Usability Heuristiken in der Praxis: Lassen Sie den Nutzer die Website steuern – nicht umgekehrt

Egal ob Onlineshop, Reiseportal oder Website einer Zeitung – oftmals kommen Nutzer auf eine Website, ohne ein klares Ziel zu haben. Sie möchten Stöbern, sich inspirieren lassen oder sich über Neuigkeiten informieren. Gerade wenn Nutzer mit keiner festen Intention auf eine Website kommen, ist es wichtig, dass sie nicht etwa auf vorbestimmten (Irr-)Wegen durch das Angebot geführt werden, sondern Ihre Pfade frei wählen und steuern können. Wie diese „Freiheit“ beim Stöbern realisiert werden kann und warum sie so wichtig ist, soll in diesem Beitrag dargestellt werden.

Stellen Sie sich mal vor …

… Sie sind in der Stadt unterwegs und betreten Ihr Lieblingsgeschäft. Gerade ist vieles reduziert und Sie schlendern durch den Laden, schauen sich erst einmal alles an und verschaffen sich einen Überblick. Nach einer Weile entscheiden Sie, noch einmal zu den schönen Pullovern neben dem Eingang zurückzukehren. Doch da steht plötzlich der Verkäufer hinter Ihnen und sagt: „Nein, zurück können Sie jetzt mehr.“ Undenkbar, oder? Genau wie Zeitung, bei der Sie nur einmal in eine Richtung durchblättern können. Würde Ihnen das Spaß machen? Wohl eher nicht…

Wenn wir im Alltag irgendwo stöbern oder uns inspirieren lassen, macht doch vor allem eines das Vergnügen aus: Dass wir die Freiheit haben. Nämlich die Freiheit, selbst zu bestimmen, was wir uns anschauen, wie lange wir uns mit etwas beschäftigen und wie wir dabei vorgehen. Das sollte doch online dann eigentlich genauso sein, oder?

Aber was bedeutet „Freiheit“, wenn man online stöbert?

In erster Linie sollten Inhalte steuerbar sein. Das heißt, Interaktionselemente sollten so beschaffen sein, dass sie den Nutzern die Möglichkeit bieten:

  • Ihre „Wege“ auf der Seite frei zu bestimmen
  • sich einen Überblick zu verschaffen
  • sich jeweils so viel Zeit wie gewünscht nehmen zu können
  • auch mal die Richtung zu ändern oder gar zum Anfang zurückzukehren.

Das klingt zunächst simpel, ist aber längst nicht selbstverständlich.

Oftmals glänzen Interaktionselemente durch Abwesenheit, wie das Beispiel von Aldi Süd Reisen zeigt. Hier hat der Nutzer auf der Startseite die Möglichkeit, verschiedene Angebote durchzublättern. Ganz wie im Katalog, also Seite für Seite. Bei näherem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass etwas ganz Entscheidendes fehlt: Die Möglichkeit, wieder zurück zu blättern. Für den Nutzer geht es in diesem Falle nur vorwärts – wenn ihm auffällt, dass das Angebot für die Karibikreise auf der vorherigen Seiten doch ganz interessant war, hat er keine Chance mehr, schnell wieder dorthin zu gelangen.

Aldireisen

Bühne von Aldi (Süd) Reisen: Blättern ist nur in eine Richtung möglich

Besser: Steuerelemente und Übersichten integrieren

Eine gelungene Alternative aus einem anderen Bereich bietet die Website der Tageszeitung „Der Westen“. Die hier integrierte Bühne am Anfang erfüllt sehr viele der o.g. wichtigen Aspekte, damit die Nutzer Spaß am Stöbern haben: In der Bühne auf der Startseite sind oberhalb sämtliche Themenbereiche aufgelistet (Überblick verschaffen), der automatische Durchlauf der Themen kann mit Hilfe der Start/Pause-Buttons angehalten werden (Zeit nehmen) und der Nutzer kann einzelne Teaser bzw. Themen individuell anklicken (freie Wahl der Wege, Ändern der Richtung).

DerWesten

Bühne von „Der Westen“: Steuerelemente für die Animation und übersichtlicher Themenüberblick

Ein weiteres Positivbeispiel findet sich z. B. bei sheego.de. Hier können Nutzer online den Printkatalog durchblättern. Dabei haben Sie direkt vier Möglichkeiten der Navigation: 1) Über die Blätterfunktion Seite für Seite, 2) eine Navigation unterhalb (Schieberegler) sowie 3) oberhalb (Buttons und Seiteneingabe) und über 4) die Navigation rechts.

sheego

Blätterbarer Katalog bei sheego.de mit einer Vielzahl an Steuerelementen

Die Nutzer können individuell entscheiden, wie sie die Funktion steuern möchten und erhalten zudem einen Überblick über die Inhalte (Navigation rechts) und können wiederum frei vor- und zurückspringen. Auch hier macht das Stöbern Spaß, da der Nutzer trotz eines großen Informationsangebotes nie den Überblick verliert und selbst entscheiden kann, was er sich wie und wie (lange und oft) anschauen möchte.

Nutzerkontrolle und Steuerbarkeit – nicht nur beim Stöbern wichtige Aspekte

Selbstverständlich ist es nicht nur beim Stöbern wichtig, dass es in erster Linie der Nutzer ist, der seine Aktionen auf der Website steuert (und nicht umgekehrt). Überall dort, wo Nutzer mit einer Website oder Anwendung interagieren, sollten sie das Gefühl haben, dass sie es sind, die sagen „wo es langgeht“. Welche Interaktionselemente Nutzer erwarten ist dabei unterschiedlich – je nach dem, ob es sich um einen Onlineshop oder ein Reiseportal handelt und wie die Zielgruppe aussieht. Welche Interaktions- und Steuerelemente hier jeweils vorausgesetzt werden, muss daher natürlich gesondert erhoben werden – beispielsweise im Rahmen einer Anforderungsanalyse.

Dennoch veranschaulicht meiner Meinung nach gerade das „Stöbern“ sehr schön, wie wichtig die individuelle Steuerbarkeit von Anwendungen für Nutzer ist: Selbst der Nutzer sich eigentlich treiben und inspirieren lassen möchte, so möchte er doch immer noch selbst bestimmen, in welche Richtung und mit welchem Tempo. Denken Sie mal darüber nach, wenn Sie das nächste Mal eine Zeitung oder einen Katalog durchblättern…

Ein Gedanke zu „Usability Heuristiken in der Praxis: Lassen Sie den Nutzer die Website steuern – nicht umgekehrt

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