Alexander Hülle (Reader‘s Digest Deutschland) über die Vorteile seniorenfreundlicher Angebote, Tablet-PCs und die Vorzüge von Weltbild gegenüber Amazon

A.Hülle

„Wenn Sie in Ihrem Leben etwas ohne Nachteile verändern könnten, was würden Sie zuerst ändern?“
So lautete eine der letzten Fragen einer Nutzer-Umfrage auf www.readersdigest.de.

Nahezu jeder zweite Teilnehmer wählte keine der bereitstehenden Antworten – die da waren: Beruf, Wohnort, familiäre Situation oder Partnerschaft – aus.
Ich könnte mir vorstellen, dass die Antwortvorgabe „mir ein anderes Navigationsgerät für meinem PKW zulegen“ durchaus einige Antworten bekommen hätte.
Meine Eltern, beides begeistere Reader’s Digest Leser, hätten zu 90% diese Antwort gewählt. Es gibt kein anderes Gerät in deren Besitz, welches mein Vater derart viel Ärger und schlechte Laune verursacht hat.

Und somit sind wir auch schon beim Thema unseres heutigen Experten-Interviews: Wir möchten mit Alexander Hülle, Market Research Manager bei Reader’s Digest Deutschland, über die Anforderungen, Wünsche und Erwartungen von Silver Surfern sprechen.
Und dabei denken wir beide vor allem an Webnutzer/-innen, die älter als 65 Jahren sind und das Web aktiv nutzen.

Welche Berührungspunkte gibt es im Rahmen Ihrer täglichen Arbeit mit den Silver Surfern bzw. warum ist diese Zielgruppe für Sie persönlich interessant?

Silver Surfer sind eine hochinteressante Zielgruppe, weil sie Werbe- und Medienkompetenz mit Kaufkraft verbinden. Es lohnt sich daher, sie als Kunden gezielt anzusprechen, es muss aber auf eine glaubhafte und interessante Weise erfolgen. Dann entwickeln sie auch online eine Markentreue, die in jüngeren Zielgruppen selten ist.

In den Nutzergruppen ab 65plus gibt es die höchsten Wachstumszahlen unter der Gesamtinternetnutzerschaft.
Worauf führen Sie das „späte“, aufkeimende Interesse für die neuen Medien zurück und welches Potenzial haben die Senior/innen? Welche Branchen könnten von dieser wachsenden Nutzergruppe profitieren?

Die „Silver Surfer“ mussten wohl erst vom konkreten Nutzen des Internets jenseits allen „Hypes“ überzeugt werden.

Dass es online möglich ist, viele Gänge durch Klicks zu ersetzen, ist so ein konkreter Nutzen; ebenso die Möglichkeiten, mit Kindern und Enkeln zu kommunizieren.

Von ihnen können m.E. die Branchen profitieren, die Angebote und Hilfen anbieten, die das Leben gleichzeitig bereichern und vereinfachen: neben Produkten und Dienstleistungen können das auch Kulturangebote sein, die anders für viele von ihnen nicht mehr erreichbar sind.

Was bedeutet „seniorenfreundliche Websitegestaltung“ aus Ihrer Sicht?
Und: Müssen wir uns in Zukunft überhaupt noch Gedanken darum machen, wenn sich doch die Interneterfahrung aller Zielgruppen auf einem ähnlich hohen Niveau bewegen wird?

Für Webseiten gilt m.E. dasselbe wie für alle Produkte und
Dienstleistungen: sind sie „seniorenfreundlich“, d.h. wohl praktisch und ohne willkürliche Barrieren nutzbar, dann gefallen sie auch allen anderen Altersgruppen.

Ein fast schon klassisches Beispiel: das Seniorenhandy. Als klobiges, teures Gerät mit übergroßen Tasten und ausschließlich als Seniorenhandy beworben, was es ein Flop. Als praktisches, günstiges, einfaches, auf wenige Grundfunktionen reduziertes Gerät ist es überaus erfolgreich in allen Altersgruppen.

Ich bin davon überzeugt, dass eine Webseitengestaltung, die ansprechend, einfach, übersichtlich und direkt zu benutzen ist, für alle Altersgruppen perfekt ist. Insofern müssen wir uns über Gestaltung der Webseiten für Senioren nur die Gedanken machen, die wir uns für alle Altersgruppen machen sollten.

Mit Einführung der Tablet-PCs wird auch oft propagiert, dass diese Geräte gerade auch Senioren den Zugang zum Internet stark vereinfachen könnten.
Da die Bedienung mit dem Finger viel intuitiver sei als das Steuern eines Maus-Zeigers, werden Tablet-PCs angeblich gerade bei älteren Menschen auf starken Zuspruch stoßen.
Was halten Sie von diesen Voraussagen?

Tablets haben meiner Meinung nach einen anderen Vorteil: sie sind viel einfacher aufgebaut und viel besser vorkonfiguriert als PCs; man kann sie eher wie Handys als wie Computer benutzen, ohne große Schwellen.
Von daher sind sie für Ältere geradezu ideal und dürften die Bereitschaft, ins Internet zu gehen, weiter erhöhen.

Senioren sind inzwischen fleißige Online-Shopper geworden, auch wenn Print-Kataloge für Sie oft noch der Auslöser für Online-Käufe sind. Was wird für Senioren zukünftig ausschlaggebend sein, in einem Shop zu bestellen oder nicht? Wie kann man insbesondere Nutzer ab 65 Jahren im Internet inspirieren?

Zumindest in den nächsten Jahren dürften Printmedien für die Kaufinspiration und für die Markenbildung bei Älteren unverzichtbar sein.

Für die Konvertierung zu Onlineshop-Käufern sind die Bekanntheit des Anbieters und die Vertrauenswürdigkeit entscheidend. Das zeigt etwa der Vergleich von Weltbild und Amazon: Weltbild profitiert bei älteren Onlineshoppern von seiner immensen Vertrauenswürdigkeit, die es sich in vielen Jahren offline aufgebaut hat.

Diese Situation dürfte sich erst dann grundlegend ändern, wenn die Baby-Boomer massenhaft ins Seniorenalter kommen. Sie werden ihr Kaufverhalten mit großer Wahrscheinlichkeit weiter beibehalten, so dass bei ihnen auch reine Online-Anbieter ohne Printmedienunterstützung aus kommen können.

Vielen Dank, Herr Hülle, für die gehaltvollen Antworten und spannenden Einblicke. Ich freue mich bereits heute auf weitere Beiträge und Kommentare von Ihnen auf Usabilityblog.de. Bleiben Sie uns treu und als Autor lange erhalten.

2 Gedanken zu „Alexander Hülle (Reader‘s Digest Deutschland) über die Vorteile seniorenfreundlicher Angebote, Tablet-PCs und die Vorzüge von Weltbild gegenüber Amazon

  1. Maikel

    „Ohne Nachteile verändern“ Alleine die Tatsache, daß sich etwas ändert, daß man sich also umgewöhnen muß, ist ein Nachteil. Dieser Nachteil ist, verglichen mit den Vorteilen, für interessierte Menschen oft vernachlässigbar, bietet aber anderen immer einen möglichen Ansatzpunkt für Kritik bzw. Nörgelei.

    Leider kann man nichts verbessern ohne es zu verändern.

    Antworten
  2. Pingback: Ältere Generationen und die Tablet-PCs | Blog

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