Microsoft vs. Google = Produkte vs. Prototypen

rapid01

Diesen interessanten Gedanken habe ich bei Jess Jarvis gelesen (Buch: Was würde Google tun?) und möchte euch den nicht vorenthalten:
„In Silivon Valley erzählt man sich den Scherz, Google-Produkte blieben für alle Ewigkeit Prototypen.

Google News blieb vermutlich für mehr als drei Jahre lang unvollständig in der Testphase. Microsoft dagegen bringt Produkte heraus, bringt sie noch einmal heraus und bringt sie noch ein drittes Mal heraus, bis sie endlich (einigermaßen) funktionieren.“

Ja, stimmt, oder?
Grundsätzlich betrachtet ist da doch was dran.

Ein Vorteil dieses „Prototypen-Ansatzes“: Google muss sich für Fehler und Probleme im Umgang mit der Anwendung nicht doch eigentlich nicht entschuldigen. Wird kalr und deutlich angezeigt, dass das Produkt noch nicht fertig ist, Fehler vorhandenen sein können.
Und: Google fordert seine Nutzer sogar auf sich an der Produktentwicklung und –optimierung zu beteiligen, gibt die Möglichkeit Feedback zu geben.

Die meisten Unternehmen die ich kenne würden sich so etwas auf keinen Fall „trauen“ bzw leisten. Sie würden anführen, dass auf diese Weise das Markenimage beschädigt wird und Schadensersatzklagen drohen.

Ist das so, muss das so sein, was kann man sich von dem Prototypen-Ansatz abschauen?
Ein Schlüssel zum Erfolg einer solchen Vorgehensweise ist: Schnelligkeit – Schnelligkeit in der Umsetzung von Nutzeranregungen und dem Lösen von Problemen, die im erst im Betrieb erkannt werden.

Beispiel:
Eine Online-Shop führt die Funktion Kundenbewertungen ein. Dabei fokussiert man sich zunächst auf die Darstellung der Bewertungen im Umfeld der Produktbeschreibungen und den Prozess der Abgabe von Bewertungen.

Nach 10 Tagen „Live-Schaltung“ der neuen Funktion kommen Anregungen von Nutzern: Sie wünschen sich u.a. die Möglichkeit Produkte entsprechend ihren Bewertungen zu sortieren, z. B. auf Suchergebnisseiten oder Artikellisten.
Auf diese Möglichkeit hatte man zunächst verzichtet – war ja erst mal ein Versuch, ein Experiment. Man wollte sehen wie Kundenbewertungen so angekommen, wie sich die Zufriedenheit der Nutzer verändert und was beim Umsatz passiert.

Reagiert der Shop-Betreiber auf solche Anregungen nicht umgehend, dann besteht die große Gefahr, dass die neue Funktion (hier: Kundenbewertungen) flopt. Gelingt es jedoch bereits nach wenigen Tagen die Sortiermöglichkeit einzuführen, dann werden die Shopbesucher das sicher schätzen und würdigen.

So verhält sich Google – dieses Unternehmen setzt gewonnene Erkenntnisse im Live-Betreib eines Prototypen umgehend um. Eine zwingende Voraussetzung, wenn man diesen Prototypenansatz wählt.

Wie kann man alternaiv vorgehen, den „sicheren“ Weg gehen?

Indem vor der Einführung der neuen Funktion Anwender und Nutzer befragt, Experten bei der Entwicklung involviert werden und der Wettbewerber analysiert wird. Anschließend würde man Konzepte erstellen und darauf aufbauend Klick-Dummys, die vor der Live-Schaltung am Anwender bzw. Nutzer getestet werden (z. B. im Usability-Lab).

Bei diesem „sicheren“ Weg hätte man – um beim obigen Beispiel zu bleiben – zu 95% erkannt, dass auf den Artikellisten und Suchergebnisseiten eine Sortierung nach den Kundenbewertungen angeboten werden sollte bzw. sogar muss. Etwas später, aber mit einer „perfekten“ Lösung wäre die neue Funktion „Kundenbewertungen“ online gegangen.

Bleibt die Frage: Welche Variante „rechnet“ sich, erzeugt mittel- und langfristig betrachten eine höhere Nutzerzufriedenheit, größere Umsätze und mehr Neukunden? Unter Beachtung der entstandenen Kosten.

Wie sind da euere Erfahrungen? Welcher Weg lohnt sich – der schnelle Prototypenansatz von Google oder die systematische Entwicklung und Prüfung?

3 Gedanken zu „Microsoft vs. Google = Produkte vs. Prototypen

  1. Jan

    Welche Features hat denn Google schnell im live-Betrieb umgesetzt? Mir scheint es teilweise so, als würde das Vorgehen von Google glorifiziert werden. News z.B. hat sich in den letzten drei Jahren nicht wesentlich weiterentwickelt.

    Aber wenn man als Shop-Betreiber schnell Features nachliefern kann, ist das natürlich super. Wir haben bei Hitmeister einen Release-Zyklus von 3-4 Wochen, das schätzen unsere Händler insbesondere sehr. Trotzdem wird natürlich nicht alles so schnell erledigt, leider. Man muss da dann auch teilweise Erwartungen „managen“.

    Antworten
  2. Ingrid

    GoogleMail verändert seine Features laufend.
    Und das auf unkonventionelle Weise: Direkt nach dem Einloggen erscheint zum Beispiel ein gelber auffälliger Layer, der einem mitteilt, was sich verändert hat. Zum Beispiel, dass die ‚Labels‘, mit denen man in GoogleMail seine Emails taggen kann, nun an eine andere Stelle im Interface verschoben worden sind.

    Seit vorigem Jahr gibt es auch eine „Labs“-Funktion:
    Das sind kleine Features, die direkt aus dem Entwicklungslabor kommen. Aktiviert der Nutzer z. B. das ‚Übersetzungsfeature‘, hat er zukünftig einen Button zur Verfügung, der Emails in verschiedene Sprachen übersetzt.Je nachdem wie gut ein Feature ankommt, wird es irgendwann in die Standardversion integriert oder verschwindet sang- und klanglos wieder..

    Antworten
  3. Georg Tavonius

    So ein bisschen liegt die Wahl der Strategie auch an der Umgebung. Microsoft stellt vorwiegend Produkte her, die über den herkömmlichen Weg (CDs im Laden) vertrieben werden.

    Google hingehen entwickelt nur im Internet und vertreibt ihre Produkte dort. Hier ist es einfacher Beta-Software herauszugeben. Die regulären Internetnutzer sind vermutlich schon an diese „Beta“-Philosophie gewöhnt. Ich denke auch, dass diese Art der Distribution vielen auch das Gefühl gibt, an etwas besonderem teil zu haben. (So war das damals, mit dem Invite-only des Googlemails auch mal gedacht gewesen.)

    Ansonsten ist es vermutlich GEschmackssache (oder Distributionswegabhängig) welcher Weg sich besser eignet.
    Im Internet, mit Nutzern weltweit, ist es sicher einfacher Beta-Versionen zugänglich zu machen (die Nutzer können diese gleich richtig nutzen) und an den Feedbacks (und Daten) der Nutzer zu verbessern und zu optimieren. Jedenfalls einfacher als aus allen Ländern nutzer einzufliegen und im Usability-Lab click-dummies zu testen.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *