Ein Blick in die Glaskugel: Wie sieht das Internet in 10-15 Jahren aus?

glaskugelDiesem spannenden Thema widmete sich das gestrige Strategie-Special auf dem Internet World Kongress. Herr Joachim Graf eröffnete den 2. Kongresstag mit einem sehr anregenden Vortrag über intelligenten Staub und das Ende des WWWs – zumindest in der Form wie wir es heutzutage kennen.

„1435mm“: Was anfangs der optimale Abstand zweier Wagenräder einer römischen Kutsche war, ist heute auch beim ICE der dritten Generation zu finden. Mit dem kleinen Unterschied, dass man keine Pferde mehr davor spannen muss. Nach dieser sehr amüsanten historischen Anekdote und dem zusätzlichen, bildlichen Vergleich eines Mega-Trends mit dem Wandern eines Gletschers (im Sinne der langfristigen Entwicklung) war das Publikum vollkommen erwacht und aufnahmebereit für die Zukunftsvisionen von Herrn Graf.
Fest steht, dass im Jahre 2025 das Internet von Menschen gesteuert bzw. dominiert wird, die ein Leben ohne das Web nicht kennen. Der Trend wird immer mehr zu „Häppchen-Medien“ gehen, z. B. virale Videos mit einer maximalen Länge von 30sek.

Zudem wird laut Graf die steigende Beliebigkeit an Daten (aufgrund der schieren Masse) zu einem sinkenden Qualitätsanspruch führen. Es muss nicht unbedingt „gut“ sein, Hauptsache „hip“ und auch „schnell“. Was dabei jedoch sehr wichtig ist bzw. immer wichtiger wird, ist die Authentizität der Informationen.
Dies hat zufolge, dass eine Veränderung der Rollen stattfindet, die teilweise auch jetzt schon ansatzweise zu erkennen ist. Die Meinung-Eliten verlieren an Einfluss bzw. müssen sich diesen erst verdienen. D.h. sie haben diesen nicht mehr per Funktion. Die Masse gewinnt hingegen an Einfluss („Interne Demokratisierung der Gesellschaft“).

Wer letztendlich seinen Tanker ins Jahr 2025 manövrieren möchte, der muss sich „von der Seitenmetapher des WWWs nun endgültig verabschieden“. Das bisherige WWW wird durch das WWWW (Widget World Wide Web) abgelöst. Widgets oder Agenten, die beispielsweise in sozialen Netzwerken eingebunden sind, werden das Browsen auf einzelnen Seiten obsolet machen. Die Informationen kommen zum Nutzer und müssen nicht mehr von ihm aktiv gesucht werden.

Prof. Dr. Klemens Skibicki knüpfte an Herrn Grafs Vortrag und seine Visionen zum Jahr „2025: kaufen, Leben, Arbeiten nach der Social Media (R)Evolution“ hervorragend mit einem sehr lebendigen Vortrag an. Mega-Trends sind auch nach seiner Meinung nach langfristig anzusiedeln, da „die Technik sich zwar rasend schnell weiterentwickelt, der Mensch aber nicht“. Er braucht immer ein wenig länger bis nicht nur die Early Adopters den Wert eines neuen Produktes erkennen.

Laut Skibicki werden soziale Netzwerke in Zukunft die Dreh- und Angelpunkte im Netz sein. Schon jetzt bietet Facebook so viele Widgets, dass man nicht mehr unbedingt die Seite verlassen muss, um sich die News oder die neusten Videos von youtube anzuschauen (Somit wären wir wieder beim Vortrag von Herrn Graf). Das „Web2.0 Kommunikationsmodell“ löst das klassische „Ein Sender, mehrere Empfänger“-Prinzip ab. Nicht mehr die Unternehmen bzw. die Gatekeeper (TV, Radio, …) geben den Ton an. Im Rahmen des mobilen Webs wird es zu einer Medienkonvergenz kommen, die zudem die „Produktionsmittel in die Hände der Massen“ (Karl Marx) gibt. Schon jetzt nehmen wir mit youtube und Nutzerbewertungen Einfluss. Dies wird in Zukunft noch viel stärker zunehmen. („Dialog statt Monolog“, „Bottom-Up anstatt Top-Down“)

Software und Daten werden in Zukunft immer mehr nur noch online abgelegt bzw. angeboten (Cloud Computing und das Ende der klassischen Softwarelizenzen?).
Die ganze Welt sprich derzeit bzw. sprach vor einem Jahr noch vom Hype „virtual reality“. Es wird sich jedoch in Zukunft eher eine Erweiterung der Realität als dessen Ersatz durchsetzen (man siehe die rückläufigen Zahlen bei Second Life).

Ein schönes Beispiel ist hier ein Video von BMW, das während des Vortrages gezeigt wurde. Man überlege sich hier den (Zusatz-)Nutzen für Ikea oder den Einsatzbereich in Sachen virtuelle Anprobe bei Online-Shops:



Die Kombination einer solchen Sonnenbrille mit einer Gesichtserkennung und dem Zugriff auf soziale Netzwerke verdeutlichte Skibicki sehr anschaulich in dem er mit einer Sonnenbrille durch das Publikum schritt. Sie half ihm angeblich beim vorabendlichen Flirten. Namen und Alter der Damen auf einer Party konnte er über Facebook erfahren. Die berufliche Übereinstimmungen mit jeder Person ihm Raum lieferte ihm XING.

Was auf der einen Seite toll klingt, bedeutet aber auch den totalen Verlust der Privatsphäre im Netz. Sehr bedenklich, wenn man einmal genauer darüber nachdenkt.

Die größten Hürden sind aus seiner Sicht dann aber doch wieder im technischen Bereich zu sehen (Widerspruch? Oder nur einmal 1 Minute nicht aufgepasst?) – beispielsweise bei Laufzeiten von Akkus. Selbstverständlich aber auch bei den „Dinosauriern“, Entscheidern, die nicht offen für Neues sind und am Alten festhalten wollen.

Ich hoffe, der sehr anschauliche und zugleich informative Vortrag wird im Anschluss an die Messe frei zum Download angeboten. Leider musste der Referent direkt los, um seinen Flieger zu erreichen.

Zudem bin ich gespannt, wie viel sich von den ganzen angesprochenen Trends bewahrheiten wird. Ich hoffe, ich werde mich in 10 Jahren noch an den Blogbeitrag bzw. an Herrn Grafs/Skibickis Visonen erinnern können. Die angesprochene Anzeige der virtuellen Speisekarte bei meinem Italiener um die Ecke (inkl. Userbewertungen zu den einzelnen Gerichten) finde ich durchaus interessant und halte dies auch in naher Zukunft für machbar.

Portrait: Martin Beschnitt

Martin Beschnitt

Managing Director & Senior UX-Consultant

eresult GmbH

Bisher veröffentlichte Beiträge: 145

3 Gedanken zu „Ein Blick in die Glaskugel: Wie sieht das Internet in 10-15 Jahren aus?

  1. philosapiens

    Hallo,

    vielen Dank für diese sehr gelungene Zusammenfassung eines bestimmt viel längeren Vortrags.

    Die am Ende angesprochene Vision mit dem Italiener um die Ecke wird doch sogar schon in Berlin gerade in der 2. Ausbaustufe praktiziert. Zwar alles noch in den Kinderschuhen, doch kann man beispielsweise im Bezirk Pankow Restaurants bewerten und diese Bewertung auch online nachlesen.

    http://www.taz.de/regional/berlin/aktuell/artikel/1/ekel-a-la-carte/

    Die Zukunft hat also bereits begonnen. 😉

    Wir lesen uns!

    philosapiens

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  2. Martin Beschnitt Beitragsautor

    Hallo philosapiens,
    mit dem Italiener um die Ecke meinte ich eher die visuelle Anzeige der Speisekarte in der eigenen Brille. Vergleichbar mit wikitude. D.h. das normale Sichtfeld bzw. die Realität wird ergänzt durch nützliche Infos, wie beispielsweise auch beim wikitude-Projekt. Siehe dazu einmal http://www.youtube.com/watch?v=8EA8xlicmT8 Sehr interessant. Sightseeing 2.0:-)

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