Heute teste ich mal ohne Layout – Warum ein Prototyp nicht immer so aussehen muss wie die spätere Webseite

Nutzertagebuch

In prototypbasierten Usability-Tests geht es häufig darum, z. B. eine neue Seitenaufteilung, ein Navigationskonzept oder eine neue Funktionalität zu testen. Oftmals steht also die Optimierung einer bereits bestehenden Webseite im Vordergrund. In vielen Fällen wird dann auch der Prototyp bereits im Layout der Webseite gestaltet – optisch ist er dann oft kaum von der realen Seite zu unterscheiden. Aber: Muss das eigentlich sein, oder kann man auch einfach mit einem visuell wenig ausgearbeiteten Prototyp testen?

Gute Argumente gibt es für beide Seiten:

Häufig wird argumentiert, dass ein Prototyp der realen Seite so ähnlich wie möglich sein (also auch sehen) sollte, damit die Nutzer sich in den realen Nutzungskontext hineinversetzen und diejenigen Probleme identifizieren, die dann auch bei der späteren Nutzung der Webseite auftreten können. Dies klingt absolut einleuchtend. Genauso plausibel klingt aber die These, dass Nutzer sich bei zu detaillierter visueller Ausarbeitung eher auf kosmetische Probleme konzentrieren – und dadurch schwerwiegende Nutzungsprobleme mit höherer Wahrscheinlichkeit übersehen. Ein weiterer Grund, der häufig angeführt wird: Nutzer sprechen bewusst weniger Probleme an und sind mit Kritik zurückhaltender, wenn sie mit einem visuell ausgereiften Prototyp konfrontiert werden, da dieser schon sehr „fertig entwickelt“ aussieht.

Wie also sollte ein Prototyp nun gestaltet sein?

Dieser Frage wurde in einer von eResult durchgeführten Grundlagenstudie nachgegangen, bei der ein Usability-Test mit zwei verschiedenen Prototypen durchgeführt wurde, die sich lediglich optisch voneinander unterschieden. Während ein Prototyp lediglich in schwarz-weiß gehalten war und über keine Bilder verfügt, war der andere Prototyp bereits mit einem Layout ausgestattet. Auf der Dimension der visuellen Verfeinerung verfügten die Prototypen also einmal über hohe und einmal geringe Fidelity, während die anderen Fidelity-Dimensionen konstant gehalten wurden.

Prototyp mit geringer visueller Verfeinerung (links) und hoher visueller Verfeinerung (rechts).

Prototyp mit geringer visueller Verfeinerung (links) und hoher visueller Verfeinerung (rechts).

Prototyp mit geringer visueller Verfeinerung (links) und hoher visueller Verfeinerung (rechts).

Im Anschluss an den Test wurden die von den Nutzern identifizierten Probleme ausgewertet – sowohl im Hinblick auf Ihre Anzahl als auch in Bezug auf Ihre Qualität. Es zeigte sich, dass sich die Anzahl der gefundenen Probleme in beiden Bedingungen nicht signifikant voneinander unterschied. So wurden mit dem Prototypen, der visuell über geringe Verfeinerung verfügte, insgesamt 30 Usability-Probleme identifiziert; bei hoher Verfeinerung waren es 30. Auch die Verteilung auf die einzelnen Features bzw. Seitenbereiche, die als problematisch identifiziert wurden, ergab Überschneidungen.

Tabelle

Identifizierte Probleme bei hoher und geringer visueller Verfeinerung (differenziert nach Kategorien).

Dennoch war zu beobachten, dass bei geringer Verfeinerung tendenziell mehr Unklarheiten hinsichtlich Wording und Navigation identifiziert wurden. Vor allem in einem Fall (Navigation zu persönlichen Nachrichten) wurde dies sehr deutlich: Bei hoher Verfeinerung war der Weg zu dieser Nachricht für die Nutzer aufgrund einer farblichen Hervorhebung in der Navigation recht leicht zu erkennen. Dass jedoch die Navigation dorthin sehr viele Klicks erfordert und dadurch sehr zeitaufwändig war, wurde nur unter geringer Verfeinerung erkannt. Der Navigationspfad wurde daraufhin in der anschließenden Optimierungsphase deutlich verkürzt, wodurch die Nutzerfreundlichkeit und die Effizienz der Nutzung erhöht werden konnten. Wäre nur mit einem Prototyp von hoher Verfeinerung getestet worden, wäre das Problem im Test nicht zu Tage gefördert worden.

Was sagen die Ergebnisse aus?

Es zeigt sich, dass geringe visuelle Verfeinerung entgegen der häufigen Annahme nicht dazu führt, dass Nutzer weniger Usability-Probleme finden – Qualität und Anzahl der gefundenen Probleme unterscheiden sich nicht. Dies bedeutet aber auch, dass es nicht stimmt, dass hohe Verfeinerung automatisch dazu führt, dass nur kosmetische Probleme gefunden werden. Dennoch lässt sich eine Tendenz dahingehend erkennen, dass Nutzer sich eher auf konzeptionelle Aspekte konzentrieren, wenn kein ausgereiftes Layout vorliegt – auch wenn dieser Befund sich als nicht signifikant erweist.

Was bedeutet das für die Konzeption von Prototypen für Usability-Tests?

Konzeptionelle Fragestellungen können genauso gut (ggf. sogar besser) mit geringer visueller Verfeinerung evaluiert werden. Solche Fragenstellungen können z. B. sein: Ist die Navigation verständlich? Sind verwendete Begriffe klar? Verstehen die Nutzer Funktion xy? Dies bietet darüber hinaus den Vorteil, dass die Konzeption schneller erfolgen kann, da der Prototyp nicht aufwendig mit einem Layout versehen werden muss.

Vorteilhalft ist dies auch, wenn z. B. ein Konzept für eine neue Webseite (oder eine andere Anwendung) getestet werden soll: Styleguide und Layout werden hier in den meisten Fällen erst gegen Ende des Entwicklungsprozesses festgelegt. Valide Testergebnisse zum ersten Konzept (oder alternativen Konzeptentwürfen) lassen sich aber bereits mit einem groben Entwurf der Seite erheben.

Dennoch kann nicht ausschließlich mit geringer visueller Verfeinerung getestet werden: Sobald emotionale Qualitäten erhoben werden (z. B. in Bezug auf das Look and Feel der Seite) oder das Layout explizit im Vordergrund steht, muss die visuelle Verfeinerung natürlich entsprechend der Fragestellung ansteigen.

6 Gedanken zu „Heute teste ich mal ohne Layout – Warum ein Prototyp nicht immer so aussehen muss wie die spätere Webseite

  1. Jens Grochtdreis

    Und jetzt würde mich das Ergebnis mal mit einem wirklichen Gegensatz interessieren. Die „hohe visuelle Verfeinerung“ sehe ich in dem leicht bunt angemalten Testcase nicht. Da sind zwei, drei Farben und ein Bildchen hinzugekommen. Interessant wird es, wenn man mal einen Designer ranlässt und der Prototyp wirklich nur noch eine abstrakte Hilfe darstellt.

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  2. Pingback: Prototypen testen – mit oder ohne Design? « F-LOG-GE

  3. Andreas Pihan

    Prototypen sind für Usability-Tests sehr gut geeignet. Man muss jedoch aufpassen, dass das spätere Design die gewonnenen Erkenntnisse auch übernimmt. Oftmals raubt der visuelle Prototyp auch ein Stück weit die Kreativität des Designers. D.h., vor Auftragsvergabe an den Designer muss klar definiert sein, wie weit der Handlungsspielraum ist. Der Evolutionsprozess des Prototypen / das Testing ist aus meiner Sicht erst dann abgeschlossen, wenn das eigentliche Coding durchgeführt wurde. Visuelles Prototyping scheitert zudem oft schon an den Budgets die zur Verfügung stehen, da diese wichtige Komponente eines Entwicklungsprojektes meist nicht eingeplant ist. Interessant wäre mal herauszufinden, wie viele Unternehmen visuelles Prototyping in Ihren Entwicklungsprozessen überhaupt etabliert haben…

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  4. Sebastian

    Was ich hier nicht verstehe ist, wieso davon sprechen, dass einer der beiden Prototypen „ohne Layout“ wäre. Unter einem „Layout“ versteht man gemeinhin die Anordnung der einzelnen Elemente, einen Grundriss, eine Skizze.

    Was sie zu meinen scheinen ist daher: „Heute teste ich mal ohne Design.“

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  5. Pingback: Rückblick – Top Themen im Dezember und im Jahr 2011: Cross-/Upselling, Gamification, Lieferoptionen, Sucheingabefelder, Social Search, Prototyping-Tests | usabilityblog

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