Usability-Labor: Was braucht es, um gute Usability-Tests durchzuführen? – Teil 2: Personal

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Sofern Sie sich entscheiden, nutzerbasierte Usability-Tests in Eigenregie durchzuführen, benötigen Sie vor allem zwei Dinge, um qualitativ hochwertige Ergebnisse zu erzielen: Das richtige Equipment und geschultes Personal.

Ein Hightech-Usability-Labor nutzt nichts, wenn es dem Test-Team an Methoden-Know-how, aktuellem Wissen und Erfahrung fehlt. Warum dies so immens wichtig ist, möchte ich Ihnen gerne im zweiten Teil der Artikelserie erläutern.

Jetzt sagen Sie vielleicht: „Pah, Usability-Probleme auf Websites erkennen, dass kann doch nahezu jeder. Dazu braucht man keine Ausbildung oder langjährige Erfahrung.“
Da gebe ich Ihnen (teilweise) Recht, aber ein gesunder Menschenverstand allein qualifiziert beispielsweise noch nicht dazu, zielführende Verbesserungsvorschläge zu machen. Und merkt man überhaupt immer, dass man als Nutzer ein Problem hat?
Und wie ist es mit dem Führen von Interviews in einem Usability-Test? Kann das auch jeder? Derjenige, der solche Test bzw. Interviews durchführt, sollte es zumindest. Denn: die Qualität der erhobenen Daten ist zu einem gewissen Teil vom Interviewer abhängig!

Sie merken, so ganz einfach scheint es nicht zu sein, selbst Usability-Tests durchzuführen. Anbei einmal sechs wichtige Erfordernisse, um Usability-Tests von Websites erfolgreich durchführen zu können. (Diese lassen sich jedoch nahezu auf jede Art von digitalen Interfaces übertragen.)

  • Surfen und lesen Sie, was das Zeug hält
    Wissen und Erfahrung sind das A und O für das Erkennen von Usability-Problemen und deren Behebung. Die Anforderungen und Erwartungen der Internetnutzer und auch deren Nutzungsgewohnheiten verändern sich kontinuierlich. Aufgrund der Vielzahl an Neuerungen und Trends ist es daher unerlässlich sich mit aktuellen Studien und Erkenntnissen zu versorgen. Auch eine lange Surferfahrung, die Kenntnis vieler unterschiedlicher Websites und letztendlich auch die Freude am Surfen sind somit wichtige Voraussetzungen für den Aufbau dieser erforderlichen Expertise. Genauso aus diesem Grund gibt es in unserem Unternehmen sog. „Surfstunden“. Hierbei handelt es sich um extra eingeräumte Zeiten, wo unsere Experten nach Herzenslust zu einem vorab definierten Thema surfen. Die Erfahrung zeigt, dass sich dieses Investment in all unseren Kundenprojekten überaus positiv auswirkt. (siehe hierzu auch: 3 Wochen im Arbeitsleben eines User Experience Consultant: Was macht der eigentlich so alles?)

  • Was ist denn die DIN EN ISO 9241-151?
    Neben dem erforderlichen Basiswissen, wie einzelne Usability-Methoden grundsätzlich ablaufen, sollten Sie zudem die wichtigsten Standards und Normen kennen (wie z. B. die DIN EN ISO 9241-11, DIN EN ISO 9241-110, DIN EN ISO 9241-151, die Heuristiken nach Nielsen und Molich, die Research-Based Web Design and Usability Guidelines, etc.) Die Erfahrung zeigt, dass sich nahezu jedes Usability-Problem auf die Missachtung einer bereits bekannten Richtlinie zurückführen lässt.

  • Verstehen Sie die Branche und beobachten Sie den Wettbewerb
    Über aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen (s)einer Branche sollte man stets informiert sein. Das Branchenwissen bzw. die Beobachtung des direkten Wettbewerbs hilft, Inhalt und Struktur der Anwendung zu verstehen und entsprechend zielgerichtet optimieren zu können.

  • Sammeln Sie Erfahrungen – mit verschiedenen Testobjekten
    Nichts schult in dem Maße, wie die Durchführung von Usability-Tests. Denn nur so lernt man die „Eigenheiten“ der Internetnutzer kennen, kann sich besser in sie hineinversetzen und verbessert stetig seine eigenen Fähigkeiten. Eine gewisse Kontinuität ist ebenfalls wichtig, um nicht aus der Übung zu geraten. D.h. testen, testen, testen! Führen Sie so viele Usability-Tests durch wie möglich – lediglich ein bis zwei Tests im Halbjahr sind zu wenig, um wirkliches Know-how aufzubauen.
    Jedoch bitte nicht immer mit dem gleichen Testobjekt: erst durch die Kenntnis unterschiedlicher Websites, Zielgruppen und Branchen ist es möglich, wirklich wertvolle und fundierte Lösungsvorschläge entwickeln zu können. Ansonsten schwimmen Sie zu sehr im „eigenen Saft“.
    Selbst unsere Experten lernen bei über 80 Usability-Test-Projekten pro Jahr jedes Mal etwas dazu – hierbei handelt es sich aber eher um Detailoptimierung auf einem sehr hohen Niveau.

  • Seien Sie ein guter Interviewer (und Usability-Experte zugleich)
    Die Anforderungen an den Interviewer in einem qualitativen Usability-Test sind hoch: Er muss sich einerseits selbst zurücknehmen, um sich ganz auf die Testperson zu konzentrieren, und dabei eine angenehme und anregende Gesprächssituation erzeugen. Andererseits sollte er die Fragestellung nicht aus den Augen verlieren. Suggestivfragen sind ein No-go. Offene Fragen überaus erwünscht. Über den Leitfaden sollte Interviewer immer einen guten Überblick haben, so dass er gegebenenfalls die Reihenfolge oder die Formulierung der Fragen flexibel ändern kann. Aus diesen Gründen schulen wir unsere eigenen Usability-Experten kontinuierlich in der Interviewführung. Denn unsere Erfahrung hat gezeigt, dass es zu großen Reibungsverlusten kommen kann, wenn man zusätzliche Interviewer mit ins Boot holt, die nicht aus dem eigenen Test-Team stammen.

  • Last but not least: Testen Sie nie Ihr eigenes Konzept
    Vermeiden Sie Usability-Tests, die selbstständig durch Mitglieder des eigenen Projektteams durchgeführt werden. Hier besteht immer eine gewisse Befangenheit, die die Beobachtungen und letztendlich die Ergebnisse des Tests verfälscht. Etablieren Sie ein unabhängiges, objektives Test-Team; eine eigene Abteilung, fernab von der Produktenwicklung, die sich hauptberuflich mit dem Thema beschäftigt. Womit wir wieder beim Thema Auslastung des Hightech-Usability-Labs. Es lohnt sich nur, wenn Sie es auch häufig nutzen!

Fazit
Auch wenn ich Ihnen nur sechs essentielle Dinge aufgezeigt habe, wird eins klar: Um methodisch saubere Usability-Tests mit wertvollen Erkenntnissen durchführen zu können, bedarf es erfahrenen Experten (=geschultem Personal), die kontinuierlich unterschiedliche Testobjekte mit verschiedenen Zielgruppen aus differierenden Branchen testen.

Aber wie wird man überhaupt ein Usability-Experte oder Usability Professional?

Viele Usability Professionals geben an, ihr spezielles Wissen autodidaktisch und schrittweise durch „learning by doing“ erworben zu haben (Ergebnis des jährlichen Branchenreports der German UPA). Langsam entwickeln sich aber auch erste Ausbildungsangebote (beispielsweise beim Fraunhofer FIT oder artop) und Studiengänge für eine entsprechende Qualifikation. Und das ist gut so im Sinne der Standardisierung und Zertifizierung.
Jedoch sollte man nie vergessen, dass man hier lediglich das Handwerk erlernen kann. Die Erfahrung kommt mit der Zeit bzw. der Anzahl an Projekten. Nicht ohne Grund coachen wir einige Kunden, die erfolgreiches Inhouse-Usability-Testing betreiben, schon seit mehreren Jahren. Usability-Experte wird man nicht über Nacht – auch wenn manche dies immer noch denken.

Ihre Meinung ist gefragt
Selbstverständlich gibt es noch weitere, wichtige Qualifikationen, die ein Usability-Experte zum erfolgreichen Durchführen von Usability-Tests besitzen sollte (z. B. analytische Fähigkeiten). Welche dürfen aus Ihrer Sicht auf keinen Fall fehlen?

11 Gedanken zu „Usability-Labor: Was braucht es, um gute Usability-Tests durchzuführen? – Teil 2: Personal

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  2. Agnieszka Walorska

    Ich halte die Kenntnisse der Grundlagen der Sozialforschung für ziemlich wichtig. Das hilft dabei die Fragen richtig zu konstruieren, die Antworten zu Interpretieren, richtige Testpersonen aus zu wählen und sich auch Optimal als Interviewer zu verhalten.
    Ich bin Soziologin und habe mich längere Zeit mit Sozialforschung beschäftigt und ich finde, dass mir das den Einstieg in Usability-Testing wie auch in andere Usability-Bereiche sehr erleichtert hat

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  3. Jakob Cuda

    Aber wie wird man überhaupt ein Usability-Experte oder Usability Professional?

    Wer sich für ein Studium in dem Bereich interessiert sollte sich den Bachelor Studiengang Human Technology in den Niederlanden mal anschauen.

    Der folgende Link verweist auf die Hochschule Hanze University Groningen, das Angebot gibt es aber auch an anderen Hochschulen.

    http://www.hanze.de/home/International/Deutsch/Studiengaenge/Technik/Technik/Human+Technology.htm

    Antworten
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