Wissenschaftliches Arbeiten (Teil 3)

„Nichts ist praktischer als eine gute Theorie“
Kurt Levin 1890-1947

Im heutigen Beitrag unserer Reihe „wissenschaftliches Arbeiten“ steigen wir tiefer in das Schreiben der eigentlichen Arbeit ein. Beginnen möchte ich mit einigen Hinweisen zum Definieren wissenschaftlicher Begriffe. Anschließend wird es um das Aufbereiten wissenschaftlicher Studien gehen. Danach beschäftige ich mich mit Theorien. Das Aufstellen verschiedener Forschungshypothesen rundet den Beitrag ab. Ich wünsche Euch wie immer viel Spaß beim Lesen.

Begriffe definieren:
Zu Beginn einer wissenschaftlichen Arbeit geht es erst einmal darum, die zentralen Begriffe der Arbeit zu definieren. Dazu sollte man zunächst Definitionsvorschläge aus der Literatur zusammenstellen. Bei Definitionen handelt es sich um sprachliche Konventionen, die von den Autoren selbst festgelegt werden. In einer Definition werden der zu definierende Begriff (z. B. Usability) mit den zur Bestimmung herangezogenen Erklärungen und Hinweisen (z. B. Benutzerfreundlichkeit von Online-Anwendungen) gleichgesetzt. Das Definiendum (das zu Definierende, hier: Usability) wird durch ein Definiens (das Definierende, hier: Benutzerfreundlichkeit von Online-Anwendungen) erklärt. Das Definiendum ist jederzeit durch das Definiens ersetzbar. Ziel des Ganzen ist eine möglichst schnelle, eindeutige und ökonomische Verständigung zwischen den Autoren und den Lesern. Grundsätzlich lassen sich zwei Strategien zur Definition von wissenschaftlichen Begriffen abgrenzen:

  • Strategie 1: Die begründete Auswahl:
    Zunächst verschafft man sich einen Überblick über die in der Fachliteratur diskutierten Definitionen. Man kann z. B. den jeweiligen Begriff in einem Fachlexikon nachschlagen und mit der dortigen Definition beginnen. Dann trägt man weitere Definitionsvorschläge aus der Literatur zusammen. Man sollte mindestens drei verschiedene Definitionen vorstellen und miteinander vergleichen. Darunter sollte sich auch die „vorherrschende Lehrmeinung“ befinden. Unter Berücksichtigung der eigenen Fragestellungen sollte man dann eine begründete Auswahl treffen und sich der jeweiligen Definition anschließen. Wichtig ist, dass man kurz begründet warum man sich für die ausgewählte Definition entschieden hat.
  • Strategie 2. Synopse und Synthese:
    Genau wie bei der begründeten Auswahl beginnt man auch hier mit der Sammlung verschiedener Definitionsvorschläge. Diese werden kommentiert und vergleichend gegenübergestellt. Dadurch vermittelt man dem Leser ein möglichst umfassendes Bild über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Diskussion. Hier empfiehlt sich eine tabellarische Darstellung, in der die markanten Punkte der einzelnen Definitionen überblicksartig zusammengestellt werden. In einem nächsten Schritt entwickelt man mittels Synthese der vorhandenen Definitionen einen eigenen Definitionsvorschlag. Dies ist wesentlich anspruchsvoller als die Übernahme einer bereits bestehenden Definition. Wenn die eigene Definition zu den Fragestellungen der Arbeit passt und gut abgeleitet wird, bekommt man dafür auch eine wesentlich bessere Bewertung. Außerdem macht das eigenständige Entwickeln eines Definitionsvorschlages auch viel mehr Spaß als das bloße „Abschreiben“ und Übernehmen bestehender Definitionen.

Wissenschaftliche Studien aufbereiten:
Bei Eurer Recherche werdet Ihr feststellen, dass es schon viele empirische Studien zu Eurem Thema oder zumindest zu ähnlichen Themen gibt. Aber wie findet man sich in der Fülle an Informationen zurecht? Und wie bereitet man diese Studien für die eigene Arbeit bzw. Studie möglichst übersichtlich auf? Zunächst sollte man die einzelnen Studien kurz überfliegen und stichwortartig kommentieren (siehe unseren Beitrag zum wissenschaftlichen Arbeiten Teil 2: Rationales Lesen). Um die einzelnen Studien aufbereiten zu können sollte man einen eigenen Kriterienkatalog aufstellen. Dabei gilt es zwei zentrale Ziele zu verfolgen. Zum einen hilft Euch der Kriterienkatalog einen besseren Überblick über die ganzen empirischen Arbeiten zu bekommen. Und zum anderen zeigt Ihr dem Leser (insbesondere Eurem Betreuer), dass Ihr systematisch vorgegangen seid. Als Gedankenanregung mögen die folgenden Fragestellungen dienen:

  • Wer hat die Studie durchgeführt?
  • Wann wurde die Studie durchgeführt (Achtung! Das Jahr der Veröffentlichung kann vom Durchführungszeitpunkt abweichen)?
  • Wo wurde die Studie durchgeführt (z. B. USA oder Europa)?
  • Was haben die Autoren untersucht (z. B. Online-Shops)?
  • Welcher Fragestellung sind die Autoren nachgegangen (z. B. Wirkung verschiedener Werbeflächen auf Startseiten)?
  • Wer wurde befragt (z. B. Privatkunden oder Geschäftskunden)?
  • Wie groß war die Stichprobe?
  • Nennen die Autoren Theorien und wenn ja, welche?
  • Welchen Forschungshypothesen sind die Forscher nachgegangen?
  • Welchen Forschungsansatz haben die Autoren gewählt (z. B. eine Onlinebefragung oder ein Experiment im Labor)?
  • Kamen besondere Formen der Datenerhebung (z. B. Blickregistrierung) zum Einsatz? Wie wurden die Daten ausgewertet (z.B. mit Hilfe der Regressionsanalyse)?
  • Zu welchen Erkenntnissen kommen die Autoren (z. B. Banner-Blindness auf der Startseite über der horizontalen Navigation)?

Die Antworten auf die gestellten Fragen kann man erst einmal auf einem Blatt notieren und an die jeweilige Studie heften. Wenn man dann die einzelnen Studien in der eigenen Arbeit beschreibt, helfen diese Notizen ungemein weiter. Aus den gewonnenen Erkenntnissen kann man dann eine schöne Übersichtstabelle am Ende des Kapitels zusammenstellen. Der Leser (bzw. Euer Betreuer) kann sich dann einen schnellen Überblick über den aktuellen Forschungsstand verschaffen. Natürlich habt Ihr dann auch einen wesentlich besseren Überblick, den Ihr gut für die Konzeption Eurer eigenen Studie nutzen könnt.

Theorien diskutieren:
Bei Theorien handelt es sich um ein vereinfachtes Abbild der Realität (Abstraktion). Theorien dienen als Hauptinformationsträger der wissenschaftlichen Erkenntnis. Mit Hilfe von Theorien möchte man die Realität beschreiben und erklären. Und unter Umständen auch Prognosen für die Zukunft treffen. In Theorien werden Annahmen getroffen, die es empirisch zu überprüfen gilt. Theorien erfüllen mehrere Aufgaben gleichzeitig: Zu nennen ist die Erklärung von individuellen und allgemeinen Tatbeständen sowie die Prognose von Ereignissen. Sie dienen als Technologie zur Gestaltung bzw. Veränderung der Realität. Mit Hilfe von Theorien kann man eine Sozial- und Ideologiekritik vornehmen. Ferner können sie zur Prüfung ihrer eigenen Richtigkeit herangezogen werden. Außerdem können Theorien weiterentwickelt werden bzw. zur Formulierung neuer Theorien dienen. Im Rahmen Eurer wissenschaftlichen Arbeit geht es vorrangig darum, geeignete Theorien auszuwählen und zu beschreiben. Dabei kommt es darauf an, darzustellen von wem die Theorie stammt, welche Annahmen der Theorie zugrunde liegen und zu welchen Aussagen die Theorie kommt. Im nächsten Schritt müsst Ihr die einzelnen Theorien auf Euren Untersuchungsgegenstand anwenden. Dabei muss klar werden, warum die ausgewählte Theorie geeignet ist, Euren Untersuchungsgegenstand zu erklären. Wenn man die einzelnen Theorien vorgestellt hat, kann man Hypothesen aufstellen, die Ihr mit Eurer Untersuchung überprüfen könnt. Es kommt nicht darauf an, möglichst viele Theorien zu diskutieren, sondern die ausgewählten Theorien möglichst genau zu beschreiben. Der Leser muss gewissermaßen abgeholt werden. Wenn Ihr verschiedene Theorien kennen gelernt habt, solltet Ihr Eure Auswahl mit Eurem Betreuer besprechen. Das ist wichtig, damit Ihr wisst, ob Ihr in die richtige Richtung denkt und Eure Arbeit in die richtige Richtung geht.

Hypothesen formulieren:
Hypothesen sind Aussagen, deren Gültigkeit zunächst erst vermutet wird. Hypothesen werden basierend auf den bisherigen theoretischen und empirischen Erkenntnissen des jeweiligen Forschungsbereichs aufgestellt. Sie stellen gewissermaßen das Bindeglied zwischen Theorie und Forschung her. Es ist außerdem üblich, Bedingungen anzugeben unter denen die Hypothesen gültig sind. Daher ist es so wichtig, sich mit aktuellen Forschungsergebnissen und bestehenden Theorien zu beschäftigen. Hypothesen behaupten einen Zusammenhang zwischen zwei oder mehr Variablen. Hypothesen legen also eine Relation zwischen zwei oder mehr Variablen fest. Dabei geht die Ursache stets der Wirkung voraus. Sinn und Zweck des Ganzen ist die Überprüfung dieser Aussagen an der Realität. Eine Hypothese muss daher so formuliert sein, dass sie durch empirische Beobachtungen falsifiziert (widerlegt) werden kann. In der empirischen Forschung werden verschiedene Arten von Forschungshypothesen unterschieden. Am häufigsten findet man die Zusammenhangshypothese (Dabei besteht zwischen zwei oder mehr Variablen ein Zusammenhang).

Hypothesen:
„Je übersichtlicher eine Startseite gestaltet ist, desto größer ist die Usability der Startseite.“
„Je besser die Usability eines Online-Shops, desto häufiger wird er von den Nutzern besucht.“

Aber auch Unterschiedshypothesen sind sinnvoll:

Hypothesen:
„Die Gestaltung der Startseite wird von Frauen anders beurteilt als von Männern.“
„Nutzer, die den Online-Shop sehr häufig besuchen, beurteilen die Usability anders, als Nutzer, die nicht so häufig im Online-Shop vorbeischauen.“

Wenn Ihr Eure Hypothesen für Eure Arbeit formuliert, könnt Ihr Euch auch an den durchgearbeiteten Studien orientieren. Dort findet Ihr häufig Forschungshypothesen, die Ihr an Eure Fragestellung anpassen könnt. Das erleichtert das Formulieren der Hypothesen erheblich. Aber bitte beachtet auch hier: Die aufgestellten Hypothesen müssen anschließend empirisch geprüft werden. Daher gilt auch hier, lieber wenige gut formulierte Forschungshypothesen aufstellen, die man anschließend auch empirisch prüfen kann. Diesen Teil Eurer Arbeit solltet Ihr unbedingt vor Eurer eigenen empirischen Untersuchung mit Eurem Betreuer abstimmen.

Literaturtipps

  • Bortz, Jürgen & Döring, Nicola (2006). Forschungsmethoden und Evaluation: für Human- und Sozialwissenschaftler, 4. Auflage, Berlin, Heidelberg & Ney York: Springer (Preis: 49,95€)
  • Bortz, Jürgen & Döring, Nicola (2005). Statistik für Human- und Sozialwissenschaftler, 6. Auflage, Berlin, Heidelberg & Ney York: Springer (Preis: 49,95€)

Internetquellen

Wissensportale von Zeitungen und Zeitschriften

Hinweis – Usability-Contest:

In diesem Jahr findet wieder der eResult Usability-Contest statt.
Dazu sind Studenten, Wissenschaftler und Designer herzlich eingeladen. Eingereicht werden können wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Usability. Aber auch Designkonzepte für Online-Anwendungen sind willkommen. Insgesamt stehen 7.000 € Preisgelder zur Verfügung.
Weitere Infos findet Ihr unter: www.eresult.de/usability-contest

Euer Usabilityblog-Team.

2 Gedanken zu „Wissenschaftliches Arbeiten (Teil 3)

  1. Alexander Magerhans

    Ein wichtiger Hinweis in eigener Sache: Viele Studenten möchten ihre Arbeit noch einreichen. Daher haben wir die Einreichungsfrist für den Usability-Contest 2009 bis zum 31.07.2009 verlängert.

    Antworten
  2. Steve Ettlich

    Sehr guter Beitrag….sehr gut formuliert…kurz und knapp, so muss das sein.
    Ich würde mich sehr über einen Beitrag zum Thema Marktforschung (vielleicht an einem Beispiel) freuen, der die einzelnen Phasen verständlich beschreibt. Denn gerade bei der Definierung des Untersuchungsproblems scheitern viele Studenten.

    LG

    Steve Ettlich

    Antworten

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