Interview mit Prof. Wolfgang Henseler (Sensory Minds GmbH) zu den Themen Web-Usability, Natural User Interface Design und zukünftigen Trends im Web

Portrait: Wolfang Henseler

Zum Jahresende freue ich mich sehr Ihnen heute Herrn Wolfgang Henseler als Usabilityblog.de Interviewpartner vorstellen zu dürfen.

Herr Henseler ist Professor für Digitale Medien und Intermediales Design an der Hochschule in Pforzheim und Managing Creative Director von SENSORY-MINDS, einem Designstudio für Innovative Technologien und Neue Medien.
SENSORY-MINDS arbeitet für internationale Kunden aus den unterschiedlichsten Branchen. Wir konzipieren, kreieren und entwickeln Web 2.0 Websites, Multitouch-Lösungen und Natural-User-Interface-Designs. Zum Beispiel haben wir am Nürburgring die größte Multitouchwand der Welt gebaut, 45m lang und 11m hoch, wobei natürlich nur die unteren 2m touchfähig sind.

Wie sind Sie dazu gekommen, in diesem Bereich zu arbeiten?

Von Haus aus bin ich eigentlich Industrie-Designer. Das heißt ich habe in Offenbach an der Hochschule für Gestaltung Produktdesign studiert und mich während meines Studiums sehr viel mit dem Thema Interface-Design beschäftigt. Nach dem Studium habe ich noch einen
Master für Human-Computer-Interface-Design gemacht und mich mit Usability, Software- und Kognitionsergonomie sowie dem Design von digitalen Interfaces beschäftigt.

Starten wir mit dem Thema „Web-Usability“: Wenn Sie vergleichen, was für einen Stellenwert der Bereich Usability in der Konzeption und im Design von Webseiten hat, und welchen Stellenwert er Ihrer Meinung nach haben sollte – wo stehen wir da aktuell?

Ich würde sagen sowohl im Bereich der Konzeption als auch im Bereich des Designs wurde
erkannt wie wichtig Usability für den Erfolg einer Website oder eines Online-Shops ist. Das heißt aber leider noch lange nicht, dass es dort auch in Form von nutzerorientierter Anwendungsgestaltung praktiziert wird bzw. von seinen Auswirkungen her verstanden wird.

Was die „Web-Usability“ anbelangt befinden wir uns aus meiner Sicht daher im „Teenager-
Alter“. So langsam wird verstanden, dass gutes Design von Webseiten und Online-Shops nicht nur mit dem reinen grafischen Aussehen, dem Look zu tun hat, sondern sehr viel mit dem Verhalten einer Website oder eines Online-Shop, dem sogenannten Feel. Und, das Usability im Gebrauchsumgang liegt somit ein Faktor des Verhaltens, also der Interaktionbeziehung ist.

Wir werden also in den nächsten Jahren auch weiterhin als Usability-Evangelisten unterwegs sein dürfen, um einerseits für die Wichtigkeit von Usability zu überzeugen andererseits um zu vermitteln was gute Usability überhaupt bedeutet und ausmacht.

Welche Methode der Usability Evaluation wird Ihrer Einschätzung nach im Rahmen
von Web-Projekten am häufigsten eingesetzt?

Neben dem klassischen Usability-Test im Uselab mit Think-aloud Methodik und gelegentlich auch mit Blickverfolgung (Eye-Tracking) kommen Expertenevaluationen und Nutzerbefragungen oder Fokusgruppen am häufigsten zum Einsatz. Natürlich nutzen wir bei den Projekten auch Card-Sorting oder Feldtests. Es ist wichtig zu Verstehen, was man mit welcher Methode erreichen kann. Beispielsweise zeigt mir die Blickverfolgung zwar wo eine Nutzerin oder ein Nutzer wie lange hinschaut, sagt aber nichts darüber aus, ob ihre oder seine Handlungsmotivation hierdurch unterstützt wird und die intendierte Aktion später dann im Live-System auch stattfinden wird. In der Regel ist es eine Mischung aus unterschiedlichen Methodiken sowie einer großen Menge an Usability-Erfahrung die zum Erfolg führen. Und für uns ist es wichtig die richtige Methodik auf Basis des gewünschten Ziels auszusuchen.

Welche Methode der Usability Evaluation ist in Ihren Augen überbewertet – wieder mit Bezug zu Web-Projekten?

Einerseits die schon erwähnte Blickverfolgungsmethode aber auch Expertenevaluationen, deren Bewertungskatalog zu eingeschränkt ist. Hier ist es wichtig auf Basis der richtigen Kriterien, die Bewertung durchzuführen, damit die erzielten Ergebnisse auch Relevanz besitzen. Zum Beispiel stellen wir immer wieder fest, daß bei Online-Shops sehr häufig nur die reine Shop-Usability bewertet wird und der Betreiber sich später wundert, warum der Online-Shop, obwohl ein Usability-Test oder eine Expertenevaluation durchgeführt wurden, nicht so konvertiert wie erwartet. Das liegt dann häufig daran, daß zwar der Shop im Uselab oder bei Nutzertests usability-spezifisch getestet wurde, die konsumpsychologischen Aspekte in den Tests aber überhaupt nicht berücksichtigt wurden. Der Shop also usabilitymässig in Ordnung ist, aber konsumpsychologisch eben nicht.

Welche Methode der Usability Evaluation ist in Ihren Augen unterbewertet?

Die eben schon erwähnte konsumpsychologische Bewertung mittels Expertenevaluation für Online-Shops. Zwar diskutiert man bei diesem Bereich immer wieder mit Experten darüber in wieweit diese Methodik als wissenschaftlich anerkannte Erweiterung der klassischen Usability-Untersuchungen bezeichnet werden darf; in der Praxis sieht man aber z.B. anhand von Webstatistiken, wie gut die Methode zum Erfolg von Online-Shops beiträgt.

Welche sind die in Ihren Augen am häufigsten begangenen Fehler in der Konzeption und im Design von Webseiten und Web-Applikationen?

Bei der Konzeption ist es häufig der Mangel kreative Ansätze oder innovative Möglichkeiten mit hoher Gebrauchstauglichkeit in Einklang zu bringen. Dabei ist es genau das, was die Nutzer später begeistert.

Häufig ist die auch fehlende oder nicht beachtete Nutzerorientierung ein Problem der später suboptimal performenden Web- oder IT-Lösungen. Beispielsweise kennen viele Konzepter, Designer und Entwickler das OSIT-Modell, das essentiellste Modell wie Menschen etwas kaufen, nicht und gestalten trotzdem einen Online-Shop. Das führt dann zwangsläufig einfach zu Problemen in der Usability.

Im Design kann man feststellen, daß sehr häufig das Fehlen oder nicht Beachten essentiellen Wissens über die Gestaltgesetze oder andere wahrnehmungspsychologische Aspekte dazu führen, dass Webseiten zwar „schön“ aussehen, aber sowohl visuell als auch gebrauchstauglich nicht einwandfrei funktionieren.

Auf welche Trends in Konzeption, Gestaltung und Bedienung haben klassische Usability-Experten derzeit noch keine oder nur unzureichende Antworten?

Einerseits auf die oben bereits erwähnte echte Shop-Usability, also die Bewertung von vertriebs- und verkauforientierten Testmethodiken, die neben den Kriterien der Gebrauchstauglichkeit auch die konsumpsychologischen Aspekte berücksichtigt.

Andererseits die kommende Generation an natürlichen Designprinzipien wie wir sie bereits beim Multitouch-Computing und dem Natrural User Interface Design beobachten können.

Kommen wir zu Ihrem Steckenpferd „natural user interface design“ – was versteht
man darunter?

Natural User Interface Design auch NUI-Design genannt beschreibt die natürlichste Art und Weise wie ein Nutzer mit einem Computer umgehen kann. Die Interaktion findet unmittelbar also direkt mit einem Objekt statt. Heutzutage nutzen die meisten von uns eine Maus und Tastatur um den Computer zu bedienen – beides Produkte mittelbarer Interaktion. Also die Maus steuert einen Cursor, welcher wiederum ein Objekt am Bildschirm manipuliert anstatt, dass ein Nutzer dieses direkt mittels Finger oder Stift ausführen könnte. Das wäre ungefähr so, als wenn wir heutzutage eine Maus benutzen müssten, um eine Tür zu öffnen, anstatt die Türklinke direkt mit unserer Hand zu öffnen.
Mit dem Finger oder Stift, also der unmittelbaren direkten Handlung auf ein Objekt, sind wir bis zu 30mal schneller beim Ausführen einer Interaktion als mit der Maus.
Diese natürliche Art der Interaktion mittels Gesten macht Natural User Interface Design eben so spannend, weil wir wesentlich effizienter Aufgaben erledigen können und der Joy-of-Use Faktor wesentlich höher ist.

Können Sie uns vielleicht einen Einblick in aktuelle Projekte geben: Woran arbeiten, forschen Sie grad? Und welche neuen Erkenntnisse konnten Sie dabei gewinnen?

Zurzeit arbeiten wir an einer ganzen Reihe an Multitouch-Multiuser Lösungen. Wir haben zum Beispiel einen runden Multitouchtisch entwickelt mit einem sehr innovativen User-Interface Konzept, welches wir gerade hinsichtlich eines Einsatzbereichs an Flughäfen und auf Messen testen. Darüber hinaus entwickeln wir aktuell sehr viele spannende Lösungen für das iPhone von Apple oder für Microsofts Surface. Aber auch Webseiten der nächsten Generation, also sogenannte Web-Interfaces fallen hierunter, da sie wesentlich intuitiver zu bedienen sind und im eCommerce den neuen Benchmark für erfolgreiches Verkaufen bilden.

Im Research-Bereich sind es die Themen NUI-Design und -Usability, Multitouch- und Multiuser-Interaktionen als auch Ubiquitious-Interfaces und Internet-of-Things mit denen meine Kollegen und ich uns beschäftigen. Diese Themenbereiche sind noch sehr neu und die Anzahl echter Entwickler und Experten in diesem Bereich sehr überschaubar. Zudem erstelle ich gerade essentielle Guidelines für gestengesteuerte Lösungen für NUI- und Multitouch.

Welche Themen sehen Sie denn in naher Zukunft auf uns zukommen?

Da wird aus meiner Sicht das schon erwähnte Internet-of-Things eine sehr große Rolle spielen, also das lückenlose Zusammenspiel der physich-analogen mit der virtuell-digitalen Welt. Augmented- oder Mixed-Reality, Location-based-Services, Mobile Computing und kontext-sensitive Werbung sind Bereiche mit denen wir uns aktuell beschäftigen und die in sehr naher Zukunft auf uns zukommen werden. Die meisten von uns sehen den Computer ja immer noch als eine Kiste mit Bildschirm auch wenn die Kiste immer flacher wird. Der Computer, seine Form und sein Umgang werden sich jedoch in den nächsten 10 Jahren gravierend verändern – von einem heutzutage noch interaktiven Medium hin zu einem kooperativen Medium.

2 Kommentare zu „Interview mit Prof. Wolfgang Henseler (Sensory Minds GmbH) zu den Themen Web-Usability, Natural User Interface Design und zukünftigen Trends im Web

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