Internationale Usability-Tests – Wo und in welcher Reihenfolge?

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Usability-Tests im Ausland werden für viele unserer Kunden immer wichtiger: Wer international in Bezug auf Produkte aufgestellt ist, der sollte auch Wissen über die „internationale Zielgruppe“ haben. Egal ob einzelne Produkte, Gestaltungselemente auf der Website oder einzelne Claims: Was hierzulande funktioniert, muss in anderen Ländern noch lange nicht ebenso gut ankommen. Im Vorfeld einer solchen internationalen Usability-Studie geht es immer zuerst um die Frage: In welchen Ländern soll die Studie eigentlich stattfinden? Und soll die Studie in allen Ländern parallel laufen oder lieber nacheinander?

Welche Länder?

Angenommen, es geht um den Aufgabe, einen Usability-Test mit je 12 Personen in 3 Ländern durchzuführen. Bevor es los geht, sollte natürlich feststehen, welche Länder dies sein sollen. Welche Länder ausgewählt werden, ist natürlich abhängig von den Fragestellungen und Zielen der Studie bzw. des Unternehmens (und davon, auf welchen Kontinenten das Unternehmen agiert). Sicher begrenzt auch das Budget die Möglichkeiten (und Anzahl) der Testländer.

Ganz allgemein können aber z. B. folgende Kriterien für eine Auswahl in Betracht gezogen werden:

  • Länder mit höchsten Marktanteil
  • 1-2 Länder mit dem höchsten Marktanteil auf jedem Kontinent
  • Top-Märkte in Bezug auf eine bestimmte Sprache (z. B. Englisch, Deutsch, Portugiesisch)
  • neue/sich entwickelnde Märkte
  • problematische Märkte

Interessant ist es natürlich generell, möglichst verschiedene Länder auszuwählen. Also Länder zwischen denen Sie eine hohe Varianz bei den Merkmalen erwarten, die die Nutzung und die (wahrgenommene) Usability Ihrer Anwendung beeinflussen können (z. B. Kultur, Sprache, technologischer Fortschritt).

Sobald die Länder für die feststehen, geht es meistens als nächstes um die Frage: Führt man die Studie gleichzeitig oder parallel in den einzelnen Ländern durch?

Gleichzeitige Erhebungen gehen schneller – können aber problematisch sein

Oftmals müssen Studienergebnisse recht zeitnah vorliegen – eine parallele Studiendurchführung scheint in so einem Fall erst einmal naheliegend. Dies verkürzt zwar die Projektdauer, birgt allerdings auch einige Nachteile:

  • Hohe Anforderungen an Qualitätssicherung bei der Durchführung: Bei gleichzeitigen Tests in 2-3 Ländern werden die Ergebnisse zwangsläufig von unterschiedlichen Personen bzw. Teams beobachtet und dokumentiert. Dies erfordert eine hohe Konsistenz in den Vorgaben zur Beobachtung und einen erhöhten Abstimmungsaufwand zur Konsolidierung der Erkenntnisse, da niemand Eindrücke aus allen Tests „mitnehmen“ kann.
  • Keine „Antizipation“ von Herausforderungen: Stellen Sie sich vor, Sie testen einen Prototypen für eine Website in 3 Ländern am gleichen Tag. Im Pretest hat alles gut funktioniert, der Prototyp wurde vor dem Test lediglich noch einmal minimal angepasst. Beim eigentlichen Test stellt sich dann heraus, dass seit der Änderung eine wichtige Seite nicht mehr richtig angezeigt wird. Die Folge: Sie müssen das gleiche Problem in 3 Ländern gleichzeitig beheben. Gleiches gilt auch für weniger schwerwiegende Probleme wie z. B. kurzfristige Ergänzung von einer Frage im Interviewleitfaden.
  • Hohe Anforderungen an Kommunikation: Entsprechend kommt auch ein erhöhter Kommunikationsaufwand hinzu – wenn z. B. der Moderator in England den Fehler am Prototypen zuerst entdeckt, muss dieser erst einmal Kontakt zu den Teams in den anderen Ländern aufnehmen, um über das Problem zu berichten.

Also lieber nacheinander testen – aber in welcher Reihenfolge?

Auch wenn die Usability-Tests in den drei Ländern nacheinander durchgeführt werden: Es wird immer Umstände geben, auf die man sich im Vorfeld nur schwierig einstellen kann und mit denen man erst „vor Ort“ – also bei Start der Durchführung – konfrontiert wird. Eine Zusammenarbeit mit einem neuen Partner oder ein Testing in einem Land, in dem man zum ersten Mal eine Studie durchführt, erhöht die Wahrscheinlichkeit für unvorhergesehene Hürden noch.

Für parallele Tests empfiehlt sich daher folgendes Reihenfolge:

  • Station 1: Sofern Deutschland als Testort auf dem Programm steht, sollte man auch dort starten. In „gewohnter Umgebung“ können erste Erkenntnisse gewonnen werden – sowohl zu den Fragestellungen der Studie als auch zu evtl. (länderunabhängigen) Herausforderungen bei der Durchführung (technische Schwierigkeiten mit der Seite etc.).
  • Station 2: Hier empfiehlt es sich ein Land zu wählen, in dem man bereits mit einem Partner zusammengearbeitet hat. Der Vorteil ist: Man kennt sich aus, man kennt das Team vor Ort und kann sich deshalb gemeinsam schneller auf unerwartete Ereignisse einstellen und diese lösen.
  • Station 3: An letzter Stelle sollten (falls vorhanden) die Länder folgen, in denen man zum ersten Mal mit einem Partner zusammenarbeitet. Zu diesem Zeitpunkt liegen bereits viele Erfahrungen aus dem vorangegangen Tests vor, die wiederum in das Briefing des Teams vor Ort einfließen können.

Natürlich stehen die Auswahl der Testorte und deren Reihenfolge ganz am Beginn der Vorbereitungen zu einer internationalen Studie. Hier gibt es in der Folge noch viele andere Dinge und Aspekte zu bedenken, zu denen auf dem Blog sicher noch weitere Beiträge folgen werden.
Welche Erfahrungen haben Sie schon mit der Durchführung internationaler Usability-Tests oder Fokusgruppen gemacht? Wie sind Sie vorgegangen bei der Auswahl der Reihenfolge der Länder, in denen Sie die Studie durchgeführt haben? Ich freue mich auf eine spannende Diskussion!

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2 Gedanken zu „Internationale Usability-Tests – Wo und in welcher Reihenfolge?

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