Vom Weg abgekommen: Warum unsere Augen manchmal keine Punktlandung machen

Einstieg

Die Erhebung von Blickdaten über moderne Eyetracking-Systeme ist je nach Fragestellung ein sehr effektives Verfahren, um die Wahrnehmung von Websites oder mobilen Applikationen zu messen. Der Reiz besteht darin, dass es sich nicht um Selbstaussagen von Probanden handelt, sondern um beobachtbares Verhalten, das der Mensch nur bedingt steuern kann. Blickdaten können also nicht „lügen“. Richtig erhoben und interpretiert sind für bestimmte Fragestellungen unerlässlich und sehr wertvoll.

Damit die Interpretation nicht zum „Kaffeesatzlesen“ wird, müssen jedoch grundlegende Kenntnisse zur Wahrnehmung und Hintergründe für das Zustandekommen der aufgezeichneten Blickbewegungen vorhanden sein. Ein konkretes Beispiel soll im folgenden Beitrag herausgegriffen werden: Jeder, der schon einmal Blickdaten betrachtet hat, wird sich an Fixationen erinnern, die ins Leere gingen. Der Proband hat scheinbar den Hintergrund betrachtet oder irgendeine Fläche ohne Inhalt. Oder wurde falsch gemessen? Derartige zweifelhafte Beobachtungen können jedoch auch einen erklärbaren Hintergrund haben. Möglichweise handelt es sich um das im wissenschaftlichen Kontext als „global effect“ bezeichnete Phänomen. Was versteht man darunter und wie kommt dieser Effekt zustande?

Randerscheinung: Blickbewegungen, die fern des Zentrums eines Elements enden

Die Untersuchung dieses Effektes begann bereits in den 1970er Jahren. Mehrfach wurde beobachtet und dokumentiert, dass so genannte Sakkaden (eine Reihe von Fixationen als schnellen Blickbewegungen zur Erfassung eines Stimuli) nicht im Zentrum eines Elements enden, sondern in die Richtung eines anderen Elements weisen (siehe dazu: Van der Stigchel & Nijber, 2011). Die Idee dahinter ist folgende: Blickbewegungen tendieren dazu, in einer Art Gravitationszentrum zu landen. Dieses Gravitationszentrum kennzeichnet dann den relativen „Mittelpunkt“ in einem Sichtfeld. Das Zentrum befindet sich also näher an Elementen mit hoher Bedeutung, muss aber nicht genau auf einem Element sein, sondern kann sich auch zwischen verschiedenen Elementen befinden.

Der „global effect“ bewirkt nun, dass Sakkaden (Blickbewegungen) in Richtung dieses Zentrums gelenkt werden. Um das Beschriebene an einem einfachen Bespiel zu verdeutlichen, kann folgende Abbildung herangezogen werden:

Ausschnitt Gazeplot Mirapodo

Ausschnitt eines Gazeplots bei der Erkundung von mirapodo.de

Das Bild zeigt die ersten 15 Fixationen bei der Erkundung der Startseite von mirapodo.de. Dabei handelt es sich um nicht mehr als die ersten 3-4 Sekunden der Betrachtung. Es wird jedoch schon deutlich, dass nicht alle Fixationen auf dem Zentrum eines Elements liegen. Warum liegt Fixation Nummer 9 beispielsweise zwischen den beiden Teasern? Höchstwahrscheinlich wurde der Fokus vom hervorstechenden gelben Kreis schon zum darüber liegenden Teaser abgelenkt. Ein weiteres Beispiel ist Fixation Nummer 13. Auch diese deutet bereits in Richtung des nächsten Elementes (der Navigation/Links), ist aber nicht direkt im Zentrum des nebenliegenden verortet.

Bottom-up: Zunächst lenkt die Website unsere Augen, dann erst wir selbst

Dieses sehr vereinfachte Beispiel zeigt jedoch noch einen weiteren wichtigen Aspekt des „global effect“. Er tritt vorwiegend in frühen Betrachtungsphasen auf, wenn die Wahrnehmung noch sehr stark von den Informationen im Stimulus beeinflusst wird (bottom-up information). Denn erst mit zunehmender Betrachtungsdauer spielen die Intention und Ziele des Nutzers eine wichtigere Rolle (top-down information). Das heißt, in oben gezeigtem Bild verschafft sich der Nutzer zunächst einen Überblick und lässt sich dabei unbewusst von der Website leiten. Daher ist es in dieser Phase auch wahrscheinlicher, dass Fixationen zwischen zwei Elementen landen. Erst wenn eines der Elemente als zielführend identifiziert ist, nimmt der Einfluss des „global effect“ ab und die Aufmerksamkeit richtet sich bewusst auf eine bestimmte Stelle.

Fazit: Ist an unplausiblen Blickdaten also immer unbewusstes Verhalten Schuld?

Der beschriebene Effekt soll natürlich nicht dazu herangezogen werden, stets und ständig Fixationen zu erklären, die ins Leere gingen. Dies kann auch weitere Gründe haben und letztendlich im Einzelfall auch auf technische Fehler zurückzuführen sein. Dennoch gibt es nachweisbar den Effekt, dass Fixationen am Rande eines Elements landen und in Richtung eines anderen weisen. Zusammenfassend lässt sich zum „global effect“ festhalten:

  • Der Endpunkt von Sakkaden kann insbesondere in frühen Phasen der Betrachtung von dem gesamten Gefüge eines Stimulus beeinflusst werden.
  • Sakkaden enden dann teilweise nicht im Zentrum eines Elements, sondern in Richtung eines globalen Zentrums bzw. anderen aufmerksamkeitsstarken Elements.
  • Konkurrieren zwei Stimuli unter dem Einfluss des „global effect“ um die Aufmerksamkeit des Betrachters, landet die betreffende Fixation (Sakkaden-Endpunkt) tendenziell näher am größeren bzw. auffälligeren Element.

Quelle und weiterführendes zum Thema:

Van der Stigchel, S. & Nijboer, T. C.W. (2011): The global effect: what determines where the eyes land? In: Journal of Eye Movement Research, 4(2): 3, 1-13

Ein Gedanke zu „Vom Weg abgekommen: Warum unsere Augen manchmal keine Punktlandung machen

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