Fragen an Moritz Keck zu agilen Usability-Methoden

Das Ziel agiler (Software-)Entwicklung ist, den Entwicklungsprozess schlanker und flexibler als bei klassischen Vorgehensmodellen – wie beispielsweise dem Wasserfallmodell – zu machen. Dabei gilt folgende Philosophie:

  • Individuen und Interaktionen gelten mehr als Prozesse und Tools.
  • Funktionierende Programme gelten mehr als ausführliche Dokumentation.
  • Die stetige Zusammenarbeit mit dem Kunden steht über Verträgen.
  • Der Mut und die Offenheit für Änderungen stehen über dem Befolgen eines festgelegten Plans.

Bereits usabilityblog-Autor Dr. Thomas Memmel hat in seinem zweiteiligen Blogbeitrag zum Thema „Agile + Usability“ auf das enorme Potential hingewiesen, das eine Verbindung von agilen Prinzipien mit den Methoden des Usability Engineering birgt.

Nehmen wir einmal die Expertenbasierte Evaluation (Expert Review) als Beispiel: Sie ist eine Methode, die nahezu beliebig skalierbar ist (von ein bis 100 Manntagen). Gleichzeitig sind beim agilen Vorgehensmodell Scrum, bei dem das Festlegen von Entwicklungsvisionen und -zielen gleich zu Beginn des Projekts von Bedeutung ist, die Entwicklungszeitfenster (Sprints) sehr kurz (24 Stunden bis einige Tage – je nach Umfang des neu zu realisierenden Features). Es ist also wichtig, dass die Usability-Methode agil genug ist, um die Usability eines solchen Features innerhalb kürzester Zeit zu evaluieren und – sofern nötig – konkrete Handlungsempfehlungen binnen weniger Stunden bis einiger Tage liefert. Speziell hier ist der Einsatz von Usability-Experten besonders geeignet, da sich diese innerhalb kürzester Zeit in das Testobjekt, den Nutzungskontext und die Zielgruppe hineinversetzen können.

So könnte beispielsweise innerhalb eines Manntages ein gemeinsamer Workshop durchgeführt werden, an dem sowohl das eigentliche Projektteam als auch der oder die Usability-Experten teilnehmen. Das neue Feature wird auf Basis eines Cognitive Walktrough oder Pluralistic Walkthrough zusammen durchgearbeitet – immer vor dem Hintergrund, dass die Usability-Experten nicht aus dem eigenen bzw. selben Projektteam stammen, sondern eine unabhängige, möglichst objektive Instanz bilden. Wenn ein eintägiger Workshop nicht ausreicht, lässt sich das Expert Review auf zwei bis x Tage ausdehnen, sofern es der Untersuchungsgegenstand bzw. -umfang erfordert und die Zeit es zulässt.

Auch „Quick“-Usability-Tests sind – ohne viel Vorbereitung – möglich (primär auf Basis von Protokollen lauten Denkens und Beobachtung). Wichtig bei solch einem „schnellen“ Nutzertest ist ein bestehendes Panel an geeigneten Testpersonen. Mögliche Aufgabenstellungen lassen sich aus den bereits definierten Use-Cases bzw. Szenarien, die für die agile Softwareentwicklung unumgänglich sind, ableiten. Somit lässt sich nahezu ad hoc testen.

Sollten Sie Fragen zum Thema agile Usability-Methoden haben, stehe ich Ihnen an dieser Stelle gerne zur Verfügung.

3 Gedanken zu „Fragen an Moritz Keck zu agilen Usability-Methoden

  1. Marion UX

    Etwas „off topic“ … aber vielleicht ja doch ein Bezug vorhanden?

    Wie entwickelt und testet man eigentlich User Interfaces bei mobilen Websites?
    Hier ist es ja aktuell noch so, dass viele schnell was „hinzimmern“ – nur um etwas zu haben. Gelder für „große Tests“ sind da dann wohl nicht da, denke ich (oder?). Motto müsste doch dann hier lauten: „Lasst uns mal eben schnell einen Test machen“. Was empfehlt ihr dann bei einer solchen Frage?

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  2. Moritz Keck Beitragsautor

    Hallo Marion,

    danke für Ihren Kommentar.

    Auch bei mobilen Websites oder Apps lassen sich Expert Reviews oder Usability-Tests durchführen. So lässt sich ein Usability-Labor nicht nur zum Testen von klassischen Websites nutzen, sondern eignet sich mit einem entsprechenden Setup auch für das Testen mobiler Anwendungen – beispielsweise mit dem Einsatz einer Dokumentenkamera, die über dem mobilen Gerät platziert wird und so dem Nutzer die Freiheit gibt, das Gerät ganz natürlich in der Hand zu halten.

    Gerade dann, wenn – wie Sie sagen – schnell etwas für wenig Geld „hingezimmert“ werden soll, bietet es sich an, eine agile Vorgehensweise zu wählen: Dabei wird dann nicht erst die fertige mobile Website in einem „großen“ Usability-Test getestet (und möglicherweise im Nachhinein festgestellt, dass einiges falsch „gezimmert“ wurde), sondern es werden einzelne, vorher definierte Entwicklungspakete bzw. Use-Cases in kleineren Tests evaluiert. Probleme können somit innerhalb kürzester Zeit aufgedeckt und behoben werden. Anschließend können dann bei Bedarf weitere Testschleifen durchlaufen werden.

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  3. Marion UX

    Vielen Dank … das leuchtet ein. Wie ist da Deine Erfahrung: Was läßt sich an ersten Prototypen alles testen und was nicht. Könnte mir vorstellen, dass Funktionen gut zu testen sind, Fragen rund um die Gestaltung (Gefallen der Optik) eher weniger gut, oder geht das auch an Prototypen?

    Natürlich würde mich auch sehr interessieren, was ein Prototypentest so kostet ;).

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