Das mobile Web aus Usabilitysicht

2007 hat Apple mit der Markteinführung des iPhones der Internetnutzung auf mobilen Endgeräten (sog. Smartphones) zum Durchbruch verholfen. Seitdem hat sich auf dem Endgerätemarkt sehr viel getan und immer mehr Menschen verwenden mobile Endgeräte zum Surfen. Die Vielfalt wird immer unüberschaubarer und gleichzeitig wird der Ruf nach mobilen Lösungen immer lauter.

Was wird dem Nutzer geboten? Wo gibt es Schwierigkeiten? Wo Verbesserungspotential? Was muss man als Anbieter einer mobilen Website beachten? Reicht eine mobile Lösung für alle Endgeräte? Wo liegen die Unterschiede? Wo gibt es Gemeinsamkeiten?

Um einen Überblick zu gewinnen haben wir 5 aktuelle Endgeräte ausgewählt, die einen repräsentativen Querschnitt des aktuellen Smartphoneangebots widerspiegeln. Neben dem iPhone gingen das HTC Hero, der Palm Pre, das Blackberry Curve und das Nokia N97 an den Start und wurden szenarienbasiert auf bekannte Webangebote aus den Bereichen Informationssuche (Google), soziale Netzwerke (Facebook), Preisvergleich und Shoppen (amazon) sowie Reise und Verkehr (Lufthansa) losgelassen. Die Geräte besitzen jeweils unterschiedliche Betriebssysteme und Browser. Hardwareseitig decken sie ein breites Spektrum ab: vom iPhone mit einem reinen Touchscreen und virtueller Tastatur bis hin zum Nokia N97 mit Touchscreen, physischer QWERTZ-Tastatur, Handschrifterkennung und virtueller Standardmobiltelefontastatur.

Usability im Mobile Web – Usability einfach kleiner oder Usability ganz anders?

Große bunte interaktive Webseiten, die auf Grund der rasanten Verbreitung von Breitbandanschlüssen immer mehr auf dem Vormarsch sind, und den Nutzer mit Flashapplikationen, multimedialen Inhalten und viel Crash!Boom!Bang! bombardieren, stellen sowohl für stationäre Rechner als auch für Laptops heutzutage kein Problem dar. Nimmt man aber mobile Endgeräte, so entpuppen sich diese bunten Feuerwerke der digitalen Welt als unüberwindbare Hürden.

Auch die Bildschirmauflösung stellte in den letzten Jahren immer weniger ein Hindernis dar, wurden die Bildschirme doch immer größer. Die rasante Verbreitung der Netbooks hat uns dann aber den ersten Strich durch die Rechnung gemacht. Kunden beschweren sich auf einmal, dass die Seiten auf den Netbooks nur noch mit Scrollbalken anzuschauen seien, da die meisten Netbooks nur eine Auflösung von 1024 x 600 Pixel haben. Wirft man nun einen Blick auf die Bildschirme der verschiedenen internetfähigen Smartphones, so erkennt man sofort, dass hier selbst mit 1024×600 das Ziel weit verfehlt wird. Selbst ein iPhone hat gerade mal eine Auflösung von 480 x 320 Pixeln.

Verschiedene Bildschirmgrößen
Verschiedene Bildschirmgrößen

Diese Größeneinschränkungen treiben den meisten Designern und Entwicklern Tränen in die Augen. 10KB für ein multimediales interaktives Weberlebnis? Wie soll das funktionieren? In der Seefahrt würde man sagen, die Zeichen stehen auf Sturm: kleinere Displays, verschiedenste Lösungen für einen Tastaturersatz – angefangen bei den normalen Handy-Tastaturen bis hin zu vollständigen QWERTZ-Tastaturen im Miniaturformat – die Frage nach einem adäquaten Mausersatz und teilweise Ladegeschwindigkeiten, die an die Zeiten von 56K-Modems erinnern.

Aus diesen Gründen ergreifen viele Anbieter die Möglichkeit, spezielle Varianten ihrer Websites anzubieten, die für die Nutzung auf mobilen Endgeräten optimiert sind. Wir werden hier im Folgenden von „mobilen Websites“ sprechen. Diese müssen aber nicht nur in Bezug auf die Größeneinschränkungen optimiert werden. Auch die Inhalte müssen sorgfältig ausgewählt und aufbereitet werden, um dem Nutzer im mobilen Kontext einen Mehrwert zu bieten. Die Interaktion muss möglichst intuitiv und einfach sein, und auch in lauten, sonnenbeschienenen, ablenkenden oder wackeligen Umgebungen (in der Bahn, beim Laufen…) machbar sein.

Daher muss die Usability für mobile Websites noch mehr als die klassische Usability die Ziele der Nutzer und vor allem den mobilen Kontext mit all seinen Unwägbarkeiten und Einschränkungen berücksichtigen. Wir haben uns deshalb dafür entschieden, uns bei unserer Untersuchung kleiner Szenarien zu bedienen. Da ist zum Beispiel Peter, der auf dem Weg zur Uni in der S-Bahn schnell nachschauen möchte, was es bei Facebook Neues gibt. Oder Herr Meyer, der unterwegs schnell nachschauen möchte, ob der Flug seiner Frau schon gelandet ist. Außerdem stützen wir uns bei unserer Expertenevaluation auf klassische und bewährte Usability-Richtlinien, die auch im mobilen Kontext ihre Gültigkeit nicht verloren haben.

Ergebnisse

  • Informationssuche
    Google bietet verschiedene mobile Versionen für die verschiedenen Endgeräte und so bekommt jeder das, was für sein Gerät am besten funktioniert. Außerdem ist in vielen Smartphones eine direkte Suchoption integriert, was den Umweg über die manuelle url-Eingabe obsolet macht.

    Leider kann der Nutzer auf den Suchergebnisseiten für vollwertige Browser nicht erkennen, welche Suchergebnisse für den mobilen Gebrauch besonders gut geeignet sind. Dies wäre im mobilen Kontext für den Nutzer sehr hilfreich. In diesem Fall haben die Nutzer von nicht-vollwertigen Browsen die Nase vorn, hier werden mobile Angebote gekennzeichnet.

  • Soziale Netzwerke
    Facebook liegt voll im Trend, was sich auch in ihrem Angebot von mobilen Services widerspiegelt. Als einziger Anbieter hat das soziale Netzwerk automatische Weiterleitungen und auch Apps für alle Smartphones, mit denen wir getestet haben. Die Erkennung der Endgeräte funktioniert hervorragend und der Nutzer gelangt so automatisch zu dem Angebot, dass auf ihn bzw. sein Smartphone zugeschnitten ist. Wenn nun auch noch die Inkonsistenzen zwischen der „normalen“ Facebook-Seite und den mobilen Angeboten reduziert werden könnten und die Strukturierung der einfachen Version m.facebook.com verbessert würde, dann könnte man hier von einem echten Vorreiter sprechen.

  • Preisvergleich und Shoppen
    Die mobilen Varianten der Amazon-Website funktionieren – wirken aber an einigen Stellen nicht gut durchdacht, sondern eher so, als seien Module der normalen Seite lieblos aneinander gefügt worden. Immerhin werden alle Smartphones erkannt, so dass die automatische Weiterleitung zur optimierten Seite gut funktioniert.

    Leider gibt es nur für den amerikanischen Store www.amazon.com und nur für das iPhone eine Amazon App. Die generelle steigende Erwartungshaltung der Nutzer kann man aus den Rezensionen zur Amazon.com App ablesen. Deutsche Nutzer beschweren sich dort:
    „Nicht zu fassen: Der größte Internetshop überhaupt – und die kriegen nicht mal die Auswahl des Landes hin.“ oder „Sehr schwache Leistung, dass es keine deutsche Version gibt. Hier hat wohl eBay klar die Nase vorn.“

    Den Nutzern ist es egal, wieviel Entwicklungsaufwand eine separate mobile Version der Website oder eine App erfordert. Sobald einige Anbieter diesen Service bieten, wächst der Druck auf alle anderen, nachzuziehen.

  • Reise und Verkehr
    Lufthansa hat sich erfolgreich bemüht, ihre mobile Website auf den mobilen Kontext zuzuschneiden. Statt nur die normale Seite kleiner wiederzugeben, haben sie selektiert und für den mobilen Kontext relevante Inhalte auf der optimierten Seite hervorgehoben.

    Einige Usability-Probleme behindern dennoch die Nutzung der Seite. Gerade wenn viele Informationen dargestellt werden, ist eine eindeutige Benennung oder Ikonographie Gold wert.

    Eine App gibt es nur für das iPhone, diese stellt aber nur direkte Links zur mobilen Website zur Verfügung. Verwunderlich ist die schwache Unterstützung des Business-Smartphones Blackberry – es gibt keine App, keine automatische Weiterleitung und die mobile Version sieht auf dem Blackberry mit Abstand am schlechtesten aus.

Fazit

Alles in allem ist die Berücksichtigung allgemeiner Usability-Richtlinien, das Anstreben von Aufgabenangemessenheit, die Einbeziehung von Nutzerzielen und den Besonderheiten des mobilen Kontextes ein guter Startpunkt für gute Usability von mobilen Websites.

Die besondere Verzahnung von Endgerät, Betriebssystem, Browsersoftware und Applikationen erschwert das Vorhaben. Mobil darf daher kein Abfallprodukt der Website sein, sondern muss als eigenständiger Kanal ernst genommen werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die großen Anbieter die Zeichen der Zeit erkannt haben und optimierte Versionen ihrer Websites für die Betrachtung auf mobilen Endgeräten entwickelt haben.

Allerdings gibt es noch Hürden, die man als Kinderkrankheiten des mobilen Internets bezeichnen kann. Der Erfolg eines mobilen Angebots ist von vielen Faktoren abhängig. Wird Ihre mobile Seite überhaupt gefunden? Bietet sie Orientierung und kann man sie gut navigieren? Wird der mobile Kontext, in dem die Seite genutzt werden soll, ausreichend berücksichtigt?

Was wir herausgefunden haben und was Sie unbedingt berücksichtigen sollten, wenn Sie sich mit dem Thema mobiles Internet auseinandersetzen, läßt sich in den folgenden Punkten zusammenfassen:

  • Sorgen Sie dafür, dass Ihr mobiler Auftritt gefunden werden kann!
  • Berücksichtigen Sie unterschiedliche Endgeräte und richten Sie automatische Weiterleitungen ein!
  • Bieten Sie auf der mobilen Website einen auffindbaren Link zur „normalen“ Website an und umgekehrt!
  • Passen Sie Ihre Website an die Ziele Ihrer Nutzer im mobilen Kontext an!
  • Beachten Sie bewährte Usability-Richtlinien!
  • Nutzen Sie die kleine Bildschirmgröße der Smartphones effektiv und nutzerzentriert.

Ausführlichere Ergebnisse finden Sie unter www.syzygy.de/usability. Hier steht die komplette Studie zum Download zur Verfügung.

5 Gedanken zu „Das mobile Web aus Usabilitysicht

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  3. balabushka

    Also ich hab schon einige Male über die Amazon.de iPhone App was bestellt. Keine Ahnung wie lange es diese schon gibt.

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