Gehen Sie dahin, wo die Dinge tatsächlich passieren!

Mal ehrlich, können Sie in einem Teststudio Daten zur Nützlichkeit und Gebrauchstauglichkeit eines Navigationsgerätes ermitteln?

Wohl eher nicht bzw. nicht in ausreichendem Maße. Ihnen fehlen zu viele Einflussfaktoren, wie z.B. das tatsächliche räumliche und soziale Umfeld, blendendes Sonnenlicht, Mitfahrer/-innen, Verkehrslärm und vieles mehr.

Um Navigationsgeräte zu analysieren und Daten zur gezielten weiterzuentwickeln zu gewinnen, müssen Sie zuerst ins Feld gehen, dahin „wo die Dinge tatsächlich passieren“. Und dort vor allem „einfach nur beobachten!“.

Einfach nur beobachten? – Beobachten,
das ist alles andere, aber ganz sicher nicht einfach!

Allzu oft gelingt es uns nämlich nicht unvoreingenommen zu beobachten. Das liegt an der oft bereits vorhandenen eigenen Meinung zum Thema.

Nutzerbeobachtungen „vor Ort“ –
das muss gelernt werden!

Idealer Weise werden für Nutzerbeobachtungen vor Ort daher Ethnologen, Anthropologen oder Biologen eingesetzt.

Sie haben das theoretische Wissen, verfügen über praktische Erfahrungen und wissen vor allem den Wert einer „unbeeinflussten“ Verhaltensbeobachtung zu schätzen.

Gute Feldnotizen – also Beobachtungen im Feld – sind die Eckpfeiler jeder ethnographischen Datensammlung. Daneben sind natürlich weitere Erhebungsverfahren ratsam, wie z.B. kontextsensitive Interviews, Fotodokumentationen, Videos oder Tagebücher. Sie stellen in der Regel ergänzende Daten bereit. Zentral sind die Beobachtungen.

Die einfache Grundregel (einfach mal) das aufzuschreiben was man sieht und hört ist nicht gerade hilfreich. Sie lässt zu viele Fragen offen, u.a. was wie aufgeschrieben werden soll und auch wann es aufgeschrieben werden soll.

Letztere Frage ist einfach zu beantworten: Möglichst unmittelbar nach der Beobachtung eines Ereignisses.

Die Was- und Wie-Fragen sollten durch einen zuvor erstellten und an den Beobachter übergebenen Beobachtungsbogen beantwortet werden („Formblatt für Feldnotizen“).

Im Falle einer Nutzerbeobachtung beim Umgang mit einem Navigationsgerät könnte das Formblatt folgende Abfragen aufweisen:

  • Akteure/beteiligte Personen
  • Ort
  • Objekt
  • Verkehrssituation
  • Wetter/Lichtverhältnisse
  • Ziele/Strecke
Ethno 02

Feldnotizen auf einem Tablet.

Das Formblatt muss viel Raum für die Notizen zu den beobachteten Ereignissen, benutzten Gegenständen und situativen Einflussfaktoren bieten. Zudem sollte der Beobachter die Möglichkeit haben eine erste Reflexion der Beobachtungen vorzunehmen und diese auf dem Beobachtungsbogen losgelöst von den notierten Beobachtungen zu notieren.

Bewährt haben sich stichwortartige Erinnerungen für den Beobachter, wie z.B. „Bitte nicht vergessen Ereignisse, Zeitsequenzen, Ziele und Gefühle der Akteure, sowie die Situation zu beschreiben!“. Diese erinnerten Aspekte stellen in der Regel potentielle, erklärende Variablen für das beobachtete Verhalten dar.

Der Beobachter benötigt unbedingt eine ausführliche Einweisung in den Umgang mit dem Beobachtungsbogen und auch den Untersuchungsgegenstand. Das steigert die Qualität der Feldnotizen.

Über bereits vorhandene Thesen zu den Einflussfaktoren auf die Bedienbarkeit und Bewertung der Nützlichkeit des Navigationsgerätes sollte der Beobachter nicht in Kenntnis gesetzt werden. Vollständig ausschließen lässt sich Voreingenommenheit natürlich niemals, wichtig ist jedoch diese nicht unnötigerer Weise zu fördern.

Wie geht’s weiter mit den Beobachtungen aus dem Feld?

Bei der Analyse der Beobachtungsdaten steht die Generierung von Thesen – also Aussagen zu möglichen Ursachen von Bedienungsproblemen und negativen Bewertungen der Nützlichkeit – im Vordergrund.

Danach gilt es die aus den Beobachtungen heraus aufgestellten Thesen zu testen.

Solche Teste können methodische z.B. in Form eines szenariobasierten Nutzertests im Lab durchgeführt werden. Aber auch Umfragen können im weiteren Projektverlauf zum Einsatz kommen, wenn es z.B. darum geht Anforderungen und Erwartungen zu quantifizieren.

Ein derart konzipiertes und durchgeführtes Projekt wird ganz sicher konkrete und vor allem haltbare Erkenntnisse zur Weiterentwicklung eines Navigationsgerätes hervorbringen.

Ein Gedanke zu „Gehen Sie dahin, wo die Dinge tatsächlich passieren!

  1. Marcel Zimmermann

    Hallo Thorsten,
    toller Artikel, dem kann ich nur beipflichten. Ich habe super Erfahrungen mit teilnehmender Beobachtung gemacht, im Kontext von Anforderungsanalyse. Grade die Offline-Aktivitäten der Nutzer geben einen großen Aufschluss über die Möglichkeiten für eine gute UX. Bezogen auf Produkte: in der Pädagogik gibt es den Klassiker dem Lernenden es erst vorzumachen, zu erklären was man tut und ihn anschließend es selber versuchen läßt. Das umgekehrte Prinzip läßt sich in geschlossenen Systemen (z.B. einem Unternehmen) super umsetzen: man beobachtet und hakt bei bestimmten Tätigkeiten nach, läßt es sich erklären, etc. Rein akademisch wäre das nicht mehr teiln. Besobachtung aber dafür sehr Zielführend für den Erkenntnisgewinn.
    viele Grüße, Marcel

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.