Jan Winters über Barrierefreiheit, Accessibility und häufige Fehler bei der Konzeption von Webseiten

Portrait: Jan Winters

Jan Winters, M.Sc. (Jahrgang 1977) studierte Multimedia Arts an der Middlesex University, London sowie Multimedia-Management mit Schwerpunkt E-Business am Multimedia Campus der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Er arbeitet als Berater für Web-Projekte und Online-Marketing bei der Werbe- und Marketingagentur New Communication GmbH & Co. KG in Kiel. Insbesondere zuständig ist er hier auch für den Themenbereich Social Media. Ferner ist er Geschäftsführer der enteraktiv UG, zu deren Geschäftsfeldern vornehmlich die Beratung und Bewertung von barrierefreien Webapplikationen gehört.

Wie bist Du dazu gekommen, in diesem Bereich zu arbeiten?

Schon während meines Master-Studiums interessierten mich neben den „klassischen“ E-Business- und Marketing-Aspekten auch die damals noch eher technisch-universitär betrachteten Themenbereiche „User-centered design“ und „human centered interfaces“.

Hier ging es primär darum, Systemschnittstellen aus Nutzersicht zu betrachten: wie können, wollen oder müssen Anwender mit unterschiedlichen Voraussetzungen mit Bedienoberflächen interagieren. Wichtig war, hier nicht eine bestimmte Arbeitsweise durch die Oberfläche zu bestimmen, sondern das Arbeitsumfeld, sowie die persönlichen Bedürfnisse und Anforderungen in den Mittelpunkt zu stellen. Der Grundstein für die weitere Beschäftigung mit dem Themengebiet „Usability“ war somit gelegt, und von dort war es für mich kein weiter Schritt mehr zur „Accessibility“, oder auch „Barrierefreiheit“. In den letzten Jahren habe ich an den unterschiedlichsten Projekten dieses Themengebiets partizipieren und meine Erfahrungen mit unterschiedlichen Nutzergruppen einbringen können.

Im Zusammenspiel mit den klassischen Aufgaben der Werbung und des Marketings sowie den neuen Interaktions- und Partizipationsmöglichkeiten des Web 2.0 und Social Media bildet sich ein für mich besonders reizvoller Spannungsbogen in der täglichen Agentur-Arbeit.

Wenn Du mal vergleichst, was für einen Stellenwert der Bereich Barrierefreiheit/Accessibility in der Konzeption und im Design von Webseiten hat, und welchen Stellenwert er deiner Meinung nach haben sollte – wo stehen wir da aktuell?

Sicher sind „wir“, und damit meine ich jetzt die Gesamtheit aus Gesellschaft, Inhaltsanbietern, Agenturen, Entwicklern und sonstigen Aktiven der Netzgemeinschaft, noch nicht dort angelangt, wo wir perspektivisch einmal stehen müssen. Dennoch sollte man festhalten, dass wir hier insgesamt gesehen auf dem richtigen Weg sind. Aus technischer Sicht ist dies natürlich nicht zuletzt der zunehmenden Akzeptanz und damit auch Durchdringung von technischen Qualitätsstandards geschuldet. Standardkonforme Web-Entwicklung in Kombination mit hoher Gestaltungskompetenz hat da in den letzten Jahren viel bewirkt und Türen geöffnet. Aber auch das gestiegene Bewusstsein auf Kundenseite für die Effekte und der damit verbundenen Notwendigkeiten der Suchmaschinenoptimierung haben uns hier weiter gebracht. Dennoch können und wollen wir uns nicht ausruhen und müssen weiter und vor allem belegbar darstellen, dass das Thema Accessibility kein karitatives Vorhaben ist, sondern im Gesamtkontext der Usability allen Nutzern zugute kommt – und damit natürlich auch dem Ziel des jeweiligen Kundenvorhabens.

Was sind die Deiner Meinung nach am häufigsten begangenen Fehler in der Konzeption und im Design von Webseiten und -applikationen?

Bei größeren Portal- und zielgruppenspezifischen Vorhaben ist noch oft zu beobachten, dass die Disziplinen „Design“, „Programmierung“, „Barrierefreiheit“ und „Usability-Tests“ getrennt voneinander und in klar voneinander abgegrenzten einzelnen Phasen abgehandelt werden. Das funktioniert so aber nur in den wenigsten Fällen, bzw. ist auch nicht sinnvoll. Viele Probleme und Einbahnstraßen würden natürlich viel eher auffallen, wenn ganzheitlich konzipiert und gearbeitet würde.

Bei mittelgroßen, klassischen Online-Projekten, häufig im mittelständischen Unternehmensumfeld, ist das Problem der „Innensicht“, bzw. das typische „Organigramm-Denken“ immer noch ein weit verbreitetes Phänomen. Auch muss hier noch viel häufiger von Beginn der Konzeption an rückgespiegelt werden, was das eigentliche Ziel des jeweiligen Vorhabens ist, und in der Konsequenz auch, was das Projekt gegebenenfalls nicht leisten kann. Häufig ist das unbequem, weil dadurch natürlich auch tradierte Prozesse in Frage gestellt werden. Letztendlich ist aber keinem damit geholfen, wenn Primärziele erst zu spät identifiziert und berücksichtigt werden.

Kannst Du eine Brücke zwischen Barrierefreiheit und Social Media schlagen?

Das Thema „Social Media und Barrierefreiheit“ beschäftigt uns natürlich auch schon seit einiger Zeit. Letztendlich ist dies aber nicht nur vor dem Hintergrund der rein technischen Machbarkeit spannend.
Denn nicht alles, was technisch realisierbar und zugänglich ist, muss aus persönlicher Sicht des Anwenders hilfreich oder bedienbar sein, bzw. überhaupt auf dessen Interesse stoßen.
Hier geht es eher darum erst einmal zu identifizieren, welche Kommunikations- und Interaktionsangebote, z.B. aus dem Social Media-Bereich, in den verschiedenen Nutzergruppen generell auf Nachfrage stoßen. Wenn wir es schaffen, die spannenden Möglichkeiten der Social Media Angebote auch für die Anwender mit besonderen Anforderungen so nutzbar und bedienbar zu machen, die bisher ausschließlich isolierte, nicht-dialogorientierte Anwendungen nutzen, haben wir einen spannenden Schritt gemacht, der uns von der eher akademischen Definition der Barrierefreiheit zum konkreten Nutzen bringt.

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