Und Action! Die User Experience von Kino-Sites im Test

Film Reel with Clapper Board

Kino-Karten online reservieren oder kaufen ist für viele Internetnutzer inzwischen ganz normal. Denn im Prinzip funktioniert es ähnlich wie bei anderen Produkten: auswählen, bestellen, fertig. Doch wie immer muss der Kontext berücksichtigt werden. Kino ist Entertainment und das sollte auch die Website vermitteln. Gleichzeitig muss der Nutzer bei Bedarf schnell zum Ziel kommen. Ein Spagat? Wir wollten es genauer wissen und haben die Internetauftritte cinemaxx.de und cinestar.de in einem kleinen aber feinen n=1 Usability-Test unter die Lupe genommen. Wo sich Stolperfallen verbergen und was Sie daraus für Ihren eigenen Internetauftritt lernen können, erfahren Sie in folgendem Beitrag. Außerdem gewähren Original-Videoausschnitte einen spannenden Einblick in die Denk- und Verhaltensmuster der Testperson.

Die beiden Websites zeigen bereits beim Aufruf ein unterschiedliches Konzept. Cinemaxx.de präsentiert die neusten Filme prominent in einer animierten Bühne. Die Auswahl der Stadt erfolgt über ein etwas unscheinbares Dropdown-Menü am oberen Seitenrand:


Startseite CinemaxX

Oberer Bereich der Startseite von cinemaxx.de. Durch die große Bühne entsteht sofort „Kino-Gefühl“


Bei cinestar.de hingegen ist eine Art Intro vorgeschaltet, in welchem der Nutzer aufgefordert wird, die Stadt auszuwählen. Im Usability-Test traten hier jedoch bereits Probleme auf. Die Testperson übersah den Button „Kino auswählen“, weil viele eigentlich unnötige Informationen sie ablenkten. Erst nach einiger Suche fand sie den Zugang, wie folgender Videoausschnitt verdeutlicht:



Erst nach 2 Minuten war also die eigentliche Startseite erreicht und die Filmsuche konnte beginnen. Da die Testperson beide Sites genutzt hat, fielen die Unterschiede auch sofort auf: CinemaxX ist emotionaler und unterhaltsamer, während Cinestar im Vergleich eher schlicht und strukturiert wirkt. Sie beschrieb CinemaxX mit den Worten „packend“ und „ansprechend“.

„Reservieren kann man hier nicht“

Die Filmauswahl fiel in beiden Fällen recht leicht. Fatal ist jedoch die Wahrnehmung der Auswahloptionen bei CinemaxX. Die Möglichkeiten „Karten online kaufen“ und „Reservieren“ sind annähernd gleich groß, durch die farbige Gestaltung jedoch wird die „Reservieren“-Option sehr leicht übersehen. Hinzu kommt, dass der Call-to-Action für letzteres deutlich außerhalb des sichtbaren Seitenbereichs liegt und somit für den Nutzer praktisch nicht vorhanden ist. Unsere Testperson schloss also darauf, dass keine Reservierung vorhanden ist und äußerte nachträglich auch ihren Unmut darüber – zumal sie die Website schon länger kennt und hier eine negative Veränderung wahrnimmt.



Bitte Platz nehmen – einfach und spielerisch

Die Auswahl der Sitzplätze wiederum gelingt bei CinemaxX sehr gut. Durch den Mouse-Over Effekt entstehen keine Missverständnisse:


Platzwahl CinemaxX

Platzwahl CinemaxX

Platzauswahl bei cinemaxx.de: Nachdem Plätze gewählt sind, erscheint der „Kaufen“-Button. Das gesamte Element (grau hinterlegt, rechter Seitenbereich) scrollt mit.


Bei Cinestar kam es anfangs zu Irritationen, weil bereits 2 Plätze vorausgewählt schienen. Außerdem ist die Legende räumlich zu weit von der Auswahl entfernt, als dass die Farben auf Anhieb verständlich sind:


Platzwahl Cinestar

Cinestar: Die scheinbare Vorauswahl der Plätze irritiert den Nutzer, zumal sich die Legende am rechten Seitenrand befindet und das Auge anfangs links verweilt.


Hier wiederum gibt es zwar einen Call-to-Action zum Reservieren, dafür fehlt er für „Kaufen“. Unverständlich erschien auch das Dropdown „Tickets in anderen Kinos“ oben rechts, da aus Nutzersicht nicht klar ist, weshalb Augsburg eine Alternative zu Kassel darstellt.

Insgesamt handelt es sich also um zwei recht unterschiedliche Konzepte. Nutzerführung und Interface-Design sind sehr verschieden und nicht immer eindeutig, wenn es auch letztendlich gelingt, die zentralen Prozesse zu durchlaufen. In Bezug auf die User Experience hat CinemaxX in diesem Test die Nase leicht vorn. Layout und Interaktionsdesign sind bis auf wenige Ausnahmen sehr gelungen.

Das kann Ihre Website auch!

Egal ob Kinofilme, Schuhe, Reisen oder Versicherung: Wer etwas an den Mann/die Frau bringen möchte, muss es den Nutzern einfach machen. In diesem Beitrag wurde nur ein Bruchteil der Erkenntnisse aus einem einzigen Usability-Test vorgestellt. Und schon allein damit können fundamentale Probleme aus der Welt geschafft und eine mögliche „Betriebsblindheit“ auf Seiten der Website-Betreiber kurzzeitig abgelegt werden. Noch weitreichendere Erkenntnisse können – je nach Fragestellung – mit Eyetracking oder der Messung emotionaler Aktivierung gewonnen werden. Die Hauptsache jedoch ist, überhaupt mit den Nutzern in Kontakt zu treten – möglichst regelmäßig. Nur dann kann eine Anwendung ideal auf die Bedürfnisse ihrer Adressaten zugeschnitten und am Ende erfolgreich werden bzw. bleiben.

2 Gedanken zu „Und Action! Die User Experience von Kino-Sites im Test

  1. Steven

    Ein sehr gelungener Artikel. Ich kann mich gut mit der Probandin identifizieren, da ich selbst auch schon über die Kaufen vs. Reservieren Option bei Cinemaxx gestolpert bin. Ich finde, in diesem Blog könnten auch gern öfter solche Videos präsentiert werden – das macht den Usability-Test sehr plastisch und nachvollziehbar!

    Antworten
  2. Martin

    Zu Cinestar sei erwähnt, dass die Kinos relativ unabhängig voneinander sind, also beispielsweise auch unterschiedliche Buchungssysteme verwenden (bitte fragt mich nicht warum man so einen Quatsch macht, möglichweise haben sie zu viel Geld). Als persönliches Negativbeispiel (dafür aber mit wunderbarem 2000er Retro-Charme) kann ich da mal die Buchungsseite des Cinestar-Lübeck bringen (dazu sollte man erwähnen, das Cinestar seinen Sitz in Lübeck hat).

    Ich tippe darauf, dass der Sohn des Chefs mal ein „HTML und PHP für Dummies“ Buch zu Weihnachten bekommen hat, und sich damit für qualifiziert gehalten hat. Zumindest hoffe ich, dass da niemand Geld für gezahlt hat.

    Fun fact: Das Buchungssystem ist *neu*. Bis vor einem Jahr gab es eins, dass zwar auch etwas altbacken aussah, aber wenigstens vernünftig bedienbar war.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *