Nutzerorientiert das Stöbern fördern – Navigationskonzepte am Beispiel von Online-Frauenzeitschriften

Eine gute Navigation führt die Nutzer möglichst schnell zum Ziel, also direkt von A nach B. Gut ist sie jedoch nur, wenn die Nutzer wissen, dass sie von A nach B möchten. In vielen Fällen ist dies nicht der Fall und auch gar nicht von Nutzern gewünscht – so auch bei Zeitschriften und bei Frauenzeitschriften erst recht. Hier ist ein Interessenfluss wie dieser: Fashion-Week – Botox-Galerie – Pflege Special, nicht ungewöhnlich. Doch wie bildet man ihn im Navigationskonzept ab? Sollte die Navigation die Nutzer dann von A nach B über das ganze Alphabet führen? Ist ein zentralisiertes und klar gegliedertes Navigationskonzept sogar hinderlich? Gibt es generelle Good Practices für Inspirationskonzepte, für ein „unstrukturiertes“ Navigationsverhalten? Ich habe mir die Navigationskonzepte der Online-Frauenzeitschriften angeschaut und folgende Fundstücke gesammelt.

Querlinks oder strukturiertes Konzept?

Am Beispiel der Gala, wird das Prinzip der „vernetzten“ Navigation ganz deutlich. Auf der Startseite wird dem Nutzer ein sehr breitgefächertes Spektrum an Themen angeboten. Die Seite ist nicht im Raster aufgebaut und kann nicht systematisch gescannt werden. Notwendigerweise beschäftigen sich die Nutzer dadurch tendenziell länger mit der Seite bis ein Thema gefunden ist, das sie interessiert und nehmen eine Vielzahl von Themen wahr. Anstrengend ist es jedoch nicht, da ein Überblick über die Bilder ausreicht: Ist ein Promi dabei der mich interessiert? Gibt es Styles die mich spontan ansprechen? Auf Seiten der zweiten Ebene können die Nutzer dann zwischen thematisch ähnlichen Beiträgen auswählen. Die Themenwahl wird durch etwas mehr Struktur erleichtert. Der Wechsel zu einem anderen Oberthema ist jedoch auch leicht, durch das Angebot von Querlinks im rechten Seitenbereich. Auf diese Weise können die Nutzer lange zirkulieren bis sie sich schließlich auf Ebene 3 auf ein Thema konzentrieren. Die Seiten dieses Typs sind minimalistisch gestaltet, um eine fokussierte Durchsicht zu ermöglichen. Wohlgemerkt tauchen die Teaser zu diesen Seiten erst ab einer gewissen Tiefe auf. Auf diese Weise haben die Nutzer die Gelegenheit zahlreiche Themen wahrzunehmen, bevor sie sich einem Thema widmen. Ganz nebenbei überblicken sie so das Spektrum an Beiträgen und entdecken die, die sie interessieren. Die Notwendigkeit noch die zentrale Hauptnavigation zu bemühen ist gering. Der Wechsel zwischen den Themen über gut zusammengestellte Querlinks ist völlig ausreichend.


 

Um ungewollte große Themensprünge zu vermeiden werden für eine grobe Orientierung Icons „Beauty“ „News“ usw. in die Teaser eingebunden, die die Zugehörigkeit zu Oberkategorien aufzeigen.

 

 

gala.de Kategorie wird angezeigt

gala.de: Zur Orientierung wird die Kategorie „Fashion“, „Beauty“ o. ä. angezeigt

Bei Martha Stewart wird das Stöbern ebenfalls unterstützt, was aber nicht mit einem strukturierten Aufbau im Konflikt steht. Die breitgefächerte Themenauswahl wird ansprechend und durch große Teaser angeboten. Die Übersichtsseiten sind jedoch strukturiert und systematisch: Die Oberthemen sind in einem 3er Spaltenraster und Unterthemen in einem 4er Spaltenraster angeordnet.


 

Interessieren sich die Nutzer für ein Unterthema, klappt sich die Seite wie eine Ziehharmonika auf und das Thema wird eingeblendet. Der Wechsel zwischen den Themen ist auf diese Weise sehr einfach. Die Nutzer können daher in einem Themenbereich lange stöbern.

 

Auffällig ist, dass zu Gunsten der Übersichtlichkeit und Klarheit der Einsatz von Querverlinkungen sehr sparsam erfolgt. Auf Themenübersichtseiten kommen sie so gut wie gar nicht vor. Lediglich auf Artikelseiten werden Themenvorschläge („More like this“) eingeblendet, jedoch erst wenn der Nutzer ganz unten auf der Seite angelangt ist, also mit dem Artikel fertig ist.

 

 

marthastewart.com Themenvorschläge

marthastewart.com: Themenvorschläge am Ende einer Artikelseite

Bei Myself kann der Nutzer auch spielerisch navigieren: Klickt er auf der Startseite auf den „Inspiriere mich“-Button, erhält er eine willkürlich zusammengesetzte Themenauswahl. Entsprechend dem Inspirationsgedanken werden nur Bilder angezeigt, den Text gibt’s dann bei Mouseover. Das Zusammenwürfeln der Themen macht Spaß und man kann sich wirklich lange damit beschäftigen. Auf diese Weise erfährt man wieder ganz nebenbei, welche Themen es gibt.

 

 

myself.de Inspiration bei Mausklick

myself.de: Inspiration bei Mausklick

 

Mehr als ein Navigationslayer…

Auch der Navigationslayer kann dazu genutzt werden, den Lesern Themenvorschläge zu unterbreiten und sie so auf die vorhandenen Inhalte aufmerksam zu machen. Bei InStyle erstreckt sich der Navigationslayer, der bei Mouseover über die Hauptnavigation ausklappt, über die ganze Breite. Die Kategorienbezeichnungen nehmen jedoch nur eine Spalte links ein. Der restliche Platz wird für die Anzeige der Hauptthemen-Teaser genutzt. Auf diese Weise wird ein gezielter Zugriff auf Artikel ermöglicht, ohne jedoch auf die inspirierende Wirkung von Bildern zu verzichten.

 

 

instyle.de Inspiration im Navigationslayer

instyle.de: Inspiration im Navigationslayer

Bei Martha Stewart sieht der Navigationslayer schon fast wie eine Kategorie-Übersichtsseite aus: Es werden links die Oberkategorien und rechts ganze Themen-Teaser zusammen mit den dazugehörigen Unterkategorien angezeigt. Sogar Video-Einstiege sind eingebunden.

 

 

marthastewart.com Der Navigationslayer

marthastewart.com: Der Navigationslayer ist wie eine Kategorie-Übersichtsseite aufgebaut

 

Nutzer ansprechen und sich von anderen abheben durch zielgruppenspezifische Navigation

Die Hauptnavigation ist bei Online-Zeitschriften für Frauen im ersten Augenblick nicht so sehr als Navigationsmittel wie für die Auffassung der thematischen Orientierung der Zeitschrift notwendig. Daher ist es wichtig a. die Zielgruppe spezifisch anzusprechen und b. einen Unterschied zu anderen Zeitschriften zu kommunizieren. Bei Mädchen z. B. wird statt der in Frauenzeitschriften üblichen Rubrik „Lifestyle“ „Leben“ oder „Liebe“ die Rubrik „Gefühle“ angeboten. Dies greift den Sprachgebrauch der jüngeren Zielgruppe auf und schafft eine Differenzierung zu den restlichen Zeitschriften. Die vermittelte Botschaft: „Nur hier findest du Themen, die speziell dich interessieren.“

 

 

mädchen.de spezifische Navigation

maedchen.de: „Gefühle“ statt „Lifestyle“ für die jüngere Zielgruppe

Auch das People Magazine hat zielgruppenspezifische Rubriken: „Royals“, „Babies“, „Pets“, um die speziellen Themenschwerpunkte in der Hauptnavigation schon deutlich zu machen.

 

 

people.com spezifische Navigation

people.com: „Royals“, „Babies“ & „Pets“ als spezifische Extrapunkte in der Hauptnavigation

Bei Mädchen wird zusätzlich zu der zielgruppenspezifischen Hauptnavigation auch eine zielgruppenspezifisches Suche angeboten: Suche im Modelexikon.

 

 

maedchen.de Modelexikon

maedchen.de: zielgruppenspezifische Suche im Modelexikon

 

Einbeziehen der Nutzer in die Gestaltung der Navigationsstruktur

Eine weitere Möglichkeit die Navigation für die Nutzer zu erleichtern, ist, die Nutzer in die Entstehung des Navigationskonzepts einzubeziehen. Bestmöglich sind die Nutzer bereits in der Konzeptionsphase in die Gestaltung der Navigation einbezogen worden z. B. durch die Usability-Methode: Cardsorting, bei der die Nutzer die Möglichkeit haben Inhalte zu sortieren und die entstandenen Rubriken zu benennen.

Darüber hinaus können die Nutzer aber auch gerade bei Zeitschriften live in die Zusammensetzung der Querlinks einbezogen werden z. B. über die „Meist gelesen“-Spalte. Doch selbst wenn die Nutzer auf diese Weise mitbestimmen, welche Artikel als Querlinks in diesen Spalten auftauchen, haben sie nicht das Gefühl sie haben einen Einfluss darauf, also vertrauen sie dem Ranking tendenziell nicht und haben wenig Interesse dafür. Bei marie claire wird aber den Nutzern eine aktive Mitbestimmung durch eine Bewertungsmöglichkeit des Artikels angeboten. Bei jedem Beitrag können die Nutzer „Love“, „Try“ „Want“ anklicken. Das Ranking wird dann im rechten Seitenbereich als „Trending now“ angezeigt. Durch diese Differenzierung der Bewertung, wird diese für die Leser auch interessanter.

 

 

marieclaire.com trending now

marieclaire.com: Nutzer können Artikel einfach bewerten und gestalten so die „Trending now“ Spalte mit.

 

cosmopolitan.com trending now

cosmopolitan.com: Nutzer können Artikel einfach bewerten und gestalten so die „Trending now“ Spalte mit

Das „Trending now“ bei Cosmopilotan.com weckt noch mehr Interesse durch die Bewertung mit den provokativen „Want“, „OMG“, WTF“.

Learnings für Navigationskonzepte bei Online-Frauenzeitschriften & für alle:

    • Soll der Wechsel zwischen den Themen ohne Aufwand und „Nachdenken“ passieren…
      • …sind gut ausgewählte Querverlinkungen das A & O. Denn lesen Nutzer Frauenzeitschriften, wollen sie meist nicht strukturiert vorgehen. Ein breites Themenspektrum sollte aber „auf dem Weg“ zu einem bestimmten Thema angeboten werden, damit keine Interessenlücken entstehen.
      • …steht eine klare Struktur dem nicht im Wege. Inspiration durch Querlinks muss auch nicht pauschal sondern kann punktuell, am Nutzerverhalten orientiert angeboten werden z. B. durch Einblendung am Ende eines Artikels oder durch Teaser im Navigationslayer.
      • …kann dies auch durch zufallsgenerierte Themenvorschläge wie bei myself erfolgen. Dadurch bekommt die Navigation einen Spielcharakter. Themenbereiche können so spielerisch entdeckt werden.
    • Nutzeransprache und die Abgrenzung zu anderen Websites erreicht man durch zielgruppenspezifische Rubriken oder spezielle Suchfunktionen.

 

  • Steigerung der Nutzerorientierung erfolgt durch die Einbeziehung der Nutzer in den Entstehungsprozess.
    • im Vorfeld durch Cardsorting
    • und live durch einfache und differenzierte Bewertungsmöglichkeiten.

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