Claus Wagner im Experteninterview zum Thema Content-Usability

Portrait: Claus Wagner

Claus Wagner ist Freiberufler (CommWeCon consultancy), seine Beratungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Communication, Web Usability & Content Creation.

In der Rolle eines „Missionars“ für verständliche und gebrauchstaugliche Texte konnte Herr Wagner in den letzten Jahren darauf hinwirken, dass diese Themen und auch die Bezeichnung „Content-Usability“ an Bedeutung gewonnen haben.

Wir wollten in unserem Interview mit Herrn Wagner wissen, was genau unter der Bezeichnung „Content-Usability“ zu verstehen ist, worin Unterschiede zu verwandten Gebieten der Usability bestehen und welche Bedeutung die Gebrauchstauglichkeit von Texten in der Zukunft haben wird.

Doch zuerst interessierte uns die folgende Frage …

Sie haben auf der diesjährigen internationalen Konferenz der Usability Professionals in München einen Vortrag zum Thema Content Usability gehalten. Wie war die Resonanz?

Die Resonanz war hervorragend. Zahlreiche Gespräche im Anschluss an den Vortrag haben gezeigt, dass dem Verständnis von Inhalten mehr und mehr Bedeutung beigemessen wird. Nicht mehr alleine die klassische Überprüfung der Bedienbarkeit einer Anwendung ist ausschlaggebend, sondern auch die Gebrauchstauglichkeit der beinhalteten Informationen.

Interessant war, dass es im deutschen Vortragsprogramm wie auch im parallelen englischsprachigen Programm Vorträge zu diesem Thema gab.

Content-Usability, Textdesign, Texten für’s Web: Können Sie mir und unseren Lesern eine Abgrenzung dieser Themen und Beratungsfelder geben?

Klassische Usability Überprüfungen betrachten vornehmlich Form und Funktion einer Anwendung. Etwas flappsig gesprochen: „Ist dem Benutzer klar, wo er klicken muss und was dann passiert?“
Die Content-Usability fügt dieser Betrachtung einen wichtigen Aspekt hinzu und fokussiert diesen in der Betrachtung: Den Inhalt.

Inhalt, Form und Funktion ergeben somit eine Einheit. Sie bestimmt die Wahrnehmung des Betrachters. Werden bei Usability Tests Inhalte noch in Form von Nomenklatur, Erklärungen etc. in die Untersuchung einbezogen, so verschiebt ein Content-Usability Test den Fokus auf das Verständnis der Inhalte. Untersucht wird, ob Inhalte für den Empfänger verständlich sind. Und ob das Ziel, dass der Anbieter damit verfolgt, für den Empfänger klar ist.

Textdesign und „Texten für’s Web“ sind das Handwerkszeug, welches richtig angewendet zu einer verbesserten Content-Usability führt. Sie können hier die Abgrenzung ähnlich vornehmen wie bei: Webdesign, Informationsarchitektur und Usability. Wer schon das Handwerk beherrscht wird leichter ein gebrauchstaugliches Ergebnis erhalten.

Oftmals ist es (leider) so, dass vielen Anbietern erst nach einem Beweis durch einen Content-Usability Test, bewusst wird, dass sie in die Fähigkeiten guten Inhalt zu erstellen investieren müssen. Resultate einer Content-Usability Überprüfung sind oftmals der Spiegel, der einem zeigt, dass „Schreiben kann jeder“ eben doch nicht stimmt. Schreiben – die Inhaltserstellung allgemein – ist eine Aufgabe für Profis. Und Profis beherrschen eben Textdesign und die Regeln für ein mediengerechtes Schreiben.

Somit reichen sich die von Ihnen genannten Bereiche die Hand.

Content-Usability basiert auf vier Säulen: Deutlichkeit, Angemessenheit, Sprachrichtigkeit und Stil.
Diese wiederum gliedern sich in Bereiche Typographie, Interpunktion, Syntax, Didaktik, Semantik etc. auf. Alles Dinge, die beim der Texterstellung eine wichtige Rolle spielen. Content Usability überprüft die Effizienz, Effektivität und Zufriedenheit, die diese Texte (und natürlich auch andere Inhalte) beim Leser verursachen.

Ich habe das Gefühl, dass wieder mehr und länger am Bildschirm gelesen wird. Zum Teil führe ich das auf die zunehmende Verbreitung von Notebooks, Netbooks und anderen mobilen Endgeräten zurück.

Teilen Sie meine Einschätzung und was bedeutet diese Entwicklung für die Gestaltung von Inhalten?

Die Wirkung von Inhalten ist sehr abhängig von der Motivation, mit der sie konsumiert werden. Somit ist das Konsumverhalten ausschlaggebend. Und ja, die breite Nutzung von mobilen Endgeräten in jedweder Form hat dieses Verhalten geändert und ändert es noch. Es ist nicht mehr davon auszugehen, dass man Inhalte einer Website gemütlich vom Schreibtisch aus, aufrecht sitzend betrachtet.
Auf dem Sofa, im Café, in der Hotel-Lounge, im Zug, auf der Straße: Inhalte sind von überall her zugänglich. Das ändert auch die Anzahl und Art der möglichen Störungen.

Stress durch Lärm, Raum und Zeit wären hier zu nennen. Es reicht nicht mehr aus, gedruckte Inhalte aufs Web zu stellen. Das reichte noch nie aus.
Aber heute wird es immer wichtiger, den Nutzungskontext und somit das Ziel und die Absicht von Informationen bei der Erstellung von Informationen einzubeziehen. Wichtigster Faktor ist gerade bei Einbeziehung der Motivation, mit der Inhalte aufgenommen werden, die Angemessenheit. Was bei einem gemütlichen Einkauf im warmen Wohnzimmer angemessen ist, kann auf einem zugigen, kalten Bahnsteig zur Frustration führen.

Wer sich mit der Erstellung von Applikationen für mobile Endgeräte beschäftigt, sollte den Inhalt dabei nicht vergessen. Er ist doch eigentlich der Grund für die Applikation, nicht so sehr der Beweis, dass man die Technik auf dem kleinen Gerät zum Laufen bringt.

Welches Vorgehen würden Sie Webanbietern empfehlen, um die Usability ihrer Informationen und Inhalte zu verbessern?

Meine erste Empfehlung ist: Den Inhalten in ihrer Gesamtheit mehr Aufmerksamkeit beimessen. Schon bei der Erstellung.
Inhalte werden allzuoft stiefmütterlich in den Projekten behandelt. Erst wird Form und Funktion festgelegt und dann, oftmals kurz vor Veröffentlichung wendet man sich dem Inhalt zu. Um guten Inhalt zu erstellen, bedarf es guter Fachleute. Fachleute, die ihr Handwerk gelernt haben und wissen, worauf es ankommt.

Meine zweite Empfehlung ist, Inhalte mit anderen Augen zu sehen. Ich sprach vorhin von Motivationen. Beispiel Text: Es ist bei Texten extrem wichtig, den richtigen Nerv zu treffen. Das heißt, hedonische Qualitäten zu berücksichtigen. Neben der inhaltlichen Qualität ein wichtiger Aspekt, der uns in den Bereich der User Experience führt. Hedonische Qualtitäten sind neben Usability in der User Experience ein wertvolles Gut. Und Inhalte bieten sich an, dieses Gut zum Nutzer zu transportieren. Wer den Slogan „Content is King“ lebt, der muss Inhalt wahrlich prinzengleich behandeln.

Vielen Dank, Herr Wagner, für dieses sehr gehaltvolle Interview und ihre spannenden Antworten. Sie haben bei mir für mehr Klarheit gesorgt und auch die Relevanz des Themas „Content-Usability“ weiter gesteigert.
Hoffe auf weitere, interessante Beiträge von Ihnen auf Usabilityblog.de.

Ein Gedanke zu „Claus Wagner im Experteninterview zum Thema Content-Usability

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