Vergleichende Blickverlaufsanalyse zeigt interessante Wahrnehmungsmuster der Zielgruppe 50+

Eine Seniorengerechte Website-Gestaltung hilft eine Internetseite einer größeren Zielgruppe zugänglich zu machen und erhöht zusätzlich die Usability einer Website, so die Ergebnisse der Eyetrackingstudie „Older Adults and the Web“ (vgl. Tullis 2007: 1030-1039).

In der quasi-experimentellen Laboruntersuchung wurde erforscht, ob Senioren eine Website anders wahrnehmen als jüngere Nutzer. Die Stichprobe bestand aus 10 Nutzern im Alter von 20 bis 39 Jahren und 10 Nutzern zwischen 50 und 69 Jahren. Die Nutzer beider Gruppen galten als internetaffin (tägliche Internetnutzung). Alle Nutzer erhielten dieselben Aufgaben zum Besuch einer amerikanischen Website, die über Sozialleistungen für Mitarbeiter informiert.

Zentrale Ergebnisse zeigten, dass Senioren signifikant mehr Zeit auf einer Website verbringen als die jüngeren Nutzer. Mit durchschnittlich 57 Sekunden betrachteten sie eine Seite 42% länger als die jüngere Zielgruppe. Ebenfalls die Navigationsbereiche (Top-Navigation und linke Navigation) wurden von den Senioren länger betrachtet.

Überwiegend textlastige Seiten wurden von den älteren Nutzern intensiver gelesen. Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsverteilung auf einer Seite war bei den Senioren höher. So betrachteten Sie zusätzliche Seitenbereiche, die von den jüngeren Nutzern gar nicht wahrgenommen wurden. Des Weiteren verglichen Senioren mehr Inhalte miteinander.

Folgende Empfehlungen zur optimierten Websitegestaltung werden vom Autor vorgestellt:

  1. Die Gesamtmenge an Informationen pro Seite sollte reduziert werden, weil Senioren dazu tendieren mehr Inhalte und diese aufmerksamer zu betrachten.
  2. Auf redundante Informationen sollte verzichtet werden, da Senioren sich allgemein schneller ablenken lassen.
  3. Relevante Informationen sollten in kurzen und knappen Texten auf den Punkt gebracht werden.
  4. Informationen auf einer Seite, die verglichen werden könnten, sollten in der Nähe zu einander z. B. tabellarisch dargestellt werden.
  5. Mögliche Doppeldeutigkeiten in den Kategorien der Navigation können durch ein klares Wording vermieden werden, weil Senioren mehr Zeit damit verbringen diese zu vergleichen, um sicher zu gehen, den richtigen Einstieg zu wählen.

Mit dieser Studie werden frühere Erkenntnisse von Chadwick-Dias (vgl. Chadwick-Dias 2003) bestätigt. Auch in unseren Untersuchungen spielt das Thema Seniorenfreundliche Gestaltung von Informations- und Interaktionsoberflächen eine immer größer werdende Rolle. In Seminaren zur Seniorengerechten Website-Gestaltung erklären wir gezielt das spezifische Nutzungsverhalten und die Anforderungen der User 50+ sowie die neuesten Erkenntnisse zu den Grundlagen der Usability und Methoden zur Websiteoptimierung.

Welche Bedeutung hat für euch die Zielgruppe 50+ und welche Erfahrungen habt ihr bereits mit diesem Thema gemacht?

Literatur:

  • Tullis, T. S. (2007): Older Adults and the Web: Lessons Learned from Eye-Tracking In: Lecture notes in computer science. No. 4554, S. 1030-1039.
  • Chadwick-Dias, A., McNulty, M., Tullis, T. (2003): Web usability and age: how design changes can improve performance. In: Proceedings of the 2003 conference on Universal usability, November 10–11, 2003 Vancouver, British Columbia, Canada.

4 Gedanken zu „Vergleichende Blickverlaufsanalyse zeigt interessante Wahrnehmungsmuster der Zielgruppe 50+

  1. Markus Baersch

    Erstmal: Danke für den Beitrag und Verweis auf die Studie! Ungeachtet der Ergebnisse der Blickverlaufsanalyse für „BestAger“ sind die Empfehlungen für die Inhaltsgestaltung aber sicher mehr oder minder allgemeingültig im Web (je weiter man nach unten in der Liste kommt), oder?

    Ich habe darüber hinaus (sicher nicht in signifikanter Menge) beobachtet, dass mit zunehmendem Alter offenbar die Affinität zu Sites wächst, die eher textlastig als grafikreich angelegt sind… Gute Lesbarkeit vorausgesetzt. Vor allem da, wo verschiedene Alternativen existieren, scheinen sich textfokussierte Webangebote oder Varianten in Vergleichstests häufiger durchzusetzen als andere Lösungen. Ich habe mir das bisher mit weniger Affinität zu Technik und mehr Nähe zu Printmedien (selbst) erklärt, aber vielleicht gibt es auch hier fundierte Studien, die das erhärten oder widerlegen? Würde mich – in diesem Zusammenhang hoffentlich passend – schon interessieren…

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  2. Thorsten Wilhelm

    Diese „Affinität“ zu Text habe auch ich beobachtet, u.a. in einer Studie in der wir Senioren beim Online-Banking und Online-Einkaufen auf Apotheken beobachtet haben. Im Vergleich zu jüngeren Zielgruppen und Webnutzern haben die Senioren dort unheimlich viel und intensiv gelesen, darunter auch Hilfetexte, Anmerkungen und Erläuterungen. Wir haben dies darauf zurückgeführt, dass ältere Webnutzer „in der Tendenz“ unsicherer sind im Umgang mit transaktionsorientierten Websites und daher alles richtig machen wollen. Mit dieser Intention „ausgestattet“, nehmen sie gerne verbale Hinweise (Hilfetexte, Anmerkungen und Erläuterungen) zur Kenntnis und lesen diese sorgfältig durch. Ob das allgemein zutrifft – Präferenz für Sites mit viel Text – haben wir nicht im Detail gemessen. Für Hilfetexte, Anmerkungen und Erläuterungen scheint es aber zuzutreffen.
    –// Details zur Studie veröffentlichen wir auf dem Internet World Kongress Ende Juni in München:
    http://www.internet-world.de/kongress (Vortrag auf der Info-Area von meiner Kollegin Elske Ludewig; im Juli dann aber auch in Ausschnitten unter: —// http://www.eresult.de und natürlich auch hier im Blog.

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  3. Christoph Anders Beitragsautor

    @Markus: Die Empfehlungen der Autoren haben sicherlich eine gewisse Allgemeingültigkeit, da kann ich nur zustimmen. Eine optimierte Website ist ein Gewinn für viele Zielgruppen.

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  4. Pingback: Wie orientieren sich Senioren auf Produktübersichtsseiten? | usabilityblog.de

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