Usability vs. User Experience – Hauptsache Spaß!?

User Experience

Wenn ich auf meinem Smartphone eine SMS schreibe, brauche ich dafür definitiv länger als meinem alten Handy, weil ich mich auf dem Touchscreen öfter vertippe. Das nervt mich manchmal ziemlich. Aber tauschen wollen würde ich trotzdem nicht mehr.

Da ich solche und ähnliche Phänomene bei mir und anderen in letzter Zeit öfter beobachte, habe ich mich gefragt: In welchem Verhältnis stehen eigentlich Usability und User Experience? Welchen Anteil hat Usability noch am „Gesamterlebnis“?


Hier ein kleiner Überblick über meine Erkenntnisse.

Die Google-Suche nach dem Begriff „Usability vs. User Experience“ führt mich zunächst zu etwa 7 Millionen Treffern. Fängt ja gut an.

Nachdem ich mich durch die ersten Diskussionen zu dem Thema gearbeitet habe, erkenne ich, dass weitgehende Einigkeit darüber besteht, dass Usability ein Bestandteil von User Experience ist.

Die Definition von User Experience ist allerdings recht unterschiedlich, der „Anteil“ der Usability auch

Dennoch lassen sich zwischen unterschiedlichen Ansätzen deutliche Parallelen erkennen, die jedoch der Usability jeweils unterschiedlichen Platz einräumen.

Zum einen gibt es die UX-Honeycomb von Peter Morville. Er definiert sieben unterschiedliche Facetten von User Experience; eine davon ist „Usable“ (wobei natürlich auch andere Facetten wie „findable“ und „accessible“ Usability-Heuristiken adressieren):

Honeycomb

Die UX-Honeycomb nach Peter Morville (Quelle: http://semanticstudios.com/publications/semantics/000029.php)

Eine weitere Darstellung der User Experience greift die Facetten der UX-Honeycomb ebenfalls auf, hier ist die Usability allerdings ein wenig anders angeordnet. Zusammen mit der Utility, also der Nützlichkeit, bildet sie den „Kern“ der User Experience, um die die übrigen Komponenten angeordnet sind:

Usability vs. User Experience

Utility und Usability als „Kern“ der User Experience; ferner wird hier auch die Brand Experience als Bestandteil von UX eingeführt.

Eine weitere recht häufige Visualisierung von User Experience ist die folgende, in der die Usability (anteilig) einen recht großen Part einnimmt:

User Experience

User Experience als Kombination aus Look, Feel und Usability

Gemeinsam ist allen Definitionen, dass sie Usability als einen notwendigen Bestandteil von User Experience ansehen – ergänzt um „emotionale“ Komponenten wie Aussehen, Bedienung, Markenimage etc. User Experience geht demnach über Usability hinaus. Folgendes Zitat bringt dieses m.E. sehr gut auf den Punkt:

Usability answers the question, “Can the user accomplish their goal?” with effectiveness, efficiency, and satisfaction about the results (as per the ISO 9241-11 definition of usability). User Experience also answers the question, “Did the user have as delightful an experience as possible doing so?”. User Experience takes far more effort to do well, but the results have far better impact. (Quelle: Neospot.se)

Dennoch gibt es auch folgende These:

Die Usability kann die User Experience einschränken.

Mit anderen Worten: Ein Online-Shop, in dem der Nutzer alles ganz wunderbar findet, ist zwar extrem “usable”, bleibt dem Nutzer aber voraussichtlich nicht so sehr im Gedächtnis wie ein Shop, der den Nutzer z. B. mit einem ungewöhnlichen Navigationskonzept überrascht. Hier braucht der Nutzer unter Umständen länger, bis er die gewünschten Produkte gefunden hat – er hat aber auch mehr Spaß dabei.

Passt ja an sich auch gut zu meinem Beispiel zu Beginn: Das Bedienkonzept und die Interaktionsmöglichkeiten eines Smartphones sind einfach innovativ und bieten mir dank der Bedienung via Touchscreen viele neue Möglichkeiten. Nicht zuletzt, das mir ein Smartphone natürlich auch wesentlich mehr Funktionalitäten bereitstellt als mein altes Mobiltelefon. Da kann ich dann auch mal darüber hinwegsehen, dass ich – gerade aufgrund der Bedienung per Touch – für manche Eingaben erst einmal länger brauche.

Demnach muss bei der Entwicklung neuer Anwendung natürlich abgewogen werden, welche Facetten der User Experience besonders stark gewichtet werden sollen. Und dies hängt wiederum von den Zielen und Anforderungen der Nutzer (und/oder des Unternehmens) ab. Und manchmal bedeutet es auch, den Mut zu haben, bewusst Usability-Heuristiken zu verletzten und dadurch zu Gunsten des Gesamterlebnisses einen Mehrwert zu schaffen.

Aber ohne Usability geht es nicht.

Dennoch ist die Usability m.E. eine Grundvoraussetzung dafür, dass auch das Erlebnis bei der Nutzung passt. Denn mal ehrlich: Wer würde denn ein Smartphone nutzen, wenn das Navigations- und Bedienkonzept nicht schnell erlernbar wären? Zudem bietet mir der Touchscreen in vielen anderen Bereichen einen Mehrwert, der wiederum der Usability zu Gute kommt (schnelles Scrollen von Inhalten, schnelles Durchblättern verschiedener Inhalte usw.).

Usability oder UX-Ability?

Zu Beginn habe ich mich gefragt, in welchem Verhältnis Usability und User Experiece stehen. Dass Usability ein wichtiger Bestandteil der User Experience ist, steht und stand für mich außer Frage – und ist auch nach meiner Recherche der allgemeine Tenor.

Dennoch würde ich gerne folgenden Punkt diskutieren: Wie sieht eigentlich die Zukunft in der Konzeption von z. B. Website (wie Online-Shops und Co.) und Apps aus? Wird die Usability wohl künftig zu Gunsten der übrigen Faktoren der User Experience (wie Look and Feel) weiter in den Hintergrund treten? Bzw. wird ggf. mehr damit experimentiert werden, Usability-Heuristiken bewusst zu verletzten, um das Gesamterlebnis für den Nutzer spannender zu gestalten? Oder müssen wir „Usability“ vor dem Hintergrund vielleicht sogar völlig neu definieren, um sie besser in die User Experience integrieren zu können?

8 Kommentare zu „Usability vs. User Experience – Hauptsache Spaß!?

  1. Axel Copypast

    Usability bleib ein Bestandteil des Gesamterlebnisses.
    Dabei muss bei der Entwicklung von neuen Anwendungen, ein Erlebnis geschafft werden. Dem Nutzer ist es egal, wie gut Bedienbar die Entwickler sich ihr Produkt vorstellen.

    Usability tritt mehr im Hintergrund, entwickelt sich zur einem unsichtbarem Helfer.

    Danke Andrea, für die Anregung zur Diskussion.

  2. Enrico Tappert

    Vielen Dank für den interessanten Artikel!

    Die Frage nach der Zukunft der Usability in der User Experience (UX) habe ich mir auch schon gestellt und leider noch keine endgültige Antwort gefunden.
    Zunächst denke ich, ist es falsch, eine klare Definition (der Usability) zu Gunsten einer anderen Sache (UX) aufzuweichen / umzuformulieren. Was soll dann bspw. in Zukunft / der Übergangsphase gemeint sein, wenn man von Usability spricht? Die alte oder neue Definition? Das allein ist schon ‚unusable‘. Insofern die Usability in den Interaktionen zukünftig ein anderes Gewicht bekommt, muss vlt. für das entstehende Gesamtsystem eine neue Definition gefunden werden.

    Die Usability wird aber nicht in den Hintergrund treten, sie tritt gerade nur einen Schritt zurück, um der UX Platz an ihrer Seite zu schaffen. Meiner Meinung nach bleiben beide gleichberechtigt, je nach Anwendungsfall (Surfen vs. Shopping vs. Arbeiten etc.) mal mehr mal weniger vorn / hinten.
    Das Optimum wäre wsl. ‚vollste UX‘ und ‚vollste Usability‘, die aber zusammen einen immens komplexen Gestaltungsraum aufspannen, dass es sehr schwer wird, dieses Optimum zu erreichen. Zumal beide subjektive Anteile umfassen. Nachteile in einzelnen Aspekten (SMS mit Smartphone schreiben) werden erkannt werden, anschließend wird an Lösungen gebastelt (für das SMS/Texte-schreiben-Problem gibt es zumindest schon Hilfestellungen). Diese Lösungen wirken sich aber wieder auch auf Usability und die UX aus (bei meiner Lösung habe ich weniger Platz zum Lesen des Textes). Beide spielen ineinander und sind wichtig.

  3. Andrea Struckmeier Artikelautor

    Vielen Dank für die bisherigen Kommentare!

    Ich denke auch, dass Usability ein wichtiger Bestandteil des Erlebnisses ist – und daher auch in der derzeitigen Definition erhalten bleiben muss.
    Wie Herr Tappert schon angesprochen hat, ist es eher eine Frage, welchen Anteil die Usability im jeweiligen Anwendungsfall hat.

    Wichtig ist vor dem Hintergrund m.E. auch die Zielgruppe bzw. deren Erfahrenheit im Umgang mit den verschiedenen Anwendungen. Hier kann nach meiner Beobachtung auch schon mal das Look and Feel die Gesamterfahrung beeinträchtigen: Gerade in Bezug auf Tablets oder Smartphones habe ich schon bei vielen Leuten (gerade auch älterer Generation) beobachtet, dass sie von der neuartigen Interaktion ziemlich „eingeschüchtert“ waren.

    Die Differenzierung bzw. das Zusammenspiel zwischen der Usability und den weiteren Komponenten der User Experience muss also nicht für die Art der Anwendung bestimmt werden, sondern auch vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Zielgruppen. Vor allem bei mobilen Anwendungen sicher eine spannende Herausforderung – da hier die Zielgruppe immer breiter wird (und natürlich auch immer neue Anwendungen gibt).

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