Fabian Stelzer im Experteninterview zu den Themen Aufmerksamkeitsökonomie, Conversion Rate Optimierung und Neurobiopsychologie

Fabian Stelzer

Fabian Stelzer ist Gründer und Marketingleiter der WhiteMatter Labs GmbH, einem Spin Off des Labors für Neurobiopsychologie der Universität Osnabrück.

Das Unternehmen White Matter Labs erforscht und entwickelt Technologien aus der Hirnforschung für Anwendungen in Marketing und Werbung. Einige dieser Technologien wurden bereits erfolgreich im Markt eingeführt.

Mit dem Tool EyeQuant bietet White Matter Labs einen Webservice zur Aufmerksamkeitsanalyse und Optimierung von Webseiten an.

Wir wollten von Herrn Stelzer wissen welchen Stellenwert die Usability-Analyse bei der Konzeption von Websites aktuell hat und seiner Meinung nach haben sollten, und welche Bedeutung er dem Thema „Conversion Rate Optimierung“ zuschreibt: (kurzes) Hype-Thema oder dauerhafte Etablierung einer neuen Dienstleistungsbranche?

Doch zuerst interessierte uns die folgende Frage…
Wie sind Sie dazu gekommen im Bereich der Usability-Forschung und Tool-Entwicklung zu arbeiten?

In den 2000ern – ich studierte Cognitive Science und arbeitete im Business Development eines US-Startups (Lijit.com ) – wurde immer deutlicher, dass der Siegeszug des Internets nicht das Zeitalter der Information, sondern das Zeitalter der Aufmerksamkeit eingeläutet hat.

Epochen prägend ist nicht mehr nur die unendliche Verfügbarkeit an Information und Unterhaltung, sondern vor allem ihre Konsequenz: die rapide Verknappung des völlig unskalierbaren Guts menschlicher Aufmerksamkeit.

Zugleich faszinierten mich die wissenschaftlichen Fortschritte im Verständnis fundamentaler Wahrnehmungsprozesse, insbesondere eine Technologie zur Vorhersage menschlicher Aufmerksamkeit, die an unserem Institut entwickelt worden war. Gemeinsam konnten wir eins und eins sehr schnell zusammenzählen.

In etwa demselben Zeitraum gewann konsequenterweise auch die Usability an Bedeutung – letztlich sehe ich ihre Aufgabe vor allem darin, die Nutzer und ihre wertvollsten mentalen Ressourcen in den Mittelpunkt zu stellen.

Wenn Sie vergleichen, was für einen Stellenwert der Bereich Usability in der Konzeption und im Design von Webseiten hat, und welchen Stellenwert er Ihrer Meinung nach haben sollte – wo stehen wir da aktuell?

Wir befinden uns in einer sehr interessanten Übergangsphase, die am 23. Oktober 2009 ihren Anfang nahm: mit der Übernahme von Omniture durch Adobe fusionieren zwei völlig unterschiedliche Kulturen der Werbe- und Web-Industrie. Auf der einen Seite die schönen Künste des Web Designs (Adobe), auf der anderen die harte Wissenschaft der Web Analyse (Omniture).

Für Designer bedeutet dies einen zunehmend stärkeren Zwang, sich mit den Effekten ihrer Entwürfe zielgerichteter auseinanderzusetzen, da diese immer unmittelbarer zu messen sein werden. Dies wird zweifelsohne positive Auswirkungen auf den Stellenwert der Usability haben, da diese gewissemaßen als Mittler zwischen der qualitativen Kultur des Designs und der quantitativen Kultur der Statistik fungieren könnte.

Ein guter UI-Designer vereint kreatives Einfühlungsvermögen mit der Bereitschaft, sich empirischen Daten in jeder Prozessphase zu stellen und aus diesen sinnvolle Maßnahmen abzuleiten – wir nennen diesen neuen Typus übrigens einen „Creative Analyst“.

Wie sehen Sie das aktuelle Hype-Thema „Conversion Rate Optimierung“? Machen wir das nicht schon immer, wir damit meine ich die Usability-Agenturen und Anbieter von Nutzeranalysetools?

Einige Aspekte der Conversion Rate Optimierung (CRO) sind nichts anderes als Teilmengen einer sehr zielgerichteten Usability-Optimierung – vor allem dann, wenn wir es mit hochqualifiziertem Traffic zu tun haben.

Andere Aspekte gehen jedoch über das Feld der Usability hinaus: stimmt das Preismodell eines Angebots? Ist die Marke vertrauenswürdig? etc.
Von daher ist es schon sinnvoll, Erkenntnisse, Methoden und Expertise der CRO in einer eigenen Kategorie zu verorten.

Ich halte das Thema angesichts seiner ewigen Bedeutung aktuell sogar noch eher für „underhyped“ – worum soll es im Online Handel gehen, wenn nicht um Umsatzsteigerung?

Etwas problematisch ist in diesem Zusammenhang auch die Sperrigkeit des Begriffs „Conversion Rate Optimierung“. Ich würde hier in Abgrenzung zum „Online Marketing“ vielleicht den Begriff „Online Sales“ bevorzugen.

Vielen Dank, Herr Stelzer, für Ihre interessanten Antworten.

Würde mich sehr freuen, wenn Sie auf Usabilityblog.de weitere Artikel rund um die Thema Aufmerksamkeit, Neurobiopsychologie und Web-Analysetools veröffentlichen. Ich bin mir sicher, dass diese bei unseren Lesern auf großes Interesse stoßen werden.

2 Gedanken zu „Fabian Stelzer im Experteninterview zu den Themen Aufmerksamkeitsökonomie, Conversion Rate Optimierung und Neurobiopsychologie

  1. Michael Freitag

    Seit der Ära des Social-Media-Networks können sich Studenten in Vorlesungen bis zu 80% weniger konzentrieren. Das sind bei den meisten ungefähr nur die ersten 30 Minuten in voller Informationsaufnahme. Das hat eine Studie ergeben. Leider weiß ich nicht mehr welche genau.

    Antworten
  2. Pingback: Themen im Mai 2010: AB-Tests, Guidelines zur Formulargestaltung und Augmented Reality | usabilityblog.de

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