Die Positionierung eines Navigationsmenüs hat keinen Einfluss darauf, wo Nutzer mit ihrer Informationssuche beginnen – Ergebnisse einer Eyetracking Studie

Eine interessante Eyetracking Studie der amerikanischen Wissenschaftlerin Lynne Cooke aus dem Jahr 2008 untersuchte mit 41 Probanden, wie diese nach spezifischen Informationen auf einer Website suchen, die mehrere Navigationsmenüs anbietet.

Als Untersuchungsgegenstand wurden Websites ausgewählt, die einen starken Informationscharakter, mindestens zwei unterschiedliche Navigationsmenüs (links, oben, mittig) sowie Zielgruppen- und Themeneinstiege aufweisen. Unter den 5 untersuchten Websites befanden sich zum Beispiel die National Aeronautics and Space Administration (NASA) oder das National Institutes of Health (NIH).


Cooke bediente sich beim Untersuchungsdesign eines Multimethoden-Ansatzes zur Datenerhebung: Blickverlaufsanalyse und Videokonfrontation mit nachträglichen Protokollen lauten Denkens (nPLD). Die bei der aufgabenbasierten Websitenutzung erfassten Blickdaten dienten bei der darauffolgenden Videokonfrontation als Stimulusmaterial, um mit Hilfe der Denkprotokolle das Verhalten und die Motivation bei der Nutzung möglichst genau zu evaluieren. Weitere Details und Hintergründe zu den Methoden sind auch in einem Forschungsbeitrag zu Denkprotokollen und Videokonfrontation veröffentlicht.

Untersuchungsergebnisse

Positionierung: Die Untersuchungsfrage, ob es einen typischen Bereich für ein Navigationsmenü gibt, in dem die Nutzer mit ihrer Suche beginnen, wurde mit nein beantwortet. Bei keiner Website konnte in der Blickverlaufsanalyse eine Tendenz zur linken, oberen oder mittleren Navigation festgestellt werden, bei der die Testpersonen mit der Suche nach einem zielführenden Element beginnen. Bereits in der ersten Orientierungsphase wurden die unterschiedlichen Navigationsmenüs im peripheren Gesichtsfeld wahrgenommen.

Zielgruppeneinstiege (z. B. „For Educators“) wurden in den Navigationsmenüs häufiger genutzt als Themeneinstiege (z. B. „Institutes“). In 63% der Fälle wurden Zielgruppeneinstiege zur Lösung der Aufgaben gewählt. Themeneinstiege wurde nur in 35% aller Fälle verwendet. Die Position dieser Einstiege hatte dabei keinen Einfluss auf die Nutzung eines Links.

In den nPLDs gaben die Testpersonen an, dass sie die Zielgruppeneinstiege dann nutzten, wenn sie sich a) mit einer Zielgruppe und b) mit der Aufgabenstellung identifizieren konnten, so dass sie sich in die entsprechende Rolle einer Person hineinversetzen konnten, die eine bestimmte Information sucht.

Beeinflussung bei der visuellen Suche: Bilder sowie der rechte Seitenbereich erhielten wenig Aufmerksamkeit. Die Testpersonen begründeten das damit, dass sie diese Bereiche als nicht zielführend für die Lösung der Aufgabe empfanden und insbesondere den rechten Seitenbereich mit Werbung in Verbindung setzten. Dieser Bereich erhielt weniger als 15% der gesamten durchschnittlichen Fixation, Bilder sogar nur unter 10%. Jedoch unterstützten diese Bereiche die Probanden bei der Informationssuche insofern, dass sie wussten, wo sie nicht hingucken brauchten.

Folgende Thesen stellte Cooke als Erkenntnisse aus der Studie auf:

  1. Eine aufgabenbasierte Informationssuche wird nicht willkürlich vorgenommen, sondern ist zielgerichtet und hoch effizient.
  2. Nutzer verwenden keinen routinierten Scanpfad beim Durchsuchen einer Homepage.
  3. Nutzer sind erfahren im Umgang mit Navigationsmenüs, unabhängig von der Positionierung links, oben oder mittig.

Abschließend gibt Cooke Hinweise zur Websitegestaltung, um die Informationssuche zu erleichtern:

  • Platzieren Sie Navigationsmenüs da, wo Nutzer sie erwarten: links, oben oder in der Mitte.
  • Ermitteln Sie, wer Ihre Website hauptsächlich nutzt und bieten Sie Zielgruppeneinstiege an.
  • Nutzen Sie Bilder, um den Nutzer gezielt auf die Navigationsmenüs zu lenken.
  • Vermeiden Sie es, wichtige Einstiege im rechten Seitenbereich zu positionieren.

Was sind eure Erfahrungen mit dem Thema? Könnt Ihr die Ergebnisse bestätigen oder gibt es Widersprüche?

Literatur:
Cooke, Lynne (2008): How Do Users Search Web Home Pages? An Eye-Tracking Study of Multiple Navigation Menus. In: Technical Communication. No. 2, S. 176-194.

5 Gedanken zu „Die Positionierung eines Navigationsmenüs hat keinen Einfluss darauf, wo Nutzer mit ihrer Informationssuche beginnen – Ergebnisse einer Eyetracking Studie

  1. Arthur

    Was die Positionierung der Menüs angeht habe ich den Eindruck, dass eine mittige Navigation durchaus auch schwierig sein kann. Hier muss denke ich auf das drumherum geachtet werden. Und dass rechts dafür kein guter Platz ist, das ist bestimmt so.

    Was ich ein wenig widersprüchlich finde: einerseits heißt es:
    „Bilder sowie der rechte Seitenbereich erhielten wenig Aufmerksamkeit. … Dieser Bereich erhielt weniger als 15% der gesamten durchschnittlichen Fixation, Bilder sogar nur unter 10%. Jedoch unterstützten diese Bereiche die Probanden bei der Informationssuche insofern, dass sie wussten, wo sie nicht hingucken brauchten.“
    Andererseits dann aber:
    „Nutzen Sie Bilder, um den Nutzer gezielt auf die Navigationsmenüs zu lenken.“

    Mein Eindruck ist auch, dass gerade bei informationsbietenden Seiten die Anzahl der Bilder niedrig gehalten werden sollte. Nur wie ist das Testergebnis zu diesem Punkt jetzt doch zu verstehen?

    Antworten
  2. Christoph Anders Beitragsautor

    Die Hinweise von Cooke sind denke ich qualitativ zu verstehen. Über die Anzahl von Bildern machte sie keine Aussage. Bilder und „Banner“ wurden von den Testpersonen im peripheren Gesichtsfeld wahrgenommen, jedoch dann nicht fokussiert.

    Jeder Nutzer erstellt sich bei der Betrachtung einer Website einen individuellen Scanpfad. Dabei wird die Seite analysiert und in Bereiche aufgeteilt. Bereiche, die z. B. für eine Informationssuche nicht zielführend sind, werden intuitiv nicht weiter betrachtet. Auf dieses individuelle Muster greift der Nutzer dann immer wieder zurück.

    Vor diesem Hintergrund können Bilder vielleicht helfen, die Bereiche einzugrenzen, die für einen Einstieg zu weiteren Informationen identifiziert werden.

    Antworten
  3. Amos

    Die Tatsache, dass Bilder wenig beachtet werden, gilt wohl nur für informationsbezogene Seiten. Auf einem Onlineshop sind Bilder wohl eher noch wichtiger als Text.

    Wie kommt man denn an die Publikation heran?

    Antworten
  4. Christoph Anders Beitragsautor

    @Amos: Viele Faktoren spielen bei der Betrachtung von Bildern eine Rolle. Zunächst muss zwischen verschiedenen Websitetypen unterschieden werden. Handelt es sich z. B. um eine Startseite, eine Produktübersichtsseite oder Detailsseite usw. Wie ist das Text-Bild-Verhältnis auf einer Seite und natürlich auch, ob es sich um eine Website mit primärem Informationscharakter oder eher einem Onlineshop mit Produktpräsentation handelt. Jedoch auch da ist es entscheidend mit welcher Intention und Weberfahrung die Nutzer eine Seite betrachten. Alles was so ähnlich aussieht wie Werbung wird weniger stark betrachtet.

    Der Artikel von Lynne Cooke wurde in der Technical Communication veröffentlicht. Ich habe mir den Beitrag als Fernleihkopie über die Universitätsbibliothek zuschicken lassen.

    Antworten
  5. Pingback: Technikwürze – Web Standards Podcast » Blog Archive » Technikwürze 139 – 68% Luftfeuchtigkeit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.