Neudenken, Querdenken, Umdenken: Das Ideen-Storming als kreative Methode für Fokusgruppen

Hand drawing light bulb

Fokusgruppen als Methode im User Centered Design-Prozess liefern wertvolle Erkenntnisse zu den Anforderungen und Bedürfnissen, Einstellungen und Motiven sowie unbewussten Meinungen von verschiedenen Zielgruppen. Daher kommen derartige moderierte Gruppendiskussionen meist in frühen Entwicklungsphasen einer Anwendung, etwa bei der Anforderungsanalyse oder in der Konzeption, zum Einsatz.


Doch nicht nur das „Kennenlernen“ der Zielgruppen kann durch eine Fokusgruppe erleichtert werden. Auch ist es möglich, neue Ideen zu entwickeln, bestehende zu bewerten oder zu konkretisieren. Dafür ist die interaktive und ungezwungene Atmosphäre in Fokusgruppen sehr förderlich, wenngleich nur die richtige Herangehensweise auch wirklich hochwertige Ergebnisse liefert. Welche Rolle dabei das „Ideen-Storming“ spielen kann und wie wir diese Methode in der Praxis einsetzen, soll der folgende Beitrag veranschaulichen.

Gegenüber Einzelinterviews haben Fokusgruppen den großen Vorteil, dass stets auf die Aussagen der anderen Bezug genommen werden kann, Ideen anderer wiederum zum Weiterdenken anregen und Meinungen sogleich hinterfragt und reflektiert werden. In Einzelinterviews hingegen steht die Meinung der interviewten Person im Vordergrund und der Interviewer darf möglichst wenig beeinflussen. Diese neutrale Haltung ist für bestimmte Fragestellungen sehr wichtig, kann jedoch einen Kreativprozess auch bremsen.

Jede Idee zählt

Wird eine Fokusgruppe mit dem Ziel der Ideengenerierung durchgeführt, sollte nicht nur auf eine geeignete Zusammensetzung der Gruppe und eine angenehmen Atmosphäre geachtet werden. Damit möglichst viele Ideen entstehen, muss auch eine möglichst offene Stimmung herbeigeführt und ein zielführendes Moderationskonzept entwickelt werden. Im Gegensatz zum herkömmlichen „Brainstorming“ besteht das sogenannte „Ideen-Storming“ aus drei aufeinanderfolgenden Phasen, die jeweils unterschiedliche Zielsetzungen haben, um am Ende sowohl quantitativ als auch qualitativ zufriedenstellenden Output zu generieren:


Ideenstorming

Die 3 Phasen des „Ideen-Stormings“ vereinfacht visualisiert: Ideensammlung, Strukturierung, Erweiterung, Modifizierung und schließlich Auswahl bzw. Bewertung


Phase 1: Exploration

Es versteht sich von selbst, dass nicht direkt zu Beginn der Fokusgruppe mit der Ideensammlung gestartet werden kann. Bevor überhaupt die Phase der „Exploration“ beginnt, sollten die Teilnehmer gedanklich auf das Thema eingestellt werden. Dazu können die Teilnehmer sich zum Beispiel über ihre Erfahrungen oder Erlebnisse in einem bestimmten Zusammenhang austauschen. Durch die Interaktion werden oft auch an Situationen erinnert, die im Einzelgespräch gar nicht zu Tage getreten wären, weil die Anstöße der anderen Teilnehmer bzw. deren Berichte wiederum neue Verknüpfungspunkte offenbaren. Außerdem lernt die Gruppe sich kennen, wird sich ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede bewusst und baut Hemmungen ab.

Bei der eigentlichen Exploration ist dann zunächst Einzelarbeit gefragt. Jeder Teilnehmer sammelt Ideen für sich selbst und notiert diese bspw. auf Moderationskärtchen („Brain-Writing“). Es geht dabei zunächst nicht um Umsetzbarkeit, Güte oder Innovation, sondern vor allem um Masse. Werden die Ideen anschließend im Plenum vorgestellt, so wird bewusst zunächst keine Bewertung oder Kritik zugelassen. Umso mehr Ideen hier zusammen kommen, desto besser – Quantität geht vor Qualität. Die Ideen können aber durchaus ergänzt oder erweitert werden. Dazu kann, falls die Ideenfindung stockt, auch gut die sogenannte „Lotusblüten-Technik“ eingesetzt werden:


Lotusblüten

Ausgangspunkt ist eine konkrete Frage. Ideen werden rundherum geheftet. Jede Idee dient dann als Ausgangspunkt für neue Ideen und steht für sich betrachtet wieder im Zentrum des Interessen. Da die neuen Ideen immer kreisförmig um den Ausgangspunkt angeordnet werden, entsteht das Bild einer Blüte, was der aus Japan stammenden Technik ihren Namen gab.


Phase 2: Rekombination

Ziel ist es nun, die gesammelten Ideen zu strukturieren, kombinieren, erweitern oder zu verändern. Die Gruppe arbeitet gemeinsam an der Ideensammlung (Pinnwände). Es soll sich nun über die Ideen ausgetauscht werden und diese kommentiert werden. Anhand dessen kann dann eingeschätzt werden, welche Ideen sich ähneln, zusammengehören etc. Auch hier gibt es wieder angrenzende Techniken, die die Diskussion befruchten können. So kann bspw. durch ein kontextspezifisches SCAMPER eine systematische Modifizierung der Ideen erreicht werden:

    Substitute (Ersetze – Komponenten, Materialien, Personen)

    Combine (Kombiniere – vermische mit anderen Zusatzfunktionen; überschneide mit Services, integriere Funktionalität)

    Adapt (Ändere ab, verändere Funktion, verwende einen Teil eines anderen Elements)

    Modify (Steigere oder vermindere Größe, Maßstab, verändere Gestalt, variiere Attribute (Farbe, Haptik, Akustik, …)

    Put („Put to another use“ Finde weitere Verwendung(en), finde anderen Zusammenhang zur Nutzung, formuliere den Anwendungsbereich um)

    Eliminate (Entferne Elemente, Komponenten, reduziere auf Kernfunktion, vereinfache)

    Reverse (Kehre um, stülpe das Innere nach außen, stelle auf den Kopf, finde entgegengesetzte Nutzung)

Nachdem alle Vorschläge gesammelt wurden, werden eventuell noch weitere, vorab festgelegte Ideen vom Moderator zur Sammlung hinzugefügt. Dies ist nur der Fall, falls keine ähnlichen Ideen bereits von den Teilnehmern entwickelt wurden.

Phase 3: Selektion

Nun sollen die Ideen bewertet werden. Ein für die meisten Teilnehmer leicht verständliches Mittel sind Klebepunkte oder Skalen mit 0-5 Sternen, die hochgehalten werden können. Die Bewertung soll anhand der zentralen Frage des Projektes oder dem Alleinstellungsmerkmal einer Unternehmung erfolgen. Ist die Fragestellung recht abstrakt (z. B.: Wie kann der Service verbessert werden?) sollten diese in Unteraspekte aufgeteilt werden (z. B.: Wie kann ein Produkt schneller erfasst werden? Wie kann die Kundenbindung/Weiterempfehlung gesteigert werden? etc.).

Handelt es sich um ein sehr heikles Thema, zu dem nicht alle Teilnehmer gern persönlich Stellung beziehen, kann auch mit Fragen wie „In welche Idee würden Sie wie viel investieren, wenn Sie ein bestimmtes Budget zur Verfügung hätten und am Gewinn beteiligt wären?“

So werden Fokusgruppen zum Erfolg

Die richtige Technik bzw. ein gutes Moderationskonzept sind ein wichtiger Bestandteil zur Durchführung erfolgreicher Gruppendiskussionen. Doch die Technik allein ist noch keine Garantie. Und es gibt auch nicht DAS Allheilmittel für alle Fragestellungen. Aus der großen Auswahl der Moderations- und Kreativitätstechniken sollte stets für jede Fragestellung die passende Vorgehensweise individuell zusammengestellt werden. Daher müssen zu Beginn unbedingt die Zielsetzungen an die Fokusgruppe(n) klar definiert sein.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Moderator selbst. Es ist nicht entscheidend, dass er detaillierte Fachkenntnisse in Bezug auf das Thema hat, vielmehr sind sein Auftreten, die Wahrnehmung in der Gruppe und das Leiten durch die Diskussion von Bedeutung. Die Gruppe muss zu ihm schnell Vertrauen fassen können, sich sicher fühlen und darf nicht an seiner Souveränität zweifeln. Alle Aufgaben und Fragen müssen stets verständlich formuliert sein, damit die Teilnehmer motiviert bleiben und effektiv arbeiten können. Daher sollte bei der Auswahl des Moderators bzw. Dienstleisters immer berücksichtigt werden, welche Erfahrungen bzw. Vorwissen und Qualifikationen vorliegen. Gute UX Agenturen wissen dies und beraten gern hinsichtlich der optimalen Vorgehensweise und Teamzusammenstellung. Auch internationale Projekte mit Fokusgruppen in mehreren Ländern sind somit effektiv durchführbar und helfen beim Verstehen und Erschließen von Zielgruppen weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus.

2 Gedanken zu „Neudenken, Querdenken, Umdenken: Das Ideen-Storming als kreative Methode für Fokusgruppen

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