Suchst du noch oder findest du schon? Navigationsmechanismen im WWW: Teil 4 – Fazit und Ausblick

Im ersten Teil wurde Grundlegendes zur Navigation erläutert. Im zweiten und dritten Teil wurden horizontale und vertikale Navigationsmechanismen jeweils mit ihren Vor- und Nachteilen sowie Merkmalen beleuchtet. Nun wird im vierten Teil ein abschließendes Fazit gezogen werden.

Überblick der einzelnen Artikel zum Thema Navigationsmechanismen im WWW:

Ergebnis der Betrachtung: Es gibt keine allgemeingültigen „Regeln“

Wie man in den vorangegangenen Artikeln gesehen hat, haben beide Navigationsmechanismen, horizontale wie auch vertikale, ihre Berechtigung sowie ihre Vor- und Nachteile. Diese stehen natürlich immer auch in Beziehung zu Umfang und Art der Informationsarchitektur.

„Allgemein geltende Regeln“ für den Aufbau einer Website oder die Usability gibt es nicht. Es existieren zwar brauchbare Studien und Aussagen darüber, welche der Gestaltungsalternativen man in bestimmten Kontexten wählen sollte und warum. Sicherlich lassen sich dadurch auch sinnvolle Gestaltungsmethoden ableiten. Dennoch funktionieren diese nicht immer auf Anhieb und führen auch nicht unbedingt immer zu einer besseren Gestaltung.
Um einer langweiligen, strikt nach den Guidelines aufgebauten Site zu vermeiden und ein bisschen Wiedererkennungswert mit einzubringen, sind oft „Regelbrüche“ notwendig.

Was gut und schlecht für den Aufbau einer Site ist, ist immer von vielen Faktoren abhängig: es kommt auf die Nutzergruppe und deren Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten an, auf deren Erfahrung und Umgang mit dem Internet, deren Interessen, Ziele und Zeit.
Hinzu kommen User mit Seh- oder Wahrnehmungsschwächen, Kinder, die auf spielerische Art und Weise mit dem Internet umgehen und Senioren, die beim Surfen durch das WWW etwas mehr Zeit und sehr klare Anweisungen benötigen. [2]

Das heißt, letztendlich sollte man immer auch die Nutzer bei der Entwicklung von Navigationsmechanismen mit einbeziehen (meist in Form eines Usability-/Klickdummy-Tests).

Neuerfindung von Navigationsmechanismen in Anbetracht der technologischen Veränderung

Auch wenn sich der Großteil der Seiten an Konevntionen und Standards hält stößt man trotzdem immer wieder auf ausgefallene Websites, wie beispielsweise facebook.com, die eher aussieht wie eine Anwendung oder Applikation. Solche Portale werden aus unserer Sicht dafür verantwortlich sein, dass sich die Navigation im Web verändern wird.
Manch ein Experte prognostiziert dabei schon das Ende der Seitenmetapher im WWW. Auch gibt es mittlerweile viele Programme, die für die Bedienung per (Multi-)Touch optimiert wurden. Diese machen es beispielsweise möglich, eine dreidimensionale Desktopoberfläche zu verwenden (z. B. wie bei Windows 7). Da aufgrund der Bedienung per Finger präzise Klicks wie mit der guten, alten Maus nicht immer möglich sind, muss man ggf. in naher Zukunft bei der Gestaltung sensitiver Flächen – auch im Internet – umdenken. Eine mögliche Variante ist hier das schon recht alte Beispiel http://www.dontclick.it/ [3]. Hier kann man per Maus navigieren ohne zu „klicken“.

Das i-Phone bietet ebenfalls bislang ungeahnte, durchaus sehr innovative Möglichkeiten ein Handy zu bedienen. Es besitzt keine Tasten und wird komplett über seinen Touchscreen navigiert. Nimmt die Nutzung des mobilen Internets zu, so tritt derselbe Effekt ein. Internetseiten werden in Zukunft anders aussehen – auch wenn es sich dabei immer auf das jeweilige Endgerät zugeschnittene Versionen eines Webauftrittes handeln sollte.

Bei der alltäglichen Arbeit am PC wird sich jedoch nichst an der Bedienung bzw. den Eingabegeräten ändern. Hier wird die Tastatur als Eingabemedium noch lange Zeit vorherrschen – bis die Spracherkennungssysteme auch für den Privatanwenderbereich 100% ausgereift sind.

Klassisch und sicher oder modern und auffallend?

Für die zukünftige Planung einer Website wird man sich also überlegen müssen, ob man etwas klassisches, erprobtes haben möchte, an das die User schon gewöhnt sind und aus diesem Grund gut damit zurecht kommen. Man geht damit kein Risiko ein und bietet dem User damit eine schnelle Art und Weise sich auf der Site zurecht zu finden.
Oder man entscheidet sich für etwas, das modern und vor allem auffällig ist und sich dadurch vom Gewohnten abhebt. Hierbei kann man aus der Masse herausstechen und durch neuartige Navigationsmechanismen auf sich aufmerksam machen. Gegebenenfalls müssen sich die User erst einmal damit anfreunden und brauchen etwas länger um sich einzugewöhnen, doch der Effekt des Auffallens ist sicher gegeben. Auch hier hängt die Entscheidung wieder von vielen Faktoren ab und ist mit der Zielgruppe abzugleichen.

Leben die User noch im Web 1.0?

Bisher ist im Internet, besonders im Bezug auf Navigation, fast alles so geblieben wie es seit dem Beginn des Internets (Web 1.0) war. Es gibt sehr viele Websites, die „klassisch“ aufgebaut sind und eine konventionelle Navigation aufweisen. Und auch die User selbst scheinen es so zu wollen und zu erwarten. In einer Längsschnittanalyse der eResult GmbH kann man mehr über die Erwartungskonforme Website-Gestaltung aus der Sicht der deutschen Internetnutzerschaft erfahren – in den Jahren 2003 bis 2009 (Downloadmöglichkeit unter http://eresult.de/downloads.html [1] – erfordert lediglich eine kostenlose Registrierung).

Die untere Grafik zeigt das Ergebnis der aktuellen eResult-Studie aus Juli 2009. Sie verschafft einen Überblick über die Erwartungskonformität von Internetnutzern in Bezug auf Startseiten (im Jahr 2009). Diese hat sich im Vergleich zu den Ergebnissen in den Jahren 2003 und 2005 nur minimal verändert: Die Hauptnavigation wird immer noch auf der linken Seite erwartet!

imagery

Auszug auf der eResult-Studie: Imagery III- Erwartungskonforme Website-Gestaltung von 2003 bis heute [3]

Es wird wahrscheinlich noch einige Jahre dauern, bis sich das Userverhalten ändert und auch andere Navigationsmechanismen akzeptiert bzw. produziert werden und sich etablieren können. Bis dahin kann man auf neuartige, futuristische Alternativen gespannt sein. Bislang lassen die aktuellen Designs großer deutscher Websites den Schluss zu, dass die Tendenz und auch die Erwartung der Nutzer immer mehr zur horizontalen Navigation gehen.

Ihre Meinung ist gefragt!

Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung in Sachen Navigationsmechanismen im Web? Was wird die Zukunft bringen? Frau Wasserfurth und ich würden uns über Kommentare und Anregungen freuen.
Ggf. liegt Ihnen aber auch ein anderes grundlegendes Thema auf dem Herzen, dem man sich in einer nächsten Artikelreihe einmal widmen könnte. Gerne nehmen wir Ihre Vorschläge auf.

martyna„Hinweis: Der vorliegende Artikel und auch die restlichen Teile der Navigationsserie wurde in Kooperation mit Martyna Wasserfurth, Studentin des Internatonalen Informationsmanagement mit Schwerpunkt Sprachwissenschaften an der Universität Hildesheim, verfasst. Ihr Interesse liegt besonders bei den interkulturellen Aspekten des Studiums. Momentan absolviert sie ein studienbegleitendes Praktikum bei der eResult GmbH.
Auf diesem Weg schon einmal vielen Dank für die konstruktive
Zusammenarbeit.“

Quellen/weiterführende Links

[1] Imagery III: Erwartungskonforme Website-Gestaltung –
Ergebnisse einer Längsschnittanalyse (2003 bis 2009), http://eresult.de/studien_artikel/studienbaende/Imagery-Studie_III.html
[2] Vor- und Nachteile vertikale vs. horizontale Navigation, https://www.xing.com/net/userexperience/discuss-board-1522/vor-und-nachteile-vertikale-vs-horizontale-navigation-16944817/16944817/#16944817
[3] http://www.dontclick.it/

2 Gedanken zu „Suchst du noch oder findest du schon? Navigationsmechanismen im WWW: Teil 4 – Fazit und Ausblick

  1. Pingback: Suchst Du noch oder findest Du schon? Navigationsmechanismen im WWW: Teil 3 - Vertikale Navigation(en) | usabilityblog.de

  2. Pingback: Twitter Trackbacks for Suchst du noch oder findest du schon? Navigationsmechanismen im WWW: Teil 4 - Fazit und Ausblick | [usabilityblog.de] on Topsy.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.