Usability-Tests selbst gemacht – Die besten Tipps und die wichtigsten Vor- & Nachteile

Typischer Aufbau beim Usability-TestingAufgrund immer kürzerer Produktzyklen bekommt die Usability („Benutzerfreundlichkeit“) heutzutage einen immer höheren Stellenwert als Wettbewerbsfaktor. Dieser Artikel zeigt, wo die Vor- und Nachteile von selbst organisierten Tests im Vergleich zu professionellen Dienstleistungen liegen, gibt Tipps und macht deutlich, warum es unabdingbar ist, systematisch und kontinuierlich zu testen.

Der Begriff „Usability“ lässt sich in der deutschen Sprache am ehesten mit den Begriffen „Benutzerfreundlichkeit“, „Nutzbarkeit“ oder „Gebrauchstauglichkeit“ umschreiben. Spricht man heutzutage von einem Usability-Test, so wird damit meist der Nutzertest im Labor assoziiert, bei dem Probanden eine Website oder Webapplikation aufgabenbasiert nutzen. Diese Nutzung wird genauestens beobachtet und analysiert.

Evaluation: Je früher, desto besser!
Der wichtigste Grundsatz für die Gestaltung eines benutzerfreundlichen Produkts ist: Testen Sie so früh wie möglich! Bereits die ersten Ideen und Skizzen sollte man ausgewählten Testpersonen aus der entsprechenden Zielgruppe vorlegen. Dadurch werden Probleme bereits zu einem Zeitpunkt aufgedeckt, an dem sie leichter und billiger zu beheben sind. Und man vermeidet hohe Folgekosten, zum Beispiel durch einen Imageschaden oder einen Kundenverlust.

Usability selber testen: Quick, aber nicht „dirty“
Angesichts einer geringen Budgetierung und eines straffen Zeitplans ist der Wunsch, Usability-Tests selbst durchzuführen, jedoch durchaus berechtigt. Es bedarf folglich einfacher und schnell durchzuführender Methoden, die einen geringen Aufwand an Technik und Personal bedürfen. Nielsen und einige andere Praktiker sprechen hierbei von „Discount Usability Engineering“- oder auch „Guerilla“-Methoden [1]. Nielsens Überlegungen beinhalten beispielsweise den Verzicht auf eine aufwändige Videodokumentation, die Reduzierung der Probandenanzahl (fünf bis acht Testpersonen identifizieren nach Nielsen rund 80 Prozent aller vorhandenen Probleme) und den expliziten Einsatz der Methode
des „Lauten Denkens“.
Der entstehende Aufwand für die Auswahl und Rekrutierung der Testpersonen, das Entwickeln des Testleitfadens und letztendlich die Durchführung des Usability-Tests ist jedoch auch inhouse nicht zu verachten. Die größte Gefahr besteht jedoch in der Befangenheit der beteiligten Projektmitglieder. Es bedarf einer außerordentlichen Fähigkeit zur Selbstreflexion, um die Ergebnisse der Studie nicht zu beeinflussen. Soll heißen: Wer seine eigenen Konzepte testet, der läuft Gefahr, immer nur das Gute darin zu sehen.

Usability-Software ist nicht (unbedingt) teuer
Verwenden Sie unbedingt eine Softwarelösung zur Dokumentation der einzelnen Tests. Auch wenn Sie die Videos im Nachhinein nicht mehr benötigen. Es kommt oft vor, dass etwas nachprotokolliert werden muss oder ein Vorgesetzter nachhaltige Argumente für die Änderungen am System fordert. Lösungen reichen hier von Silverback (ca. 50 Euro) [2] über Camtasia Studio bis hin zur professionellen Usability-Test-Software Morae 3 von Techsmith (ca. 1.000 Euro) [3] [4].

Testen Sie iterativ!
Versuchen Sie, mehrere kleine Tests beziehungsweise Testschleifen nacheinander durchzuführen. Testen Sie Ihre Website/-applikation in der ersten Testphase beispielsweise mit der Hälfte der angedachten Stichproben, beheben Sie die identifizierten Hauptprobleme, und lassen Sie in einer zweiten Testphase das bereits optimierte Projekt durch die restlichen Testpersonen begutachten.
Der Grund: Spätestens nach der fünften Testperson wiederholen sich die größten Nutzungsprobleme. Die restlichen Testpersonen sollten nicht für die Bestätigung eines bereits bekannten Problems eingesetzt werden, sondern für die Identifizierung weiterer Probleme, die vielleicht sogar durch die nun behobenen Probleme überlagert wurden.

Teamwork erforderlich
Sowohl bei der professionellen als auch eigenen Durchführung von Usability-Tests ist es am effektivsten, wenn das ganze Projektteam daran teilnimmt. Nur durch eine Zusammenarbeit zwischen den Usability-Experten, den verantwortlichen Produktmanagern und den Entwicklern während der gesamten Testphase ist es möglich, Handlungsempfehlungen adhoc abzuleiten und umzusetzen.

1 Testschleife = 1 Tag
Versuchen Sie, die Tests an einem Tag durchzuführen. So ist der Abstimmungsaufwand mit allen Projektbeteiligten einigermaßen gering zu halten. Überfordern Sie Ihre Testpersonen dabei nicht: Fünf bis sechs Aufgaben bei einer Testdauer von maximal 45 Minuten sollten vollkommen ausreichen. Vergessen Sie nicht, ausreichend Zeit zwischen den einzelnen Testsessions einzuplanen. Es kann immer etwas Unerwartetes geschehen (Technikausfall, verspätete Testpersonen etc.). Führen Sie aufgrund dessen auch einen „Pretest“ ein bis zwei Tage vor der eigentlichen Erhebung durch, um mögliche Fehlerquellen zu eliminieren (Testdauer zu lang, Fragen nicht verständlich, …). Beobachten Sie alle Testsessions in einem Nebenraum mit dem gesamten Projektteam. Dokumentieren Sie nur die wichtigsten positiven und negativen Aspekte und Aussagen der Testpersonen – beispielsweise auf Post-its. Diese unkonventionelle Form der Dokumentation ermöglicht im Anschluss eine einfache Gruppierung der identifizierten Problembereiche. Entwickeln Sie auf Basis dessen konkrete Handlungsempfehlungen, die bis zur nächsten Testphase umzusetzen sind und genießen Sie Ihren Feierabend [5].

Auswahl und Rekrutierung der Testpersonen
Vermeiden Sie es, bei Ihrem Self-Made-Test Kollegen, Freunde, Bekannte oder Verwandte um Hilfe zu bitten. Diese können zum einen zu sehr mit der Thematik vertraut sein und zum anderen aufgrund verschiedener sozialer Faktoren „befangen“ sein. Alles davon kann die Testergebnisse unangenehm verfälschen. Achten Sie darauf, dass die Testpersonen so nah wie möglich Ihrer (potenziellen) Zielgruppe entsprechen. Setzen Sie bei der Wahl eines Anreizkonzepts für die Testteilnehmer auf die Erzeugung eines hohen situativen Involvements. Bei einem Online-Shop wäre dies beispielsweise der Einsatz von „eigenem Geld“. Das heißt die Testteilnehmer erhalten für ihre Teilnahmen nicht einfach nur eine Barauszahlung. Sie werden stattdessen mit einem entsprechenden Zuschuss zu einem auf dem Online-Shop angebotenen Produkt „entlohnt“.

Seien Sie ein guter Interviewer!
Mit den Fähigkeiten des Interviewers oder Testleiters steht und fällt die gesamte Studie. Achten Sie darauf, keine suggestiven oder geschlossenen Fragen zu stellen. Gestalten Sie die Fragen kurz und einfach. Verpacken Sie nicht mehrere Fragen in einer. Lassen Sie der Testperson bei der Aufgabenbearbeitung Zeit und fallen Sie ihr nicht ins Wort. Versuchen Sie, die Testperson immer wieder zum „lauten Denken“ anzuregen, um ihre Gedankengänge zwischen Aktionen nachvollziehen zu können („Was geht Ihnen gerade durch den Kopf?; „Was denken Sie, passiert als Nächstes?“).

Fünf-Sekunden-Test
Der Fünf-Sekunden-Test lässt sich hervorragend in einen Usability-Test einbinden [6]. Definieren Sie für Ihre Testpersonen eine Aufgabe, die sich an den Zielen Ihrer Website/-applikation orientiert. Nun dürfen sich die Kandidaten fünf Sekunden lang die Site ansehen – ohne dabei Links anzuklicken. Befragen Sie die Personen, nachdem Sie die Seite wieder geschlossen haben, zuerst nach den Elementen, die besonders aufgefallen sind. So stellen Sie fest, ob jene Schwerpunkte, die Sie setzen wollten, auch ankommen. Erst danach sollen die Testpersonen die vorbereitete Aufgabe lösen. Gelingt dies nur zum Teil oder werden die wichtigsten Elemente nicht genannt, so müssen Sie die Site optimieren.

Optimierung als Prozess: Usability Engineering
Man muss bereits in frühen Phasen der Produktentwicklung die Zusammensetzung und die Charakteristika seiner anvisierten und bestehenden Nutzer sowie deren Anforderungen und Erwartungen an das Produkt analysieren. Außerdem sollte man sich tunlichst nicht nach dem Launch einer Website/-applikation auf seinen Lorbeeren ausruhen. Diese systematische Vorgehensweise nennt sich im Fachjargon „Usability Engineering“.

Usability professionell testen lassen?
Es stellt sich nun die Frage, wann sich ein Usability-Test durch eine professionelle Agentur lohnt. Er hat im Vergleich einige Vorteile:

  • Fachmännische Rekrutierung der Testpersonen
  • Einsatz geschulter Interviewer
  • Keine Befangenheit in Bezug auf das Testobjekt
  • Zugriff auf Spezialsoftware und -Hardware
  • Komfortable und non-intrusive Laborumgebung und Teststudioeinrichtung
  • Möglichkeit, Tests per Einwegspiegel oder Videoübertragung vom Projektteam beobachten zu lassen
  • Videoaufzeichnungen der gesamten Tests
  • Report mit visualisierten Optimierungsempfehlungen
  • Methoden-Know-how, Branchenkenntnisse sowie Wissen aus
    anderen Nutzertests

Fazit
Auch wenn die Kosten für einen professionellen Usability-Test durch eine Agentur auf den ersten Blick hoch erscheinen, können sie jeden Cent wert sein. Das Wissen, das Usability-Experten neben dem Know-how über Methoden und Gestaltungsrichtlinien aus den zahlreichen Projekten in einer bestimmten Branche miteinbringen, ist dabei eines der ausschlaggebendsten Argumente.
Entscheidet man sich dennoch dafür, Nutzertests in Eigenregie durchzuführen, so sind eine sorgfältige Planung sowie eine tiefgreifende Einarbeitung in die Thematik unabdingbar, um brauchbare Ergebnisse zu erhalten. Auch hierbei unterstützen einige Usability-Dienstleister in Form individueller Coachings und Mitarbeiter-Workshops zum Thema Usability. Wenn es erforderlich beziehungsweise gewünscht wird, helfen sie sogar dabei, Usability-Abteilungen einzuführen, um eine nachhaltige und nutzerzentrierte
Entwicklung zu gewährleisten.

Links und Literatur

[1] Nielsen, Jakob: Guerrilla HCI: Using Discount Usability Engineering to Penetrate the Intimidation Barrier, 1994: http://www.useit.com/papers/guerrilla_hci.html
[2] Kostengünstige Usability-Test-Software für den Mac: http://silverbackapp.com/
[3] Software-Lösungen der Firma Techsmith für Usability-Tests: http://www.techsmith.de/camtasia.asp
[4] Software-Lösungen der Firma Techsmith für Usability-Tests: http://www.techsmith.de/morae.asp
[5] Vortrag Usability 2.0: Im Team testen, effizient auswerten und optimieren: http://www.worldusabilityday.de/2008/hamburg/vortraege/WUD2008HH_eparo.pdf
[6] 5-Second Tests: Measuring Your Sites Content Pages: http://www.uie.com/articles/five_second_test/

11 Gedanken zu „Usability-Tests selbst gemacht – Die besten Tipps und die wichtigsten Vor- & Nachteile

  1. Arthur

    „Billiger“ ist bei eigenen Wegen durchaus oft drin, aber ob das unterm Strich „günstiger“ bleibt, das zeigt sich möglicher Weise im späteren Leben des Produkts oder es bleibt doch unbeantwortet, einfach weil ein ‚was-wäre-wenn-Vergleich‘ nicht möglich ist.

    Ausschlaggebend ist wie so oft die fallspezifische Definition des Verhältnisses von Erwartung und Angemessenheit.

    Auch von meiner Seite ein Dank für diesen schönen und merkenswerten Artikel!

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