemessen reagieren. Für kleinere Testings sind frei verfügbarer Testing-Tools eine hilfreiche Methode, um schnell und kostengünstig A/B-Tests oder multivariate Tests durchführen zu können. Der Vorteil solcher Tests besteht in der einfachen Durchführbarkeit, wodurch sich schnell Ergebnisse erzielen lassen. Für umfangreiche Untersuchungen sind solche Tools allerdings weniger geeignet, da sie nur begrenzt Spielraum für spezifische Anforderungen zulassen und kaum Möglichkeit bieten, Aussagen über bestimmte Zielgruppen zu treffen. Die angesprochenen Verfahren zur Optimierung der Usability unserer Websites dienen als Grundlage unserer Analysen, können aber die klassischen Usability Evaluationsverfahren nicht ersetzen. Daher arbeiten wir insbesondere bei der Entwicklung neuer Websites eng mit Usability Agenturen zusammen, um die Sites bereits während des gesamten Entwicklungsprozesses auf Schwachstellen zu überprüfen. Darüber hinaus muss die Usability für jede einzelne Site individuell betrachtet werden. Dieser Herausforderung müssen wir uns in besonderem Maße stellen, da sich unser Webangebot, zu dem mittlerweile fünf verschiedene Sites gehören, an verschiedene Nutzergruppen mit unterschiedlichen Bedürfnissen richtet. Diese stellen nicht nur unterschiedliche Anforderungen an die Funktionalitäten der Sites, sondern auch an die Aufbereitung der Inhalte. Optimierungen, welche wir beispielsweise auf essen-und-trinken.de vorgenommen haben, müssen daher nicht zwingend auch auf schoener-wohnen.de funktionieren.

Würden Sie sich wünschen, dass andere Methoden & Verfahren verstärkt zum Einsatz kommen?

Insbesondere im Onlinebusiness, wo schnelle Reaktionen gefragt sind, wären Tools oder Verfahren hilfreich, die es ermöglichen, schnell verlässliche Aussagen über tagesaktuelle Fragestellungen treffen zu können. Für die tägliche Überwachung sind die bekannten Verfahren der Usability Evaluation, die eine längere Vorbereitung, Laufzeit und Auswertung erfordern, leider oftmals nicht geeignet.

Welche Trends im Web-Design auf redaktionellen Websites sehen Sie für die kommenden 2-3 Jahre auf uns zukommen? Welche Trends- und Entwicklungen zeichnen sich aus Ihrer Sicht im Bereich „Personalisierung“ und „Individualisierung“ ab?

Der Wunsch zur Mitbestimmung und Mitgestaltung von Inhalten tritt immer stärker in den Vordergrund. Auf diese Entwicklung müssen insbesondere redaktionelle Websites angemessen reagieren können. Sie müssen Usern einerseits ausreichend Spielraum zur Interaktion lassen, andererseits aber auch die redaktionelle Unterstützung bieten, um die Qualität der Inhalte zu gewährleisten und ein attraktives Umfeld für Werbekunden zu gewährleisten. In diesem Zusammenhang sind auch die Entwicklungen zur Personalisierung von Inhalten zu sehen. User wollen immer häufiger bestimmen, welche Inhalte sie wann, wie und wo angezeigt bekommen. Dabei geht es sowohl um die individuelle Gestaltung der Oberfläche als auch um die persönliche Auswahl der Inhalte. Zahlreiche Websites, insbesondere Social Networks und Communities, berücksichtigen diese Bedürfnisse bereits und bieten verschiedene Möglichkeiten, einzelne Seiten individuell gestalten zu können. Dieser Trend wird sich weiter fortsetzen und Websites werden mehr und mehr Baukastensystemen ähneln, aus denen User verschiedene Bausteine wählen können.

Hinweis – Usability-Contest:

In diesem Jahr findet wieder der eResult Usability-Contest statt.
Dazu sind Studenten, Wissenschaftler und Designer herzlich eingeladen. Eingereicht werden können wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Usability. Aber auch Designkonzepte für Online-Anwendungen sind willkommen. Insgesamt stehen 7.000 € Preisgelder zur Verfügung.
Weitere Infos findet Ihr unter: www.eresult.de/usability-contest

Euer Usabilityblog-Team.

2 Gedanken zu „Interview mit Theresa Hering zu Methoden und Verfahren zur Analyse der Usability und Trends im Web-Design

  1. Stefan Meissner

    Gerade für die tägliche Überwachung von kritischen Prozessen ist Mousetracking sehr interessant. Erfährt man bspw. über Webanalysetools, dass an einem bestimmten Prozess ein Problem auftritt, kann man einfach ein paar Nutzer aufzeichnen und dann sehr schnell in Erfahrung bringen, woran diese scheitern. Gerade bei größeren Portalen, wo immer irgendwo geschraubt wird, können so aufgetretene Probleme in der Navigation oder schlicht Bugs herausgefunden werden – und das in ein paar Stunden…

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  2. Thorsten Wilhelm

    Vielen Dank für dieses spannenden Interview. Es ist interessant zu lesen wie eng klassische Usability-Verfahren und Methoden der Web-Analyse (Web-Analytic) miteinander verbunden werden (können und sollten).
    Wichtig erscheint mir auch der Gedanke, dass man „schnell“ Methoden der Nutzeranalyse ebenso braucht, wie ein systematisches „user centered design“, im Sinne einer frühzeitgen und permanenten Intergration von Nutzern im Rahmen eines Entwicklungs- oder Optimierungsprozesses. Angefangen bei Anforderungsanalysen über Nutzerbefragungen, über Rapid Prototyping, iterative Nutzertests im Lab bis hin zur Erfolgskontrolle über z. B. Bewertungsbefragungen, Benchmarking und Beobachtung des Klickverhaltens und der Mausbewegungen.
    Grade im Zeitalter der vielen „schnellen“ Methoden und Verfahren der Nutzerbeobachtung sollten wir nicht vergessen, dass eine systematische Vorgehensweise (Usability Engineering) unter Einbeziehung von von Nutzer immer noch die besten Ergebnisse bringt. Die „schnellen“ Methoden sind eher als Methoden zum Erkennen von Problemen zu sehen. Die erlauben jedoch in der Regel keine direkt ableitbaren Optimierungen.

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