Usability-Testing von Responsive Webdesigns

Responsive Webdesign

Immer öfter werden wir angefragt, um Usability-Tests von Responsive Webdesigns auf verschiedenen Endgeräten/Displaygrößen durchzuführen. Hierfür ein methodisch sauberes Studiendesign zu entwickeln, ist keinesfalls trivial: stellen sich doch allerhand Fragen in Hinblick auf die Anzahl der zu testenden Devices, der Stichprobenzusammenstellung, etc. Gerne gebe ich hierauf Antworten inkl. Anregungen und Praxistipps zum optimalen ‚Responsive Web-Usability Testing‘.

1. Feldtest vs. Laborsituation: welche Erhebungsmöglichkeit ist die beste?

Auch wenn mein Artikel „Mobile Usability-Tests: Was sollte man beachten?“ schon ein paar Tage auf dem Buckel hat: der Usability-Test im Labor mithilfe einer Dokumentenkamera ist weiterhin unsere favorisierte Erhebungsform mit maximalen Erkenntnisgewinn. Der Proband hat zum einen seinen Freiraum im Umgang mit dem mobilen Endgerät (z. B. Tablet oder Smartphone); zum anderen ist die Beobachtung als auch Videodokumentation seiner Handlungen zu jedem Zeitpunkt für uns als Researcher als auch unseren Kunden möglich.

Um die Laborsituation weitestgehend zu negieren, bietet es sich je nach Endgerät an, den Test nicht sitzend am Schreibtisch mit dem Probanden durchzuführen, sondern auf der Couch (Tablet) oder an einem Stehtisch (Smartphone).

Es versteht sich von selbst, dass nur Probanden zum Test geladen werden sollten, die genau dasselbe Endgerät besitzen, welches für den Test ausgewählt wurde/dieses ggf. sogar auch mitbringen; in Abhängigkeit davon, ob die Website bereits online zugänglich ist oder nur als bedingt-funktionaler Prototyp zu Verfügung steht.

2. Auf welchen Devices sollten Sie am besten testen?

Bei nativen Appsist die Antwort einfach: auf jedem Endgerät für die Sie eine native App entwickelt haben.Bei einem Responsive Webdesign müssen Sie sich jedoch die Frage stellen, über welche Endgeräte die meisten Zugriffe erfolgen (werden). Bestenfalls wissen Sie dies schon anhand Ihres Web Analyse-Tools oder können auf anderen Wegen eine Prognose treffen.

Grundsätzlich sollten Sie immer Desktop, Tablet und Smartphone im Test evaluieren. Sofern Sie auch SmartTV-Nutzer gezielt mit Ihrem Responsive Design ansprechen möchten, ist die Einbeziehung in die Tests ein Muss, da hier die Interaktions-/Eingabemöglichkeiten sehr abweichen.

3. Welche Anzahl an Probanden (pro Endgerät) ist optimal?

Die wohl meist gestellte Frage in meinem Berufsfeld… Hier möchte ich alle Interessierten auch auf den ausführlichen Artikel meiner Kollegin Elske Ludewig hinweisen: „Stichprobengröße bei Nutzertests im Labor: Wie viele Testpersonen sind wirklich nötig?“.

Aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen beim Testing von Responsive Webdesigns empfehlen wir grundsätzlich dieselbe Anzahl an Probanden für Desktop und Smartphone zu wählen. Warum? Per Smartphone können die Usability-Probleme identifiziert werden, die durch die Touchscreen-Interaktion bestehen. Die Landscape-Ansicht bei Tablets hingegen ähnelt sehr der Desktop-Ansicht und fördert somit nur noch bedingt gerätespezifische Erkenntnisse, die nicht bereits bei den Tests auf Desktop oder Smartphone aufgetreten sind.

Testen Sie also mit je 6 Probanden für Desktop und Smartphone und 3-4 Probanden für die Tablet-Ansicht. Falls Ihre Zielgruppen jedoch sehr heterogen sind und unterschiedliche Bedürfnisse/Nutzungsszenarien aufweisen, wird diese Faustformel hinfällig –> eine individuelle Betrachtung ist nötig.

Falls die berechtigte Annahme besteht, dass Ihre Desktop-Version bereits gut funktioniert/bedienbar ist, können Sie sich auch nur auf die mobilen Endgeräte mit kleineren Bildschirmauflösungen und Touch-Bedienung fokussieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Probanden hiermit Probleme haben, ist erfahrungsgemäß größer.

4. Autarke Tests vs. kombinierte Tests

Diese Frage finde ich aktuell am spannendsten: sollten die Test je Endgerät separat stattfinden oder aber ist es sinnvoll die Probanden nicht zu verschleißen und direkt mit ihnen die Desktop+Tablet- oder Desktop+Smartphone-Version in einem szenariobasierten Interview durch zuspielen?

Grundsätzlich sollten die Tests nicht die Dauer von 60 bis max. 75min. nicht überschreiten – unabhängig vom Untersuchungsobjekt. Darüber hinaus stellen sich stets die beiden Fragen, a) inwieweit der typische Smartphone-Nutzer zu hause oder auf der Arbeit auch per Desktop oder SmartTV auf die Website zugreift und b) ob dabei die Anwendungsfälle (Use Cases) dieselben sind.

Dagegen steht die zentrale Fragestellung, ob das Responsive Webdesign es schafft, über alle Endgeräte und Auflösungen hinweg ein einheitliches Nutzungserlebnis (User Experience) zu schaffen; ganz abzusehen von Aspekten in Hinblick auf die Imagewirkung und Wiedererkennung.

Meine Empfehlung: Testen Sie fokussiert auf einem Endgerät mit den spezifischen Use Cases. Nehmen Sie abschließend (im letzten Testdrittel) noch einen zentralen Use Case auf einem weiteren Endgerät mit auf. (Voraussetzung hierfür ist, dass der Proband mit dem anderen Endgerät auch umgehen kann/dies sein eigen nennt). Somit ermöglichen Sie einen bewertenden Vergleich und erhalten weitere, wertvolle Erkenntnisse zur Optimierung.
Wichtig ist, dass Sie im Interview zwischen dem Testing beider Endgeräten einen mentalen Break einbauen – beispielsweise in dem Sie wirklich vom Schreibtisch (Desktop) an den Stehtisch (Smartphone) wechseln.

Und: Rechnen Sie bei den Tests auf mobilen Endgeräten mit kleineren Displays mit einer tendenziell längeren Testdauer als beim Tablet/Desktop. Grund hierfür sind vor allem die nicht stetig verfügbaren bzw. sichtbaren Navigationsmöglichkeiten.

5. Was sollten Sie unbedingt bei ‚Responsive Web-Usability Tests‘ evaluieren?

Dies hängt natürlich sehr stark von der Branche als auch dem Ziel/Geschäftsmodell Ihrer Website ab. Folgende Themen sollten Sie jedoch immer mit überprüfen:

  • Alle Navigationsmöglichkeiten (und deren Veränderung von Desktop über Tablet bis zum Smartphone), sowohl hinsichtlich der Hauptnavigation, der Suchfunktion als auch bei der Content-Navigation.
  • Den Umgang mit langen Content-Seiten auf mobilen Endgeräten/kleinen Displays in Hinblick auf die Lesbarkeit als auch das Scrollen.
  • Die ‘Touchability’ – können alle Interaktionen sowohl mit dem Mauszeiger als auch Finger problemlos bedient werden? Die ist besonders bei Formularen relevant.

Was sind Ihre Erfahrungen und aktuellen Herausforderungen?

Haben Sie bereits Erfahrungen mit Usability-Tests von Responsive Webdesigns gemacht? Über einen Erfahrungsaustausch hier im Blog würde ich mich sehr freuen.

6 Gedanken zu „Usability-Testing von Responsive Webdesigns

  1. Jens Hansel

    Hallo Herr Beschnitt,

    vielen Dank für diesen sehr anregenden und informativen Beitrag. Bisher habe ich keine Tests für responsive Webseiten durchgeführt, jedenfalls keine strukturierten. Für mich stellte sich beim Lesen aber vor allem eine grundlegende Frage: Gibt es Erkenntnisse dazu, ob es gerätetypenübergreifende Nutzungen im Alltag in nennenswerter Zahl gibt? Spontan erscheint es mir eher untypisch, dass auf einer Website in einem zeitlichen Kontinuum verschiedene Bildschirme genutzt werden; wenn überhaupt, dann in zeitlich getrennter Folge. In diesem Zusammenhang müssten auch Tests so aufgebaut sein, dass man eher ausgehend von den Nutzungsanforderungen die Nutzungssituationen testet. Wenn also beispielsweise eine Informations- und Nachrichtenwebseite sowohl auf Smartphones als auch auf Tablets und TVs genutzt wird, dann vermutlich immer in anderen Nutzungszusammenhängen. Diese herauszufinden müsste damit vor dem eigentlichen UX-Test stehen, korrekt?

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  2. Martin Beschnitt Beitragsautor

    Hallo Herr Hansel,
    ich stimme Ihnen vollkommen zu.
    Es muss zuerst geklärt werden, in welchen Situationen welche Gerät genutzt wird und was dabei den zentralen Szenarien/Use Cases sind, bevor man ins Testing geht. Diese Frage sollte jedoch bestenfalls schon bei der Konzeption der Responsive Website geklärt werden. Ansonsten wird hier schon die falsche Grundlage geschaffen…

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