Lautes Denken und Eyetracking – warum diese Methoden nicht gleichzeitig sondern nacheinander eingesetzt werden sollten

Der klassische Usability-Test im Labor bietet die Möglichkeit, verschiedene Methoden zu kombinieren. Um eine ganzheitliche Analyse zu gewährleisten, gibt es sowohl Phasen der freien oder szenariobasierten Nutzung als auch fokussierte Interviews. Dabei werden Protokolle lauten Denkens angefertigt, Mimik und Gestik aufgezeichnet oder Mausbewegungen analysiert. Auch die Messung des Hautleitwiderstands kann ergänzend hinzukommen.

Um Fragend der Wahrnehmung und Aufmerksamkeitsverteilung zu beantworten, ist Eyetracking ideal. Ganz schön viel, was man in einem einzelnen Usability-Test machen kann. Der Einsatz von Metriken sei dabei noch gar nicht erwähnt. Doch lassen sich diese Methoden wirklich immer miteinander kombinieren? Oder kann dies im Einzelfall auch eine gegenseitige Beeinflussung bedeuten?

attractive young man working on laptop computer

Am Beispiel von Eyetracking und lautem Denken soll einmal gezeigt werden, wie die erhobenen Daten verzerrt werden können.




Lautes Denken dient dazu, die Erwartungen, Gedankengänge und Reaktionen einer Testpersonen besser nachvollziehen zu können. Wenn sie ausspricht, was ihr beim Betrachten einer Website durch den Kopf geht, weiß man zum Beispiel, was sie gerade sucht, welches Ziel sie verfolgt oder warum sie etwas tut. Gleichzeitig erfährt man, was bei einem Klick erwartet wird und ob die Erwartungen erfüllt werden. Die Reaktionen sind spontaner und authentischer, wenn sie nicht nach einer Frage des Interviewers, sondern durch ungestützte Äußerungen während der Nutzung auftreten. Insgesamt erhält man einen noch besseren Einblick darin, wie eine Person eine Website wahrnimmt und was das Nutzungserlebnis positiv oder negativ beeinflusst. Die Nutzung bleibt aber nur dann natürlich, wenn während dessen nicht nachgefragt, bestätigt oder sonst irgendwie Einfluss genommen wird (auch hier streifen wir in gewisser Weise schon eine nicht sinnvolle Methodenkombination: Lautes Denken und fokussiertes Interview ist nicht vereinbar).

eye-trackingBlickverlaufsmessungen sollten vor allem dann zum Einsatz kommen, wenn es um Fragen der Wahrnehmung geht. Welche Elemente werden zuerst betrachtet? Wie lange dauert es, bis ein bestimmtes Element gesehen wird? Welche Seitenbereiche erhalten wenig Aufmerksamkeit? Wo gibt es typische Blickpfade? Usw. Die Blickbewegungen werden in der Regel von einem berührungslosen Messgerät aufgezeichnet, welches einzelne Fixationen und deren Dauer festhält. Diese Fixationen sind in der Regel sehr kurz, das heißt, der Blick bewegt sich sehr schnell über eine Website o.ä. Dennoch werden trotz einer kurzen Wahrnehmung viele Informationen erfasst – teils bewusst, teils unbewusst. Und gerade weil Blickbewegungen sehr schnell sind, ist es interessant, wo das Auge verweilt und wie lange. Schon wenige Sekunden können hier die Aufnahme der Informationen entscheidend beeinflussen. Das folgende Video gibt einen Eindruck von der Geschwindigkeit der Blickbewegungen (in Echtzeit!):

An dieser Stelle werden Sie vielleicht selbst schon feststellen, dass das Sprechen über das Gesehene einen zu großen Störfaktor darstellt. Wir schauen nun mal viel schneller als wir reden. Soll eine Testperson während der Blickverlaufsmessung laut denken, würde das ihren Blick „bremsen“. Sie würde mit den Augen länger bei dem Element verweilen, über das sie spricht. Zudem sprechen naturgemäß einige Testpersonen mehr als andere. Die Blickdaten sind dann nur noch schwer vergleichbar. Manche Personen drehen auch den Kopf zum Interviewer, wenn sie etwas besonders eindringlich erklären wollen. Dann wäre der Blickverlauf gänzlich unterbrochen.

Hochwertige Blickdaten und wertvolle Insights durch nachgelagerte Interviews

Bewährt haben sich so genannte „retrospektive Interviews“. Dabei werden die besuchten Seiten nach Abschluss der Messung noch einmal durchgegangen. Gemeinsam wird die Session rekonstruiert und der Interviewer kann seine Beobachtungen durch gezielte Fragen validieren oder ergänzen. Dabei können der Testperson auch die gerade erhobenen Daten noch einmal vorgespielt werden, um ggf. aufgetretene Probleme anschaulich diskutieren zu können. Durch die visuelle Unterstützung gelingt es den Testpersonen meist recht gut, sich an die betreffende Situation zu erinnern und ihre Gedanken dazu wiederzugeben. Somit gehen die Gedanken und Eindrücke, die die Testperson während des Betrachtens der Seite hatte, nicht völlig verloren. Gleichzeitig können Blickdaten erhoben werden, die zuverlässige Ergebnisse liefern und damit einen wertvollen Beitrag zur Beantwortung der Untersuchungsfragen liefern.

Ein Gedanke zu „Lautes Denken und Eyetracking – warum diese Methoden nicht gleichzeitig sondern nacheinander eingesetzt werden sollten

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