Wie surfen Jugendliche – Studie zeigt Ansätze einer möglichen Kategorisierung

Jugendliche stehen irgendwie immer zwischen den Fronten. Einerseits entwickeln sie sich zu selbstbewussten und fordernden Teilnehmern der Gesellschaft. Andererseits befinden sie noch in einer wirtschaftlichen und emotionalen Abhängigkeit von den Eltern, welches die Durchsetzung ihrer Forderungen erschwert.

Verständlich, dass dieser jugendliche Drang nach Autonomie immer Mittel und Wege finden wird, um sich dennoch auszudrücken. Klassische Beispiele hierfür sind bestimmte Treffpunkte oder Peer-Groups.

Zu diesen analogen, jugendspezifischen Übergangsräumen tritt durch die zunehmende Digitalisierung seit einigen Jahren immer mehr das Internet, mit all seinen Anwendungen, hinzu. War es bisher schon schwer genug die „Jugend“ zu definieren, wird dies aufgrund der Vielfalt der „digitalen Identitäten“ weiter erschwert. Und surfen, also allgemein die Nutzung der im Internet verfügbaren Technologien, wird besonders durch die Jugendlichen wie ein neuer Raum, ein neuer Treffpunkt genutzt.

Wie kann hier eine Kategorisierung jugendlichen Surfverhaltens gelingen?

Überlegungen und Vorschläge hierzu finden sich im white paper: „Living and Learning with New Media: Summary of Findings from the Digital Youth Project” der John D. und Catherine T. MacArthur Foundation. Verschiedene Autoren präsentieren hier die Ergebnisse einer von 2005 bis 2008 primär qualitativ angelegten ethnologischen Studie zur Nutzung der neuen Medien durch Kinder und Jugendliche in den USA. Das white paper fasst dabei zentrale Punkte des Buches: „Hanging Out, Messing Around, Geeking Out: Living and Learning with New Media” zusammen.

Das wichtigste vorweg: Es findet keine Typisierung der Jugendlichen nach soziodemografischen Merkmalen, sondern nach der Art und Intention, wie sie Medien nutzen, statt. Diese Arten lauten:

  • Hanging out
  • Messing around
  • Geeking out

Nachfolgend eine kurze Charakterisierung der Verwendung von internetbasierten Technologien und deren Kategorisierung.

  • Hanging out:

Die erste und zentrale Feststellung der Studie lautet: Die Benutzung von sozialen Netzwerken wie Myspace oder Facebook ist nicht Ausdruck einer sozialen Entfremdung sondern, ganz im Gegenteil, die Festigung sozialer Bindungen. Häufig werden diese Technologien also gar nicht zur Suche von neuen Bekanntschaften genutzt, sondern zur Pflege bestehender sozialer Bindungen eingesetzt. Gleiches gilt für Computerspiele, die zusammen per Multiplayer zum sozialen Akt werden. Auffällig dabei, Jugendliche wollen „unter sich“ bleiben und zeigen sich älteren Nutzer gegenüber irritiert. Sie werden nicht als legitime Teilnehmer betrachtet.

  • Messing around:

Messing around wird als Übergangsstufe zum Geeking out beschrieben. Hier probiert sich der junge Nutzer aus. Zwanglos werden online verfügbare Technologien benutzt. Die Veröffentlichung von selbstgedrehten Videos auf Youtube, die Neuvertonung von Animes oder die Änderung von Spielparametern (Mods) sind Ausdruck dieses sich ausprobierens. Wenn diesen Tätigkeiten also keine ernsthafte, sondern eine spielerisch erforschende Einstellung zu Grunde liegt, dann kann man vom Messing around sprechen.

  • Geeking out:

Geeking out beschreibt die Intensivierung von Interesse. Die von den Autoren angeführten Beispiele zeigen auf: Kommt es zu einer Vertiefung des Interesses, z.B. für Videobearbeitung oder Neuvertonung von Animes, kann dies zu einer teilweisen Professionalisierung, ja sogar zu einer späteren Berufung führen. Geeking out zeigt auch, dass nicht jede Art des jugendlichen Onlineverhaltens gegen ältere Nutzer abgeschlossen ist. Gerade hier, in diesen kleinen und spezialisierten Gruppen wird die Erfahrung und das Wissen der älteren Teilnehmer geschätzt.

Was bleibt zum Abschluss festzuhalten? Die Studie zeigt, dass die jugendliche Onlineaktivitäten keine Bedrohung für das erlernen und anwenden sozialer Normen darstellen. Das Internet ist hier nur die Erweiterung des sozialen Raumes. Weiterhin können Jugendliche auch bei scheinbar sinnlosen Tätigkeiten wie Videos einstellen oder Kommentare verfassen Erfahrungen im Umgang mit den neuen Medien sammeln. Dabei weisen die Autoren auf auf die Gefahr eines „digital gap“, nicht nur zwischen den Altersgruppen sondern auch innerhalb dieser, hin. Jugendliche, die aufgrund ökonomischer oder sozialer Beschränkungen keinen ausreichenden Zugang zum Internet haben, fallen auch im Arbeitsleben zurück.

Bleibt die Frage, ob die Ergebnisse dieser kulturspezifischen Studie auch auf Deutschland oder Europa anwendbar sind und wie sie, z.B. in der Marktforschung umgesetzt werden können?

Ich freue mich auf Ihre Meinungen.

  • Eckdaten der Studie (2005-2008):

659 semistrukturierte Interviews
28 Tagebücher ausgewertet
Mehrere Fokusgruppeninterviews mit 67 Teilnehmern insgesamt
78 informelle Interviews
5194 Beobachtungsstunden
10468 Profile auf Facebook, Myspace ausgewertet
389 Videos ausgewertet
402 Fragebögen ausgewertet (Digital Kids Questionnaire)

2 Gedanken zu „Wie surfen Jugendliche – Studie zeigt Ansätze einer möglichen Kategorisierung

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