Medienbrüche aufheben: Handy Applikationen verbinden Web und Mobile

Welches Bild haben Sie spontan vor Augen, wenn Sie an „das Internet“ denken? Denken Sie auch an eine klassisch aufgebaute Webseite auf einem Flachbildschirm? Es gibt einen Header und die anderen, üblichen Webseiten-Strukturen sowie luftige 19 Zoll Platz. Es sei unterstellt, dass für viele von uns dieses traditionelle, stationäre Web immer noch „das Internet“ ist, wenn wir daran denken oder davon sprechen. Diese reflexartige Assoziation führt zu dem Gedanken von dem einen Internet. Aber ist das so?

Gibt es nur das eine Medium Internet, gleichgültig, ob man es stationär oder mobil nutzt?

Dafür spricht beispielsweise, dass es laut der Studie MobileWebWatch 2009 erstaunlich wenige Unterschiede im inhaltlichen Nutzungsverhalten der beiden Internetformen gibt. E-Mail, Wetter, Nachrichten sind die gefragtesten Inhalte hier wie dort. Die Autoren schränken jedoch ein: Dies dürfte vor allem an den fehlenden Angeboten mit mobilem Mehrwert liegen. Und:

Mobile fühlt sich vollkommen anders an!

Aus Kundensicht sind Web und Mobile jedoch ganz eigenständige Sphären, in denen die Nutzungssituationen und ihre gefühlten Gesetzmäßigkeiten verschieden sind. Dies verdeutlicht sich an den folgenden Kriterien:

  • örtliche Situation (Wirkungen von Umwelt und Umfeld, Privatsphäre)
  • Zeitfaktor (Bereitschaft, Möglichkeit und Umfang des Zeitinvests)
  • Grad des Involvement (Hinwendung, Konzentration, emotionale Beteiligung)

Bei einem Onlineprodukt, das sowohl mobil als auch stationär relevant sein soll, haben Sie es folglich mit zwei gefühlt unterschiedlichen Sphären zu tun, obwohl scheinbar das gleiche Medium benutzt wird. Wie kann also der Bruch zwischen diesen beiden Welten möglichst verringert werden, damit die Nutzer beide Formen annehmen und verwenden?

Die derzeit populärste Form, dies zu tun, ist die App – ein kleines Programm fürs Handy. Eine App für eine Webseite oder einen Webshop anzubieten, erscheint aus der technischen Perspektive zunächst sinnlos. Ist die App doch nichts anderes als eine weitere Repräsentation des Onlineauftritts, der ohnehin jedem Nutzer zugänglich ist. Das Angebot eines Webshops beispielsweise könnte mit einer für mobile Endgeräte optimierten Webseite für mobile Nutzer ebenfalls attraktiv gestaltet werden. Wozu den zusätzlichen Aufwand für eine App betreiben?

Wo ist hier der Mehrwert?

Die Antwort liegt in der Nähe zum Nutzer. Mit einer gut gemachten App bekommen Sie Ihre Kunden dazu, Ihr Onlineprodukt auf den Handy-Screen zu installieren, und das bedeutet:

  • Ihre Marke wird im Relevant Set des Kunden ganz nach oben steigen.
  • Der Kunde wird täglich an Sie erinnert und
  • wird Ihr Angebot häufiger nutzen.
  • Er hat Sie bewusst in seine Privatsphäre gelassen und
  • somit Ihre Marke für sich positiv besetzt.

Außerdem:

  • Das Umfeld Ihres App-Kunden erfährt von Ihnen und
  • die Wertschätzung Ihres Kunden für Ihre Marke strahlt in sein Umfeld ab.
  • Und schließlich ist eine App ein Kommunikationsanlass und ein Image prägendes Feature.

Die Glättung des Medienbruchs passiert hier also, indem ganz reale Kundennähe hergestellt wird und das Angebot an die mobile Nutzung angepasst wurde. Das Handy des Kunden ist visuell besetzt, das eigene Webangebot über eine App mobil komfortabel nutzbar und ein neues, mobiles Nutzungsverhalten wird etabliert.

Abstrakt formuliert sind dies auch die allgemeinen Schlüsselpunkte zur Integrierung von Web und Mobile:

  • Visualisierung / Materialisierung der Sphären Web und Mobile
    Beide Sphären sollten sich gegenseitig vielfach referenzieren und visuell eine einheitliche Sprache sprechen. Soweit, so einfach. Die Visualisierung sollte aber auch Nutzungsszenarien vorwegnehmen:
  • Antizipation der verschiedenen Nutzungsszenarien
    Beide Welten müssen jeweils über einen eigenständigen Nutzungskern verfügen. Wie erfolgt die Nutzung, was ist ihr Ziel und welche Ansprüche hat der Nutzer? Das mobile Web arbeitet dabei wie ein Schlaglicht auf Ihrer Webseite. Alles andere gehört ausgeblendet.
  • Nutzen-Wertschöpfung
    Indem für jeden Nutzungskern eine eigene Wertschöpfung erfolgt, kann eine Kannibalisierung zwischen den Nutzungsformen Web und Mobile verhindert werden. Was kann Ihre App, was Ihre Webseite nicht kann und umgekehrt? Was folgt für Sie daraus, wenn Sie Ihr Onlineprodukt gestalten und sein Profil schärfen?

In diesem Sinne ist die App nicht nur eine Medienbrücke, sondern auch eine Konzeptionshilfe. Sie zwingt zur mobilen Denke, zur konzeptionellen Schärfe und zur Rückkehr zum Wesentlichen. Viele Webseitenbetreiber scheinen sich über die minimalistisch strukturierte App anzunähern an die schwierigere, für mobile Nutzung optimierte Webseite. Langfristig Ersetzen kann die native App ein ordentlich durchdachtes mobiles Webangebot wahrscheinlich nicht. Die aufkommende Diskussion um die WebApp – die das Verhalten einer App simuliert, aber trotzdem im Internet bleibt – zeigt bereits den Trend in diese Richtung.

Weitere Informationen zur Entwicklung von iPhone WebApps:

3 Gedanken zu „Medienbrüche aufheben: Handy Applikationen verbinden Web und Mobile

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  2. Sebastian Stein

    Sehr guter Artikel!
    Allerdings glaube ich, dass der Erfolg von Apps einfach nur auf der schlechten Usability der verfügbaren mobilen Browser basiert. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass die kleinen Bildschirme keine vernünftige Verwaltung von Favoriten zulassen…
    …es sind also eher technische als psychologische Gründe, die für den Erfolg von mobilen Apps verantwortlich sind.
    Vielen Dank für die Denkanstöße!

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