Mobile-Konzeption: Ein Tablet als interaktive Speisekarte im Restaurant

Intro

Immer wieder begegnen mir spannende Konzepte für digitale, interaktive Systeme in der Wildnis, die mein UX-Herz höher schlagen lassen. Aber zur Berufskrankheit gehört auch, dass ich diese natürlich gleich analysieren muss: Was funktioniert gut, was nicht? Was hätte ich vielleicht anders gemacht? Diese Gedanken möchte ich gerne mit Ihnen teilen.

Heute geht es um die Speisekarte im Restaurant La Baracca in Hamburg. Diese wird mir als Gast direkt am Eingang in Form eines Tablets ausgehändigt. Eine Bedienung braucht es zum Bestellen nicht mehr. Naja, zumindest in der Theorie. Denn ganz problemlos ist die Handhabung der Speisekarte nicht, was das eigentlich spannende Bestellerlebnis leider etwas schmälert.

Von Schlüsseln und Backöfen – aller Anfang ist schwer

Ich muss ja zugeben: Die interaktive Tablet-Speisekarte war der Hauptgrund für mich, das La Baracca zu besuchen. Bei welchem UX-Geek lässt diese Aussicht schließlich nicht das Herz schneller schlagen? Das Tablet behält man während des gesamten Aufenthalts, denn es speichert gleichzeitig alle eigenen Bestellungen des Besuchs, die man dann bei Rückgabe am Ausgang bezahlt.

 

 

Anleitung für die Anmeldung

Abb. 1: Die Anleitung für die Anmeldung ist komplizierter als nötig

Am Tisch angekommen öffne ich das Cover des Tablets und werde von einer Anleitung mit vier Schritten begrüßt (siehe Abb. 1). Puh, so kompliziert ist schon das Anmelden? Eigentlich nicht, man versucht scheinbar nur, es kompliziert aussehen zu lassen:

  • Schritt 1 ist bereits erledigt – wie würde ich sonst den Bildschirm sehen?
  • Schritt 2 und 3 sind eigentlich ein Schritt.
  • Schritt 4 ist noch gar nicht relevant und bedarf auch eigentlich keiner Erklärung.

 

 

Schlüssel mit RFID-Chip

Abb. 2: Der Schlüssel mit RFID-Chip für die Anmeldung war leider defekt

Das hätte man also auch einfacher lösen können. Aber gut, das Anmelden erscheint mir machbar. Tablet auf den Schlüssel (siehe Abb. 2) legen… nichts passiert. Etwas höher… etwas tiefer… umherschieben… immer noch nichts. Schon kommt der Kellner herbeigeeilt, der das Szenario schon zu kennen scheint. Der Schlüssel funktioniere leider nicht, ich müsse das Tablet an die an der Tischkante angebrachte weiße Karte halten (siehe Abb. 3). Natürlich kann die Technik immer einmal kaputt gehen (auch wenn das bei RFID-Chips relativ unwahrscheinlich ist). Leider werde ich das Gefühl nicht los, dass der Schlüssel nicht erst gestern den Geist aufgegeben hat.

 

 

Ersatz-Chip

Abb. 3: Der Ersatz-Chip für die Anmeldung war gut versteckt

Der weiße Ersatz-Chip funktioniert immerhin tadellos. Aber was ist das? Mein Tablet mutiert zum Backofen und zeigt mir einen Temperaturregler (siehe Abb. 4). Soll ich jetzt die Bräune meiner Pizza bestimmen? Ach nein, nach zwei Sekunden wird mir klar: Das ist die Ladeanzeige. Mag ja ganz witzig aussehen, aber ein Drehknopf könnte konzeptionell kaum weiter von einer Ladeanzeige entfernt sein. Hier war wohl ein übermotivierter Designer am Werk.

 

 

Ladeanzeige nach der Anmeldung

Abb. 4: Die Ladeanzeige nach der Anmeldung ist dem Temperaturregler eines Backofens nachempfunden

 

Von Warenkörben im Restaurant – identische Buttons verwirren

Als ich es durch den Anmeldevorgang geschafft habe verbessert sich der Eindruck: Die Navigation durch die Speisekarte geht gut von der Hand, die Strukturierung ist klar und alle Bedienelemente groß genug (siehe Abb. 5). Jedes Gericht oder Getränk kann man sowohl direkt von der Übersicht bestellen als auch aus der Detailseite. Die zusätzlichen Informationen zu jedem Gericht sind sicherlich ein Vorteil gegenüber herkömmlichen Speisekarten. Ich kann die Zutaten genauer begutachten und sehe ein schönes Bild von dem, was mich erwartet (siehe Abb. 6).

 

 

Menüs

Abb. 5: Die Menüs sind übersichtlich und gut bedienbar

Leider sind die beiden Warenkorb-Buttons auf der Detailseite verwirrend und machen das Bestellen unnötig schwer. Der obere legt das Gericht in den Warenkorb, das untere wechselt zur Warekorb-Ansicht. Durch das identische Icon und die räumliche Nähe kann hier schnell eine Verwechslung passieren. Und tatsächlich: Obwohl ich meiner Begleitung das Problem erklärt habe, tappt sie zwei Minuten später in genau diese Falle. Mit einem kleinen Usability-Test, am besten schon ganz zu Beginn der Konzeption in Form von Paper Prototyping, wäre das sicher nicht passiert.


Abb. 6: Die Detailseite ist schön gestaltet, birgt aber Verwirrungspotenzial durch mehrere Warenkorb-Buttons

Von aufdringlichen Beilagen – geht das auch ohne?

Direkt im Anschluss zeigt sich ein weiteres Problem: Bei jedem Gericht werde ich nach dem Hinzufügen zum Warenkorb auf eine Seite mit den möglichen Beilagen geleitet (siehe Abb. 7). Abgesehen von der Frage, wer wohl zum Risotto gegrilltes Gemüse bestellt, ist mein erster Gedanke: Muss ich jetzt eine Beilage bestellen? Wie ich diesen Schritt überspringen kann ist nicht ganz offensichtlich. Und auch der Mini-Usability-Test mit meiner Begleitung bringt erst nach kurzem Überlegen die Lösung zu Tage: Oben rechts auf „Weiter“ klicken, ohne eine Beilage anzuhaken. Eine weniger versteckte und klar formulierte Option für „keine Beilage“ im Inhaltsbereich würde solchen Unsicherheiten vorbeugen.

 

 

Überspringen der Beilagenauswahl

Abb. 7: Das Überspringen der Beilagenauswahl ist nicht offensichtlich

 

Von kalt gewordenem Essen – nicht alles kommt zur richtigen Zeit

Das Abschicken der Bestellung geht schnell von der Hand, offenbart aber auch eine Tücke des kellnerlosen Bestellens (siehe Abb. 9). Das Essen wird sofort an unabhängigen Stationen zubereitet und schnellstmöglich zum Tisch gebracht. Ob das Essen für mehrere Personen gleichzeitig fertig wird ist reine Glückssache. Auch Vorspeise und Hauptgericht darf man nicht gleichzeitig bestellen, wenn der Restaurantbesuch nicht in Stress ausarten soll. Darauf wurde ich hingewiesen, doch so recht zufriedenstellend ist es nicht. Ganz egal wie einfach und spaßig das bestellen per Tablet ist – das eigentliche, gemeinsame Erlebnis sollte dadurch nicht geschmälert werden.

 

 

Bestellung

Abb. 8: Die Bestellung wird immer schnellstmöglich zubereitet, ohne Rücksicht auf Verluste

Hier geraten wir so langsam in den Bereich Service Design, aber bei User Experience geht es schließlich um mehr als nur um Usability und das Interface. Das gesamte Nutzungserlebnis sollte im Rahmen der UX Konzeption gestaltet und optimiert werden. Dabei ist es wichtig, auch nach links und rechts zu schauen, auf die anderen Teile des Gesamtsystems.

4 Gedanken zu „Mobile-Konzeption: Ein Tablet als interaktive Speisekarte im Restaurant

  1. Jan Eckhoff

    Schöner Bericht, der sich mit meinen Erfahrungen im LaBaracca deckt. Hast Du auch die „interaktive Weinbar“ ausprobiert? Das Konzept ist sehr pfiffig, das Problem: leider stimmt die Anleitung auf der Speisekarte nicht mit dem tatsächlichen Prozess überein 😉

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    1. Kebrina

      Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen! Eine super Analyse!

      Mich würde noch interessieren, wie das mit Sonderwünschen gehandhabt wird? Was ist, wenn ich beispielsweise das „Risotto mit Hähnchen“ ohne den grünen Spargel bestellen möchte?

      (Falls die Erinnerungen noch so weit reichen, immerhin ist der Eintrag über ein Jahr alt 😉 )

    2. Jan Pohlmann Beitragsautor

      Guter Punkt, das ist eigentlich ein häufiger Use Case. Leider ist es wirklich schon etwas lange her. Ich meine aber, dass es keine Option gab, um Sonderwünsche zu äußern. Da bleibt wohl nur der „Service Call“ Button aus dem Hauptmenü. 😉

  2. Anja Weitemeyer

    Super Erfahrungsbericht, ich musste sehr lachen! Da weiß ich ja schon, wo ich demnächst mal zum Essen hingehe 🙂
    Ohne Bedienung kommt auch das „Achterbahn-Restaurant“ aus, hier teilen sich mehrere Personen einen Touchscreen, der fest am Tisch installiert ist, bzw. verschoben werden kann, denn man sitzt in einem großen Kreis nebeneinander. Identifikation erfolgt mittels einer Karte, die man am Eingang erhält, darauf wird die Bestellung gebucht fürs spätere Bezahlen. Umständlich, wenn jeder einzeln bezahlen möchte, der Bestellvorgang zieht sich hin und wie auch von Jan beschrieben: Ob das Essen zusammen kommt, ist Glückssache.

    Loben möchte ich die McDonalds Terminals: Grad im Ausland super, wenn man der Sprache nicht mächtig ist, aber eh schon genau weiß, was man haben will. Zudem werden die Bestellungen bevorzugt behandelt, man geht an der Schlange vorbei. Und mein Highlight: Menü bestellt udn der Automat fragt ganz unaufdringlich: „Möchten Sie zum Nachtisch ein Eis?“ (Cross-Selling deluxe!) Hab ich natürlich bejaht, nächste Frage: „Möchten Sie das Eis später abholen?“ Sauber – ohne erneutes Schlange-Stehen bekomme ich mein Eis später gegen Vorzeigen des Kassenbon rübergereicht!

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