Barrierefreiheit wieder ein Thema? Und wie „barrierefrei“ sind iPhone, iPad & Co.? Antworten auf diese und weitere Fragen im Experteninterview mit Jan Winters

Der BITV-Test für Barrierefreiheit wird überarbeitet – die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2 werden in den deutschen Test des BIK (barrierefrei informieren und kommunizieren) integriert. Dies geschieht im Rahmen einer Initiative des BIK, gefördert vom Bundesministerium für Arbeit & Soziales, bei der Agenturen und behinderte Menschen in enger Zusammenarbeit mitwirken können.

Endlich?

Jan, wie siehst Du als Experte für die Thematik „Barrierefreiheit & Usability“ diese Entwicklung: Kommt das zu spät?

Der BITV-Test basiert ja grundsätzlich auf der Barrierefreien Informationstechnik-Verordnung (BITV), er stellt ein praxisorientiertes, nachvollziehbares Prüfverfahren (und -instrumentarium) dar, um Webauftritte auf die einzelnen Kriterien der BITV hin zu prüfen und die Zugänglichkeit von Webauftritten zumindest in gewisser Weise auch „vergleichbar“ zu machen.

Vornehmlich für realisierende Agenturen und Dienstleister, aber auch für Kunden bzw. Unternehmenspersönlichkeiten mit entsprechendem Vorwissen ist der BITV-Test ein wertvolles Utensil zur Positions- und Entwicklungsbestimmung.

Bedenkt man, dass die WCAG 2 bereits im Dezember 2008 veröffentlicht wurden und sich schon in 2007 im Bundesministerium für Arbeit eine Arbeitsgruppe zur Überarbeitung der BITV gebildet hat, mag einem der Bearbeitungszeitraum der sogenannten BITV 2 in der Tat verhältnismäßig lang vorkommen. Allerdings ist zu bedenken, dass eine Vielzahl von (neuen) Anforderungen und Erkenntnissen, Nutzergruppen und Gesetzessituationen, stets unter der Vereinbarkeit von Nutzerfreundlichkeit, Barrierefreiheit und Endgeräte-Möglichkeiten, in Einklang zu bringen sind.

Insofern hilft ein längerer, dafür aber umfassender Prozess mit Ergebnissen, die eine auch zukünftig flexiblere Anpassung der Anforderungen erlauben, sicher mehr, als ein Schnellschuss schaden würde.

Wo siehst Du die größten Herausforderungen in diesem Entstehungs-Prozess?

Die kontinuierliche Handhabbarkeit eines jeden Prüf- und Testverfahrens steht und fällt mit der Komplexität und effizienten Durchführbarkeit der einzelnen Testschritte.
Gerade wenn der Anspruch besteht (und das ist hier der Fall), eine Bewertung durch einen möglichst großen Personenkreis durchführbar zu machen, ist dies sicherlich eine der größeren Herausforderungen an den erweiterten Prüfkatalog des BITV-Tests.

iPhone, iPad & Co.: Wie barrierefrei sind Anwendungen für mobile Endgeräte?

Hier muss man künftig sowohl die Fähigkeiten der Hard- und Software des jeweiligen Endgeräts, als auch gesondert die darauf aufbauenden, entwickelten Applikationen betrachten.

Die Ausgangssituation, speziell bei den angesprochenen Apple-Produkten, erscheint aber vielversprechend: Apple hat bei der Präsentation des iPad explizit das Thema der „Accessibility“-Features herausgestellt, sie bezeichnen dies sehr optimistisch als „Built-in accessibility“.
Gemeint ist damit, dass das iPad sowohl einen eigenen Screenreader als auch neue, zusätzliche unterstützende Funktionen (z.B. Vergrößerungsoptionen) mitbringt. Diese Merkmale müssen nicht gesondert installiert oder gar erst nachgekauft werden. Dies setzt sowohl technische als auch finanzielle Hürden herab.

Der angesprochene, gestenbasierende Screenreader („VoiceOver„) ist dabei grundsätzlich auch für das iPhone (3GS, 4) verfügbar. Das ist eine interessante Entwicklung, denn gerade blinde Mobiltelefonnutzer arbeiten bisher doch eher vergleichsweise selten mit Touchscreen-Geräten. Verbreiteter ist die Arbeit mit tastaturgesteuerten Mobiltelefonen, deren Funktionstasten erfühlt und damit gelernt werden können und im Zusammenspiel mit einem – allerdings kostenpflichtigen – Screenreader die Bedienung ermöglichen.

Bemerkenswert ist auch, dass es eine mittlerweile recht umfangreiche Unterstützung für Wireless Braille Displays für iPhones der 3GS- und 4er Generation gibt.
Und: Gerade das iPad eignet sich aufgrund seiner großen Displayfläche natürlich besonders für die Wiedergabe von Videoinhalten, wobei hier -auch das ist ein Pluspunkt- nativ Untertitel und/oder Audiodeskriptionsspuren mit abgespielt werden können.

Welche interessanten Entwicklungen im Bereich „iPad als assistive Technologie“ gibt es derzeit noch?

Sehr konsequent gedacht finde ich ein Produkt des US-Herstellers AssistiveWare, „Proloquo2Go“, welches jetzt für das iPad verfügbar ist:
Menschen mit Sprechproblemen können Worte eintippen, die das iPad dann mit einer menschlichen Stimme vorlesen kann. Alternativ bietet die Software eine Sammlung diverser Symbole an, die für bestimmte Wörter oder auch komplette Sätze stehen und per Fingerdruck gesteuert werden können.

Zwar ist diese App mit einem Preis von $189,99 auch nicht gerade ein absolutes Schnäppchen, im direkten Vergleich zu wesentlich teureren Alternativlösungen sicherlich aber eine interessante Entwicklung.

Vielen Dank für Deine gehaltvollen Antworten.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Du mit weiteren Beiträgen rund um diese Thematik die Leser von Usabilityblog.de „auf dem Laufenden halten“ könntest.
Ich persönlich bin der Ansicht, dass dem Thema Barrierefreiheit zu Unrecht viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Von daher freut es mich im Besondern, dass nun wieder mehr Elan und neue Aspekte ins Spiel kommen.

Ein Gedanke zu „Barrierefreiheit wieder ein Thema? Und wie „barrierefrei“ sind iPhone, iPad & Co.? Antworten auf diese und weitere Fragen im Experteninterview mit Jan Winters

  1. Pingback: Welchen Zusammenhang gibt es bezüglich Barrierefreiheit und Mobile UX? - Usabilityblog.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *