1 Tag auf der UPA 2010, München (26.05.2010): Storytelling, Eyetracking, Formulargestaltung, Express Usability und Web Analytics

UPA2010Im Rahmen unseres silbernen Sponsorships hatte ich vergangenen Mittwoch die Möglichkeit an der diesjährigen internationalen Konferenz der Usability Professionals Association teilzunehmen. Und ich muss sagen: Es hat sich gelohnt.

Nach einer sehr kurzweiligen Registrierung und  Orientierung in den Räumlichkeiten des alt-ehrwürdigen Bayerischen Hofs in der Münchener Innenstadt ging es direkt zu ersten Session:

Using stories effectively in user experience design

Whitney Quesenbery und Kevin Brooks berichteten von den zahlreichen Einsatzmöglichkeiten der UCD-Methode des Storytelling – z. B. zur Ideengenerierung innerhalb von Projektteams. Anhand einer Geschichte, die ein typischer Nutzer durchlebt/erlebt hat, werden Lösungsansätze oder aber auch Anforderungen in vielen Fällen einfach deutlicher und greifbarer. Darüber hinaus sind Stories selbstverständlich auch einsetzbar, um einzelne Szenarios für einen Usability-Test abzuleiten und/oder um Personas ganzheitlich zu beschreiben.

Auch eine Möglichkeit, wenn diverse Zielgruppen nur schwer abbildbar sind: Mit einer guten Story kann man Leute dazu bringen sich besser in die Lage eines anderen hineinzuversetzen. Konkretes Beispiel waren hier Frauen, die eine Settop-Box programmieren sollten (Aufnahme eines Fußballspiels für Ihren Freund). Dies kann jedoch meines Erachtens nur bis zu einem bestimmten Grad funktionieren. In diesem Fall hätte ich eher darauf geachtet, dass das Testdesign auch die Programmierung einer andersgearteten Sendung zulässt.

Eine durchaus interessante Idee eines Teilnehmers aus dem Publikum: Benutzt Stories um die Ergebnisse aus qualitativen Nutzertests beim Kunden zu präsentieren. Man verbeißt sich dadurch nicht in Detailergebnisse, sondern schenkt einem typischen Nutzer, von dem berichtet wird, viel mehr Glauben. Ich denke, es kommt sehr auf den Kunden an, ob er sich auf diese Form der Ergebnispräsentation einlässt.

Wer noch mehr zum Thema Storytelling erfahren möchte, anbei die Folien der Session auf flickr: http://tinyurl.com/28kw2t3

Was ich aus der 90min. Präsentation auch noch mitgenommen habe: Besonders die Amerikaner machen sich besonders viel Gedanken bei der Anforderungsanalyse einer Website oder Applikation bzw. schenken dieser Phase große Beachtung – und das ist auch extrem wichtig. Hierzulande habe ich immer noch das Gefühl, das mit Usability immer nur das (Usability-)Testing in Verbindung gebracht wird. Und somit erklärt sich, dass potentielle Nutzungsprobleme und/oder überflüssige Features erst viel später im Entwicklungsprozess aufgedeckt werden (können).

Is Eyetracking worth it?

Diese Frage stellte Michael Summers im Rahmen seines sehr polarisierenden aber spannenden Vortrags. Schon allein aufgrund der Tatsache, dass mind. 4 Eyetracking-Anbieter als Austeller vor Ort waren, hätte ich gedacht, dass die anschließende Diskussion heiß hergehen würde. Leider waren die 30min. vollkommen unterdimensioniert für solch ein Thema und somit fiel die Diskussionszeit dem pünktlichen Beginn des nächsten Vortrags zum Opfer.

Anbei einige Punkte, die ich aus dem Vortrag für mich mitgenommen habe. Zumindest mit einigen davon kann ich mich (noch) nicht anfreunden – andere teile ich voll und ganz:

  • Es wird den Probanden nicht mitgeteilt, dass ihr Blickverlauf gemessen wird.
  • Der Interviewer sitz t nicht im selben Raum, sondern im Beobachtungsraum (per Einwegspiegel) und gibt Anweisungen oder stellt Fragen.
  • Multitasking deluxe: Der Interviewer beobachtet den Probanden – inkl. dessen Blickverlauf (live gaze) und stellt ihm im Nachgang entsprechend seines Blickverlaufs Fragen.
  • Es kommt kein thinking aloud zum Einsatz, um das Verhalten des Probanden nicht „zu verlangsamen“.
  • Im Durchschnitt macht Summers Studien mit ca. 30 Probanden (Kombination aus szenariobasiertem Labtest & Eyetracking).
  • Michael Summers Antwort auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit und des Nutzens von Eyetracking – auch in Hinblick auf die Kosten: JA, es lohnt sich. Es gibt keine andere Alternative!

Design tips for complex forms

Kommen wir nun zu einem Thema bei dem der Blickverlauf auch keine unbedeutende Rolle spielt. Caroline Jarett, Autorin des Buchs Forms that Work: Designing Web Forms for Usability gab einige praktische Tipps, die ich auch aus eigener Projekterfahrung immer wieder unterstreichen kann:

Bestenfalls auf mehrspaltige Formulare verzichten

Einspaltige Formulare sind einfacher zu gestalten und es besteht keinerlei Gefahr, dass ein Nutzer sich die Frage stellt, ob er zuerst die linke Spalte und dann die rechte oder immer abwechselnd die Eingabefelder ausfüllen sollte. Vielmehr stellt er sich wahrscheinlich nicht diese Frage, sondern ärgert sich z.B. warum der Cursor in ganz andere Felder springt bei der Nutzung der Tabulator-Taste als von ihm angenommen.

Dem Nutzer eine Checkliste anbieten

Bevor der Nutzer online beginnt z. B. ein Tagesgeldkonto zu eröffnen oder Kindergeld zu beantragen, sollte man ihn daüber informieren, welche Dokumente / Informationen er während des Vorgangs benötigt („Are you ready?“). Nichts ist ernüchternder, wenn man nach einer längeren Zeitspanne und 50% der Formularstrecke bemerkt, dass wichtige Informationen fehlen und dieser deswegen erst einmal unterbrochen, im schlimmsten Fall erneut durchlaufen werden muss.

Retrospective thinking aloud (RTA) einsetzen

Bei der Bearbeitung komplexeren Formularstrecken in einem Usability-Test ist der kognitive Aufwand für die Probanden so hoch, dass Interviewer und Proband erst im Nachgang an die alleinige Aufgabenbearbeitung gemeinsam die einzelnen Formulare durchzugehen und besprechen sollten – auch replay study genannt.

In den kurzweiligen 30min gab es noch weitere Tipps. Aus diesem Grund anbei der Link zu den Folien auf Slideshare:  http://tinyurl.com/3393jh2. Allen anderen ist Carolines Buch zu empfehlen.

Express Usability: How to conduct and present a usability analysis in one week or less!

Leider waren zu viele gute Sessions gleichzeitig, so dass ich dem Vortrag von Sarah Weise zum Thema Express Usability nicht persönlich lauschen konnte. Jedoch findet sich im Netz für alle Interessierten ein ca. 4min. Podcast-Interview mit ihr und Jens Jacobsen von Content Crew unter: http://content-crew.de/upa2010/. Frau Weise spricht darin über die Möglichkeiten von discount usability engineering. Als Methapher verwendet sie dazu eine Speisekarte auf der alle bis ins Detail runter gebrochenen Leistungen aufgelistet sind aus denen man dann sein Menü wählen kann bzw. für die Fragestellungen seines Kunden kombiniert. Und wenn es dem (Neu-)Kunden einmal geschmeckt hat, kommt er ja auch gerne wieder und bestellt beim nächsten Mal vielleicht auch „mehr“. Für mich ein sehr schöner und greifbarer Ansatz, der bei uns in ähnlicher Form bei der Beratung von KMUs, bei noch zu überzeugenden Neukunden und agilen Projekten immer wieder zum Einsatz kommt.

Is it all about conversion?

Was mich jedoch sehr erstaunt hat: Nahezu weit und breit kein Vortragstitel zum Thema Konversion oder Conversion Rate Optimierung (CRO). Beschäftigen sich die amerikanischen Usability-Experten nicht mehr damit? Ist es die falsche Konferenz / eine ganz andere Profession?

Der derzeitige Hype in Deutschland, unterstützt und ermöglicht durch die nun zahlreichen Möglichkeiten durch A-/B- und multivariate Tests, ist ja auch wichtig. Jedoch ist das ganze Thema CRO eigentlich ja nichts Neues in meinen Augen.
Denn worum geht es denn bei der Betrachtung von Usability (schon seit Anfang der 90er Jahre)? Websites oder Software so benutzerfreundlich wie möglich (den Anforderungen und Erwartungen entsprechend) zu gestalten – selbstverständlich unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Ziele des Unternehmens. D.h. CRO betreiben alle Usability-Experten und Dienstleister schon seit Jahren (und das besonders im eCommerce-Bereich). Vielleicht ein Grund dafür, dass dieses Thema nur am Rande angesprochen wurde – und zwar im Rahmen des folgenden Vortrags.

Combining Methods – Web Analytics and User Testing

Martijn Klompenhouwer und Adam Cox von User Intelligence sprachen über die aktuellen Herausforderungen von Web Analytics und Usability Testing und deren überaus vorteilhafte und sinnvolle Kombination. Diese wurde ja auch bereits hier im Blog mehrfach angesprochen (z. B. „Ganzheitliche Website-Optimierung: Die sinnvolle Kombination von qualitativen und quantitativen Usability- und Marktforschungsmethoden“. Auch aus Sicht der beiden Referenten liegt dies auf der Hand: Usability Testing bzw. User Research kann helfen Web Analytics-Daten zu erklären und Web Analytics-Daten können beim User Research helfen, sich auf die wichtigen Themenstellungen fokussieren.

Bei User Intelligence wird diese Methodenkombination u.a. für folgende Zwecke verwendet:

  • Unterstützung beim Rekrutieren von Testpersonen für Nutzertests jeglicher Art
  • Unterstützung bei der Erhebung von relevanten Testszenarien / Aufgaben
  • Interpretation von Abbruchquoten oder Absprungraten
  • Quantitative Überprüfung von Erkenntnissen aus einem qualitativen Usability-Test

Dem Ganzen kann ich nur zustimmen. Auch wir versuchen so oft wie möglich zu Beginn eines Kundenprojektes so viel Erkenntnisse aus dem Web Analytic-Tool des Kunden zu ziehen, um so unsere Analyse zielgerichtete gestalten zu können.

Weitere Details und Tipps finden sich im Foliensatz zur Session auf slidshare: http://tinyurl.com/34w4hgc. Zudem gibt es auch mit Herrn Klompenhouwer ist ein Podcast-Interview auf http://content-crew.de/upa2010/.

Ausblick: UPA 2011 in Atlanta, Georgia

Bei der nächsten internationale UPA 2010 im kommenden Jahr bin ich sicherlich auch wieder dabei. Zum einen aufgrund des guten Programms und der hervorragenden Speaker. Zum anderen aufgrund der sehr angenehmen Atmosphäre. Bleibt nur zu hoffen, dass ich das nächste Mal mehr Zeit habe als nur einen Tag…

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