Warum eigentlich Joy of Use? 3 Gründe für die Relevanz positiver Emotionen auf Websites

Warum Joy of Use messen und Zeit, Geld und andere Ressourcen in die Erforschung von Spaß an interaktiven Produkten investieren? Gibt es einen Bedarf für theoretische Ansätze und Modelle zur Generierung positiver Erfahrungen in der Mensch-Computer-Interaktion?

Der Einfluss von Faktoren wie Spaß, Freude und Vergnügen bei der Nutzung von, und einer entsprechenden positiven Erfahrung mit, interaktiven Produkten wird aus drei Gründen immer wichtiger:

1. „Interaktive Anwendungen haben unseren Alltag erobert.“

Computer und mit Ihnen alle Arten von Anwendungen sind in den letzten 30 Jahren immer verstärkter in unseren Alltag integriert worden. Der Computer ist lange kein Arbeitswerkzeug mehr, sondern ist ein Alltags- und Gebrauchsgegenstand geworden. Internet- und Softwareprogramme sind daher nicht mehr nur auf Arbeitsanwendungen beschränkt, das heißt auch, dass die Grenzen zwischen Arbeiten und Spaß verschwimmen. Schlagwörter wie Web 2.0, serious games oder auch Edutainment verdeutlichen dies. Anschaulich beschreiben es Blythe und Wright: „[…] information and communication technology have moved out of the office and into the living room.“[1]

2. „Der User ist ein Mensch mit Bedürfnissen“

Der Internetguru Donald Norman sprach 2008 bei einem Interview über das Unding, warum Dinge für User gebaut und entwickelt werden und nicht für Menschen.[2] Hinter dieser Aussage steckt ein neues Ziel: Interaktive Produkte müssen menschliche Bedürfnisse berücksichtigen. Im Internet Aufgaben zu erledigen oder „just for fun“ zu surfen soll nicht nur reibungslos funktionieren, sondern auch Spaß und Freude schaffen. Ebenso ist auch die Forderung nach Ästhetik und emotionalem Design diesem Bedürfnis geschuldet: „An important function of aesthetics in engineering is the satisfaction of human requirements.“[3]
Klar ist, mit dem Einzug neuer Technologien in unseren Alltag ist auch ein neues Verständnis von Arbeit und eine Orientierung am Menschen, sowie seinen Wünschen, verbunden. Freude und Vergnügen sind grundsätzliche menschliche Bedürfnisse und werden in der Zukunft eine wichtige Rolle beim Produktdesign einnehmen. Dies ist vor allem bei Arbeits- aber auch bei Lernanwendungen besonders wichtig, z. B. kann die positive Akzeptanz und Einstellung gegenüber solchen Programmen gesteigert werden. Zudem kann Joy of Use die Qualität des Arbeitens und Lernens verbessern, beispielsweise in Call Centern, wo Motivation und Freude an der Arbeit einen direkten Einfluss auf die angebotene Servicequalität der Mitarbeiter haben (“emotion work“).[4]

3. „Emotionen machen den Unterschied“

Es gibt immer mehr gleichwertige Produkte, die sich in ihren Nutzungseigenschaften nicht mehr unterscheiden. Die Anreicherung von Computer- und Internetanwendungen mit spaßigen Extras, einem bestimmten Image oder einem Gefühl der Exklusivität ist daher nicht uneigennützig. Man erwartet einen bestimmten Return of Invest durch die positiven Erlebnisse und Empfindungen, die durch Design, gezieltes Marketing und Werbung geschaffen werden. Man möchte sich positionieren und abgrenzen gegenüber anderen, funktional gleichen Produkten. Sieht man sich die Menge von Websites an, die es weltweit gibt und die ein- und dieselbe Dienstleistung anbieten (z. B. Reiseportale), bringt es Vorteile sich im Markt mittels eines bestimmten Images oder mit besonders angenehmen und spaßigen Funktionen zu positionieren.
Auch der Markenaufbau mit Hilfe des Internetauftritts spielt eine große Rolle – und wird in Zukunft eine noch Größere spielen. „Emotionen machen den Unterschied“ ist daher auch die Überschrift eines Artikels, in dem Möll und Esch zeigen, wie wichtig es ist emotional starke Marken zu entwickeln[5]. Markenaufbau kann als emotionale Konditionierung gesehen werden. Zuerst unbekannte Marken entwickeln sich langsam zu konditionierten Stimuli. Der Aufbau positiver Emotionen, Kontinuität in den Botschaften und Inhalten kann helfen eine starke Marke zu konstituieren, die mit positiver Markeneinstellung, starker Markenbindung und Markenbegehrlichkeit einhergehen. Mit starken Marken wiederum werden positive Emotionen assoziiert. Mit Unbekannten und Schwachen (bekannt, aber nicht emotional aufgewertet) werden sogar negative Emotionen verbunden! Die emotionale Aufwertung ist demnach das Geheimnis des Erfolgs starker Marken und Produkte.

Um auf die Eingangs gestellte Frage zurückzukommen: Ja! Es lohnt sich Joy of Use zu erforschen und Dimensionen für die Messung zu finden und festzulegen, da herkömmliche Usability-Ansätze bei den zuvor genannten Aspekten der Nutzung von Websites an ihre Grenzen stoßen. Die traditionelle Sichtweise geht nicht weit genug, Leute sollen interaktive Systeme auch benutzen wollen. Eine Art dies zu erreichen ist die Generierung von Spaß bei der Nutzung von Systemen. Um Kategorien wie Spaß und Vergnügen zu erfassen, reicht es nicht die bloße Usability von Produkten zu messen, sondern es muss ein ganzheitlicher Ansatz gewählt werden. Webseiten müssen sich zukünftig an Hand instrumenteller Qualitäten (Usability) und zusätzlicher Qualitäten, die zur Joy of Use beitragen, bewerten lassen und auch Ansprüche ihrer Kunden, die über die Aufgabenerledigung mit Systemen hinausgehen, befriedigen.

Quellen & weiterführende Links

  • [1] Blythe, M.; Wright, P. (2003): From Usability to Enjoyment. In: Blythe, M. A.; Monk, A. F.; Overbeeke, K.; Wright, P. C. (Hrsg.): Funology: From Usability to Enjoyment. Dordrecht: Kluwer Academic Press, S. XIII-XIX.
  • [2] Norman, D., Interview auf der UX Week 2008, Adaptive Path
    Link: http://v.youku.com/v_show/id_XMTUyNTkwOTgw.html
  • [3] Lavie, T.; Tractinsky, N. (2004): Assessing dimensions of perceived visual
    aesthetics of websites. International Journal of Human-Computer Studies 60(3)/2004, S. 269-298.
  • [4] Hassenzahl, M.; Beu, A.; Burmester, M. (2001): Engineering Joy. IEEE Software 1/2001, S. 2-8.
  • [5] Möll, T.; Esch, F.-R. (2008): Emotionen machen den Unterschied. Absatzwirtschaft 7/2008, S. 34-37.

6 Kommentare zu „Warum eigentlich Joy of Use? 3 Gründe für die Relevanz positiver Emotionen auf Websites

  1. Thorsten Wilhelm

    Harmonie pur 🙂 … klasse, gehört sich ja auch bei einem solchen Thema, iinde ich.
    Ich will da mal eine etwas provokante These reinwerfen, um die Diskussion mal etwas zu „verschärfen“:
    Joy of Use – da muss ich mich doch erst mit beschäftigen, wenn die Usability stimmt. Und hier haben doch die meisten Sites noch deutliche Defizite, finde ich. Also: Joy of Use – das ist „noch“ kein Thema.
    Oder?

  2. Pingback: Einsatz von Produktbildern und Produktvideos « Der Blog für Shopbetreiber und Entwickler

  3. Julia Müller

    Die effektive und effiziente Nutzung von Seiten (Usability) sollte natürlich ganz oben auf der Prioritätenliste stehen, aber warum nicht auch schon Überlegungen zur Joy of Use beim Usability-Engineering-Prozess einbinden und zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen? Und wer jetzt „verpennt“ seine User auch durch andere Dinge anzusprechen, wird später mehr Rückstand auf Mitbewerber haben, die dies jetzt schon verstehen; auch wenn die Seite dann usable ist!

    Und noch etwas : what is beautiful is usable!!!???

  4. Pingback: AdWords-Suchtrichter hilft bei Landingpage-Optimierung

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