Usability-Guidelines: Teil 2 – Vor- & Nachteile

ChecklisteNachdem in Teil 1 eine Definition/Erläuterung von Usability-Guidelines vorgenommen wurde, würde ich heute gerne die Vor- & Nachteile von bestehenden Guideline-Sets diskutieren.
Im nachfolgenden Teil 3 gibt es dann einen Überblick über die existierenden Guidelines – inkl. Links bzw. Literaturangabe und einem kurzen Statement aus Expertensicht.

Nachteile von bzw. beim Einsatz von Guidelines

Grundsätzlich sind Guidelines sind vielseitig einsetzbar innerhalb der einzelnen Phasen des Entwicklungsprozesses, beispielsweise bei der Konzeption oder der Evaluation von Websites [VAN99, S.82]. Jedoch ist laut Vanderockt, Mariage und Pribeanu die Benutzung von Guidelines nicht unkompliziert. Sie nennen einige Schwächen, die die Wirkung ihrer Nutzung und ihren Anwendungsbereich innerhalb des Entwicklungsprozesses von Websites begrenzen [MPV2005, S.688-695]:

  • Die aufgaben- und zielgruppenabhängige Anwendung von Guidelines und Standards bildet die Grundlage benutzerfreundlicher Websites. Sie sind jedoch kein „Allheilmittel“. Nielsen betont, dass Guidelines alleine nicht die Usability einer Website garantieren können [NIE93, S.233]. Ein Re-Design oder das Feedback von Benutzern können durch ihre Anwendung nicht ersetzt werden. Es können lediglich die erforderlichen Iterationsschritte verringert werden.
  • Es ist schwierig, im „Dschungel“ der Guidelines diejenigen auszuwählen, die genau in den Nutzungskontext und zur gesuchten Zielgruppe gehören. Zudem behandeln Guidelines teilweise sehr divergente Themenbereiche. Beschäftigen sich die einen mit dem richtigen Erstellen von Texten für das Web, haben die anderen die Sicherung der Accessibility zum Ziele.
  • Beim Anwenden bzw. Umsetzen von Guidelines sollte stets klar sein, warum und in welchem Zusammenhang diese Richtlinien aufgestellt wurden. Es sollte eindeutig sein, wie diese zu testen sind und ob sie aus fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen abgeleitet wurden.
  • Nahezu alle Guidelinearten benötigen Interpretation. Die nachfolgende Abbildung illustriert den Zusammenhang zwischen dem Interpretationsbedarf und der gegebenen Hilfestellung zur Umsetzung [MPV05, S.695]:

    interpretation

  • Das verwendete Vokabular ist teilweise schwer zu verstehen für Personen, die nicht direkt mit dem Themenbereich vertraut sind. Dies kann zu irreführenden Interpretationen führen.
  • Der Arbeitsaufwand, der mit der Anwendung oder Überprüfung einer Guideline verbunden ist, hängt vom sprachlichen Level ab, in dem die Guideline verfasst ist, von der Qualität ihres Inhalts und von ihrem Gültigkeitsbereich. Manche Guidelines können kontextunabhängig für jede Seite einer Website gelten, während andere sich nur auf Elemente in einem gegebenen Nutzungskontext beziehen.

Vorteile von bzw. beim Einsatz von Guidelines

Ungeachtet der geschilderten Probleme und Nachteile bieten Guidelinesets bzw. Web Styleguides folgende Vorteile:

  • Styleguides sind systematische Sammlungen von Regeln und Empfehlungen zur Gestaltung konsistenter und benutzerfreundlicher Websites.
  • Sie basieren auf Normen, Quasi-Standards sowie Erkenntnissen aus Usability-Tests mit Benutzern.
  • Styleguides bieten fundiertes Know-how für die Entwicklung zukünftiger Websites.
  • Sie reduzieren, wenn sie einmal erstellt wurden, Entwicklungszeiten.

Interessante Studie

Laut Ratner, Grose und Forsythe, die 1996 in ihrer Studie 21 Web-Styleguides miteinander verglichen, fanden sich nur ca. 20 % der web-relevanten Empfehlungen aus traditionellen Styleguides in den untersuchten Web-Styleguides wieder. Auffällig war zudem die große Inkonsistenz in Bezug auf die einzelnen Guidelines der Styleguide.
75 % der Empfehlungen tauchten nur in einem einzigen Styleguide auf. Diese Unterschiede meinen die Autoren darauf zurückzuführen, dass das WWW ein eigenständiges Genre von User Interfaces darstellt, bei denen das „Look and Feel“ einer Seite von sehr viel größerer Bedeutung ist als bei Stand-alone-Applikationen [GFR96]. Die fehlende Berücksichtigung traditioneller User Interface Guidelines ist umso verwunderlicher, da laut Nielsen ungefähr 90 % der 1986 aufgestellten „Guidelines for Designing User Interface Software“ [MOS86] noch heute gültig sind [NIE05].

Obwohl die Studienergebnisse schon ein wenig in die Jahre gekommen sind, sind deren Aussage aus meiner persönlichen Erfahrung im Umgang mit Guideline-Sets jedoch immer noch aktuell bzw. gültig.
Es reicht nicht alleine aus, sich auf ein Guidelineset zu verlassen. Man sollte sich zuerst einen Überblick verschaffen und 2-3 Quellen miteinander vergleichen – in Bezug auf den Umfang, die Aktualität und die wissenschaftliche Relevanz bzw. Grundlage.
Das Erstellen benutzerfreundlicher Websites bzw. Applikationen erfordert zudem weitaus mehr als ein bloßes Befolgen von allgemeinen Gestaltungsempfehlungen. Jedoch sind die in der Literatur bzw. im Netz bereitgestellten Guidelines ein guter Weg, um eine bestmögliche und konsistente Grundlage für ein benutzerfreundliches Produkt zu schaffen.

Literaturliste

  • [GFR96] Grose, Eric.M. / Forsythe, Chris / Ratner, Julie: Characterization and Assesment of HTML Style Guides. In: CHI ’96: Conference companion on Human factors in computing systems, Vancouver, S.115-116. New York: ACM, 1996, http://doi.acm.org/10.1145/257089.257193
  • [MOS86] Mosier, Jane N. / Smith, Sidney L.: Guidelines for designing user interface software. Bedford: The MITRE Corporation, 1986, http://hcibib.org/sam/contents.html
  • [MPV05] Mariage, Céline / Pribeanu, Costin / Vanderdonckt, Jean: State of the Art of Web Usability Guidelines. In: Proctor, R. W. / Vu, K.-Ph. L. (Hrsg.): The Handbook of Human Factors in Web Design, S. 688-700. Mahwah: Lawrence Erlbaum Associates, 2005, http://citeseer.ist.psu.edu/697479.html
  • [NIE93] Nielsen, Jakob: Usability Engineering. San Diego: Academic Press, 1993
  • [NIE05] Nielsen, Jakob: Jakob Nielsen’s Alertbox: Durability of Usability Guidelines, 2005, http://www.useit.com/alertbox/20050117.html
  • [VAN99] Vanderdonckt, Jean: Development Milestones towards a Tool for Working with Guidelines. In: Interacting with Computers, Vol. 12 (2), S. 81-118, 1999, http://citeseer.ist.psu.edu/vanderdonckt99development.html

3 Gedanken zu „Usability-Guidelines: Teil 2 – Vor- & Nachteile

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