Ist Usability selbstverständlich geworden? Schlaglichter vom DMMK Stuttgart (10.-11. November 2010)

Wie kann man den diesjährigen DMMK in Stuttgart in drei Sätzen zusammenfassen?

  1. Je bekannter das Unternehmen, desto enttäuschender der Vortrag, weil kaum „echte“ Insights, dafür umso mehr Produktpräsentation an den Mann/die Frau gebracht wurden
  2. Social Media und Mobile Marketing waren mal wieder die Megathemen dieser Konferenz.
  3. Usability war nur am Rande der Konferenz ein Thema

Also zu Punkt 1 brauche ich wohl nichts zu sagen, dieses Phänomen kennt man ja auch von anderen Konferenzen. Bleiben noch Punkt 2 und 3. Wirklich inspirierend und witzig fand ich den Vortrag von Jessica Greenwood „Crash Course in Contemporary Marketing“. Mit einem unglaublichen Vortragstempo wurden uns schöne Beispiele aus aller Welt für außergewöhnliche Kampagnen gezeigt, so dass es ein Crashkurs im wahrsten Sinne des Wortes war. Zum Beispiel das App iButterfly bei dem das eher langweilige Thema „Coupons“ über Location Based Services und Augmented Reality auf einmal zu etwas wird, das einfach Spaß macht und Millionen von Japanern zu Fans werden lässt.

Fazit von Frau Greenwood: Egal ob Du mit einer Mobile oder Social Sache in den Markt gehst, prüfe ob es „useful, relevant, entertaining“ ist. Diese Eigenschaften verknüpft man Bestenfalls mit einem „und“ (das nächste Hype-App?), mindestens aber mit einem „oder“ (das reduziert zumindest die Flopwahrscheinlichkeit). Bei Sevenload kann man sich den ganzen Vortrag von Frau Greenwood ansehen.

Und damit wären wir natürlich auch schon beim Stichwort: Joy of Use – Etwas kann natürlich nur dann Spaß machen, wenn ich es intuitiv benutzen kann. Ja, aber wir sind doch bei den Apps sowieso schon auf dem Weg vom GUI zum NUI (also vom (Graphical User Interface zum Natural User Interface), so die Essenz von Prof. Wolfgang Henselers sehr gutem Vortrag im Panel Moultitouch und Mobile Apps. Und was „Natürlich“ ist, ist doch auch intuitiv. Die Usability ist also ganz „natürlich“ da, oder? Ist ja klar, dass ich als Usability-Frau dem vehement widersprechen muss und wenn man sich das ganze mal etwas genauer ansieht, gibt es auch ganz nachvollziehbare Argumente, warum auch dem NUI Usability nicht einfach so innewohnt.

  • Zum einen gibt es kaum Erkenntnisse darüber, was „natürliche“ Navigationsgesten sind und es fehlen Standards.
  • Die Anforderungen an die Usability sind bei Apps besonders hoch. Denn Sie müssen den „Now!“-Erwartungen der Nutzer gerecht werden. Wenn ich ein WC-App nutze, dann möchte wissen, wo die nächste Toilette ist. Und zwar möchte ich das jetzt (!) und je nach Füllgrad meiner Blase schnell (!) wissen. Anders als Software oder Online-Angebote, die ich auf einem PC nutze, kann sich der Designer bei der App-Programmierung also nicht darauf verlassen, dass es eine Art „Lernkurven-Effekt“ bei Nutzung gibt.

In der Session „Social Media“ präsentierten Christof Hafkemeyer von der Telekom und Cordelia Kroß von BASF, wie sie Social Media zur Verbesserung der internen Kommunikation nutzen. Beide waren sich einig, dass die Instrumente des Social Media das geschafft haben, was Wissensmanagement-Systeme in den letzten Jahren vergeblich versucht haben. Nämlich das Wissen der Mitarbeiter im Sinne eines „Knowledge Sharing“ untereinander zugänglich zu machen. Denn Social Media beantwortet die Frage „What´s in for me?“ einfach besser. Warum sollte ich mein Wissen einer Datenbank zur Verfügung stellen? Teile ich mein Wissen jedoch in einer Community, dann kann ich mich in der Community als Experte positionieren. Auch wurden mal konkrete Zahlen genannt (beide Vorträge also eine rühmliche Ausnahme zu Punkt 1). Zum Beispiel, dass in beiden Unternehmen rund 20% der Mitarbeiter mitmachten. Das ist ja schon ganz ordentlich, aber 20% sind trotzdem erst 1/5 der Belegschaft. Es sind dann die ganz simplen Anwendungen, welche die magische 90% Grenze überschreiten. So ist das erfolgreichste Social Marketing Tool bei der Telekom der „Direkt zu René Obermann“-Dienst. Hier können Mitarbeiter Fragen einstellen, über die alle anderen Mitarbeiter abstimmen. Die Top 3 Fragen werden von Obermann selbst oder einem Mitglied des Topmanagement beantwortet.

Digitale Markenführung war sowohl in der Keynote von Stefan Büscher (Porsche) als auch in der Präsentation von Alexandra Süß (Mercedes-Benz) das Thema. Man kann zusammenfassen, dass die Automobil-Hersteller in ihrer crossmedialen Kommunikation die gesamte digitale Below-the-Line-Klaviatur bespielen: von der Porsche-Facebook-Seite über virale Videos, iPad-Apps, SLS AMG Reporter per Blog und Twitter oder Mercedes-Benz Motortalk-Communities, in der User zu realen Testfahrern werden, war alles dabei. Leider unbeantwortet blieb die Frage, wie und ob die Wirkungen dieser Kommunikation auf die Marke ganzheitlich gemessen und kontrolliert wird. Die größte Herausforderung aus Sicht der Referenten: Die Fragmentierung der Endgeräte und Netzwerke einerseits und der Nutzerbedürfnisse andererseits.

Und was sind die Herausforderungen und Erfolgsfaktoren für die E-Commerce Märkte der Zukunft? Interessant ist, was anscheinend nicht als Herausforderung und Erfolgsfaktor gesehen wird: nämlich Shop-Gestaltung und Usability. Vielmehr ging es in dem 3. Panel um neue Formen des E-Commerce wie Brand4Friends und der Kundenkommunikation wie z.B. virales Marketing mit Facebook, Twitter & Co.

Fazit. Usablity war, wenn überhaupt, nur am Rande der Konferenz ein Thema. Ist Usability bei den Marketing Verantwortlichen schon zum selbstverständlichen Basisfaktor geworden oder wird Usability in dem ganzen Social Media und Mobile-Trubel einfach „vergessen“? Ich glaube eher, dass Letzteres der Fall ist und das ist bei begrenzten Budgets der Unternehmen für die gesamte Usability-Branche eine fatale Entwicklung. Das Thema Usability muss wieder auf die Agenda der Konferenzen – und zwar auch jenseits von World Usability Day oder Usability-Kongress.

3 Gedanken zu „Ist Usability selbstverständlich geworden? Schlaglichter vom DMMK Stuttgart (10.-11. November 2010)

  1. Volker

    Dem Absatz zum E-Commerce kann ich (leider) nur zustimmen. In der Regel werden immer noch vor allem neue Features und Funktionen gehyped bevor der bestehende Shop so weit optimiert wird wie es für eine gute Usability notwendig wäre.

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  2. Claus Wagner

    .. „wird Usability in dem ganzen Social Media und Mobile-Trubel einfach „vergessen“?“

    Da gebe ich Ihnen recht. Die Usability hatte vor etlichen Jahren noch den Stellenwert eines Hypes. Und Hypes lösen sich ja bekanntlich rel. schnell gegenseitig ab. Und bei genauerer Betrachtung haben viele die Usability abgehakt und gehen weiter mit Schlagworten wie „user experience“, „joy of use“, „nui“ und sonstigem… ohne zu wissen, was es ist und dass eben bei alle dem die Usability eine wichtige Grundlage, ja die Basis von alldem darstellt.

    Dass der World Usability Day parallel stattfand, war sicherlich nicht geschickt, aber leider kann man einen weltweiten Aktionstag nicht so leicht verlegen 😉

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