Was, Sie haben noch kein eigenes Usability-Labor?

Ein Satz, den ich aus einer Unterhaltung zweier Kunden aufgeschnappt habe, am Rande einer Veranstaltung in Hamburg.

Noch nicht oft gehört, einen solchen Satz. Aber irgendwie hat mich diese Aussage gefreut und auch ein wenig Stolz gemacht.

Zeigt sie doch, dass den Dienstleistungen von Usability-Agenturen und Usability-Beratern derart viel Bedeutung und Wert beigemessen wird, dass einige Firmen diese Leistungen interne verfügbar haben möchten, quasi in Form von „Inhouse Usability-Labs“.

Toll, wenn Unternehmen

  • 60.000 EUR und mehr in Technik, Software, Räume und Forschungsinfrastruktur für ein Usability-Lab investieren,
  • 1-2 Mitarbeiter für die Durchführung von Usability-Tests im Labor einstellen bzw. vorhandene Mitarbeiter freistellen,

ja, dann doch nur, wenn sich das auch rechnet!

Tut es wohl, und das macht mich stolz (zumal wir den besagten Kunden beim Aufbau des Usability-Labors beraten, unterstützt, und die Mitarbeiter geschult haben).

Welche Bedingungen müssen gegeben sein, damit sich ein eigenes Usability-Labor auch für Sie rechnet, und welche Herausforderungen kommen im Fall der Fälle auf Sie zu?

Dieser Frage möchte ich nachgehen, und Sie bei deren Beantwortung gerne einbeziehen. Ich lege mal einige Aspekte vor, und hoffe Sie unterstützen mich mit Ergänzungen …

  • Ausgaben für externe Usability-Berater und Dienstleister im Umfang von mindestens 145.000 EUR pro Jahr
    (= Gegenwert für u.a. kalkulatorische Abschreibungen auf die Technik, Software und Forschungsinfrastruktur, Personalkosten, kalkulatorische Miete, eingerichtete Arbeitsplätze, Zeit und Raum für die Weiterbildung der Mitarbeiter und Weiterentwicklung der Methodik).
  • Ein ausreichend großer Pool mit Personen, Kunden und auch Nicht-Kunden, aus denen Testteilnehmer/-innen ausgewählt und rekrutiert werden können.
    Bei 1-2 Usability-Tests pro Monat sollte der Pool schon permanent 600-800 Personen umfassen, die sich explizit zur Teilnahme an solchen Tests bereiterklärt haben.
  • Räume außerhalb der eigenen Firma, in denen die Tests sowohl durchgeführt als auch „live“ verfolgt werden können (beispielsweise angemietet von einem in der Nähe befindlichen Teststudio).
  • Stetige Beschäftigung für die Mitarbeiter.
    Bei 1,5 Stellen sind 2 Usability-Tests pro Monat mit um die 12 Testpersonen erforderlich, damit die 1,5 Stellen ausgefüllt werden können, und die betreffenden Mitarbeiter ihre Test-Erfahrung aufrechterhalten und weiter ausbauen.
  • Stetige Weiterbildung der Mitarbeiter hinsichtlich der Methodik und Erhebungsverfahren, die bei Usability-Tests im Labor zum Einsatz kommen (wie z.B. Eyetracking, Aktivierungsmessung, Interviewführung, Protokolle lauten Denkens).
  • Kreative Auszeiten für die Mitarbeiter, damit sie wertvolle und erfolgswirksame Empfehlungen zur Behebung der in den Tests identifizierten Usability-Probleme geben können.
    Beispielsweise geboten über die Möglichkeit zum Besuch von Seminaren, Workshops und Kongressen, oder selbstbestimmte Weiterbildung im Job.
  • … was fällt Ihnen noch ein?

Freue mich auf Ihre Ergänzungen, und natürlich auch über Anmerkungen zur Diskussion.

P.S.: An dieser Stelle möchte ich mit Ihnen nicht die Aspekte Neutralität oder Inspiration durch den Blick von außen diskutieren.
Keine Frage, diese und weitere Aspekte sprechen gegen ein eigenes (inhouse) Usability-Labor und für externe Berater, wie Martin Beschnitt das unlängst auf Usabilityblog.de in gehaltvollen Beiträgen anschaulich und nachvollziehbar dargelegt hat. Es geht mir um die Sicht der Kunden und deren Unterstützung, wenn die Entscheidung für ein eigenes
Usability-Labor gefallen ist.

4 Kommentare zu „Was, Sie haben noch kein eigenes Usability-Labor?

  1. Sonja Quirmbach

    Hallo Herr Wilhelm,

    guter Artikel.

    Meine kurze Antwort: Lohnt sich, wenn „genügend“ Produkte bzw. Themen zum Testen da sind.

    1. Da durch ein eigenes, etabliertes Lab auch die Engpässen oder in schlechten wirtschafttlichen Zeiten und Budgetkürzungen benutzt werden kann. Das wird so schnell nicht geschlossen, da „Eh-da-Kosten“. Das Geld, um externe Agenturen zu bezahlen, wird sehr schnell mal gekürzt oder erst gar nicht veranschlagt.
    2. Der Stellenwert für Usability und UX im Rahmen der Produktentwicklung wird gestärkt.
    3. Die Produktmanager können selbst direkt dabei sein. Auch hier keine Fahrtkosten, wenn im gleichen Gebäude.
    4. Benchmarks können viel professioneller durchgeführt werden.
    5. Wissen wird inhouse aufgebaut und auch inhouse weiter gegeben.
    6. Zerstreut das Entwicklen nach „Bauchgefühl“ und liefert Ergebnisse auf Basis von Signifikanz.
    7. Generell schnellere Ergebnislieferung, da die Zeiten verkürzt werden.

    etc…

    Nun bin ich aber in einem großen Unternehmen. Die Frage ist, lohnt es sich auch für einen kleinen Online-Shop?

    Viele Grüße,
    Sonja Quirmbach

  2. Thorsten Wilhelm

    Vielen Dank für die Ergänzungen. Alles auch aus meiner Sicht Gründe und Anlässe ein Lab „im eigenen Hause“ einzurichten. Es lohnt sich, nicht immer, aber wenn die genannten Voraussetzungen vorliegen dann auf jeden Fall.

  3. Sonja Quirmbach

    Einen Punkt habe ich noch zur Diskussion gefunden:

    Kann auch intern getestet werden, wenn es um Fragen rund um das Branding geht?
    Also insbesondere dann auch mit Kollegen als Probanden?

    Geht das überhaupt, oder sind diese zu befangen?

  4. Thorsten Wilhelm

    Kommt drauf an, meines Erachtens vor allem auf den Testgegenstand und die Fragestellung. Wenn es z.B. im den Fit eines Intranets zum Firmenimage geht, dann wären Mitarbeiter/-innen eine gute Testgruppe.
    Bei Anwendungen, die sich an Kunden richten, würde ich vom Test mit Mitarbeitern aber unbedingt abraten, auch keine „neuen“ Mitarbeiter/-innen heranziehen.

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