Usability-Tests mal anders: Kontinuierlich & thesengenerierend anstatt punktuell & thesengetrieben

Communication metaphorHarte Relaunches großer Websites werden immer seltener. Es wird mehr im laufenden Betrieb getestet – beispielsweise die Suche, der Checkout oder die Detailseite. Jedoch darf man durch dieses punktuelle Optimieren & Testen den Blick für das „Große Ganze“ nicht verlieren. Hierfür bieten sich qualitative Usability-Tests im Labor an, die in einem kontinuierlichen Turnus durchgeführt werden und ein zentrales Ziel haben: Den Nutzer im freien, natürlichen Umgang mit der Website zu beobachten und daraus sowohl Erkenntnisse über den aktuellen Gesundheitszustand der kompletten Website als auch Ideen und Potentiale für die Zukunft abzuleiten. Erfahren Sie mehr über die Möglichkeiten solcher Usability-Tests und wie man damit zusätzlich den Erfolg einer Website misst.

Der klassische Usability-Test im Labor ist derzeit wieder stark in Mode. Und das aufgrund seiner vielen Vorteile und Erhebungsmöglichkeiten zu Recht! (Siehe dazu u.a.: „Usability-Tests im Lab – mehr als Interviews mit Testperson!“) Jedoch beschränken sich 60-75min. Usability-Tests meist auf einen bestimmten Aspekt/Teil einer Website. Es geht um die Erledigung bestimmter Use Case / Szenarien, um die Optimierung im Detail. Das Studienkonzept wird hierbei durch aktuelle Frage-/Problemstellungen und Thesen bestimmt. Was ist aber, wenn der grundsätzliche Prozess oder aber der gesamte Ansatz der Website nicht mehr in sich stimmig ist und die Kundenzufriedenheit darunter leidet?

Es bedarf also eines grundlegende Hinterfragens der Website bzw. der gesamten Funktionen und Prozesse, die sich darauf befinden. Um dies auf den Prüfstand stellen zu können, muss man sich weitestgehend von Aufgabenstellungen und Szenarien, die man den der Zielgruppe entsprechenden Probanden sonst stellt, verabschieden. Man lässt den Nutzer im Sinne einer „freien Nutzung“ einfach mal machen und beobachtet ihn im natürlichen Umgang mit der Website. Allein aus dieser Beobachtung heraus können der Usability-Experte als auch der Kunden unzählige Erkenntnisse und Potentiale ableiten. Erfragt man nun noch im Rahmen der Tests die aktuellen Anforderungen & Erwartung der Probanden und hakt ggf. nach der Nutzung an bestimmten kritischen Punkten nach, hat man ein umfassendes Bild über seine Nutzergruppe(n) und den aktuellen Gesundheitszustand der gesamten Website. (Selbstverständlich ist es auch bei einer solch explorativen Vorgehensweise möglich, 1-2 zentrale und über Jahre hinweg bestehende Use cases inkl. messbarer Metriken zu definieren, um die erzielten Ergebnisse noch besser miteinander vergleichen zu können.)

Neben den offensichtlichen Vorteilen haben solche z.B. im Halbjahresrhythmus durchgeführte Tests auch intern im Unternehmen positive Effekte. So kann man bestimmte Abteilungen oder aber auch die Unternehmensführung für das Thema Usability sensibilisieren und ihnen zeigen, wer überhaupt der tatsächlicher Nutzer ist und wie er „tickt“. Aus diesem Grund ist es immer zu empfehlen solche Tests, die meist 90-105min. pro Einzelinterview dauern, vor Ort beim Kunden in einem Teststudio durchzuführen. So sind die Anfahrtswege kurz und die Hemmschwelle sich einmal einen Test anzuschauen gering. Und unsere Erfahrung zeigt deutlich: Jeder, der solche Tests mitbeobachtet – egal ob Programmierer, BWLer, Produktmanager, … – hat mindestens 5 Ideen für seine tägliche Arbeit mitgenommen(!).

Je nach Homogenität der Zielgruppe(n) sind es meist 24-30 Probanden die im Rahmen einer Erhebungswelle beobachtet werden. Dadurch ergibt sich eine ungefähre Erhebungsdauer von einer Woche. Die Kosten bzw. der Aufwand für die Studienkonzeption ist im Vergleich zu normalen Labtests geringer, da der Ablauf explorativer ist und das Studienkonzept über mehrere Erhebungswellen unverändert bleibt. Lediglich die Auswertungsphase (Interpretation der Ergebnisse & Ableitung von Handlungsempfehlungen) kann aufgrund der Datenmenge mehr Zeit in Anspruch nehmen. Jedoch bekommt man aufgrund dessen auch Erkenntnisse und Ideenpotentiale geliefert, die für mindestens das nächste Halbjahr ausreichen, sofern man in der glücklichen Position ist, diese direkt alle in Projekte umsetzen zu können.

Fazit
Neben den ganzen anderen Vorteilen, welche die Betrachtung von Usability mit sich zieht: Kostenreduktion, Planungssicherheit, Wettbewerbsvorteil, etc. wird einer meist zu Unrecht vernachlässigt: Die aktive Einbeziehung von Nutzern generiert neue Ideen und Potentiale!

D.h. kontinuierliche und thesengenerierende Usability-Tests gehören in das Portfolio einer jeden großen ertragsorientierten Website. Somit verliert man seinen Nutzer und dessen sich im Laufe der Zeit verändernde Anforderungen und Erwartungen nicht aus dem Auge – ebenso wie das „Große Ganze“. Im Nachgang an diese Tests gilt es dann, die gewonnen Erkenntnisse und Ideen in neue Projekte zu wandeln oder aber den Ursachen bestimmter Beobachtungen mithilfe weiterer Instrumente und Methoden, wie z.B. Web Analytics, Zielgruppenbefragungen oder Wettbewerbsbenchmarking auf die Spur zu kommen.

Ist eine gewisse Zeitspanne vergangen und damit verbundene Neuerungen und Releases auf der Website erfolgt, so ist es erneut Zeit für die Durchführung eines thesengenerierenden Usability-Tests – und somit schließt sich der immerwährende Kreislauf eines nutzerzentrierten Entwicklungsprozesses…

Ihre Meinung ist gefragt

Obwohl wir solch geartete Tests schon seit geraumer Zeit erfolgreich durchführen, konnte sich noch kein treffender Name durchsetzen: Wie würden Sie solche Usability-Tests nennen? Gesundheitscheck, Massentests, …? Freue mich über jegliches Feedback und weitere Wording-Vorschläge.

3 Gedanken zu „Usability-Tests mal anders: Kontinuierlich & thesengenerierend anstatt punktuell & thesengetrieben

  1. Mr 404

    Ich würde einen solchen Test „Widespread-Usability-Test“ nennen, da die Website ‚großflächig‘ und ‚umfassend‘ auf ihre Usability getestet wird.

    Antworten
  2. Martin Beschnitt

    Hallo Mr. 404,
    danke für den Vorschlag. Der Gegensatz wäre dann folglich ein Focused-Usability-Test. Jedoch bin ich noch auf der Suche nach etwas „Deutschem“. Ansonsten hat man wieder ein neues Produkt mit einem weiteren mysteriösen englischsprachigen Titel. Meine Lieblingsmethoden in der Hinsicht (Wording): Pluralistic Walkthrough oder Participatory Design

    Antworten
  3. Pingback: CRO aus Sicht eines Usability-Professionals | usabilityblog

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *