Navigationsprobleme im Ansatz vermeiden durch Reverse Card Sorting

Intro

Das offene Card Sorting ist eine bewährte Methode, um die Entwicklung oder Optimierung einer Informationsarchitektur zu unterstützen. Es hilft, das mentale Modell der Nutzer zu verstehen und so die Inhalte besser zu gruppieren und zu benennen. Die Entwicklung der Informationsarchitektur findet meist früh im Projekt statt, da sie die Basis für weitere Entwicklungsschritte wie die Navigation bildet. Somit ist es sinnvoll, sie auch so früh wie möglich mit echten Nutzern zu testen und Probleme im Ansatz zu erkennen und zu korrigieren.

Aber wie testet man eine Informationsarchitektur? Häufig wird ein geschlossenes Card Sorting empfohlen, doch ist das wirklich die richtige Vorgehensweise? – Nein, denn mit dem so genannten Reverse Card Sorting gibt es eine wesentlich besser geeignete Methode. In diesem Beitrag erkläre ich Ihnen, wie diese funktioniert und was Sie beachten sollten.

Wie Reverse Card Sorting funktioniert

Die Ansätze dieser Methode wurden als Card-Based Classification Evaluation von Donna Spencer entwickelt. Sie wird auch als Tree Testing bezeichnet, da es um die Evaluation einer hierarchischen Baumstruktur geht.
Reverse Card-Sorting ist im Kern ein Mini-Usabilty Test, der sich nur auf die Informationsarchitektur bezieht. Genau wie im Usability-Test bekommen die Probanden Aufgaben, die sie lösen sollen. Diese Aufgaben drehen sich immer um das Auffinden einer bestimmten Information. Die Probanden suchen anhand der reinen, hierarchischen Informationsarchitektur danach (siehe Abb. 1). Das Reverse Card Sorting abstrahiert somit von allen weiteren Einflüssen wie dem Navigationsdesign, Direkteinstiegen auf tieferen Ebenen und Suchfunktionen.

 

Abb. 1: Ein Reverse Card Sorting mit TreeJack aus Probandensicht

Abb. 1: Ein Reverse Card Sorting mit TreeJack aus Probandensicht

In ihrer ursprünglichen Form wurde die Methode face-to-face mit einem Moderator und unter Verwendung von Indexkarten durchgeführt. Inzwischen gibt es jedoch eine Vielzahl an Software-Tools, die remote und ohne Moderator funktionieren. Ein Beispiel ist TreeJack (von den Machern des Card Sorting Tools OptimalSort), dessen Demo aus Probandensicht einen guten ersten Eindruck der Methode bietet.

Warum Sie ein Reverse Card Sorting durchführen sollten

Das frühzeitige Testen der entwickelten Informationsarchitektur hat viele Vorteile:

  • Resultierende Änderungen können vorgenommen werden, bevor darauf aufbauende Layouts und Navigationssysteme designt wurden. Sie können so viel Aufwand vermeiden.
  • In späteren Tests aufgetretene Probleme mit der Navigation können besser isoliert werden, da die Informationsarchitektur bereits verifiziert wurde. Sie können sich also mit Anpassungen auf die Gestaltung der Navigation konzentrieren und vermeiden Fehleinschätzungen und unnötige Änderungen.
  • Ein Reverse Card Sorting erlaubt die Erhebung eindeutiger Kennzahlen, die gut verglichen werden können. Den Erfolg der neuen Informationsarchitektur gegenüber einer alten oder gegenüber weiteren Varianten können Sie auf diese Weise klar belegen.
  • Im Allgemeinen ist ein Reverse Card Sorting mit relativ geringem Aufwand verbunden, wenn es mit Hilfe von Online-Tools durchgeführt wird. So gelangen Sie günstig an wichtige Erkenntnisse, die Sie sonst erst später durch aufwändigere Methoden erhalten hätten.

Und warum macht man nicht einfach ein geschlossenes Card Sorting? Es ist noch einfacher durchzuführen, weitläufig bekannt und wird häufig zur Evaluation einer Informationsarchitektur empfohlen. Aber es gibt einige entscheidende Nachteile:

  • Die Validität eines geschlossenen Card Sortings ist fragwürdig, denn das Sortieren von Informationen ist ein ganz anderer kognitiver Prozess als das Suchen. Reverse Card Sorting dagegen stellt den Probanden Aufgaben, die ihrer eigentlichen Herangehensweise besser entsprichen.
  • Das Einsortieren von Begriffen ist für die meisten Probanden ungewöhnlich, so dass die Methodik ihnen schwer vermittelbar ist. Das Lösen von Suchaufgaben beim Reverse Card Sorting dagegen ist für jeden einfach zu verstehen.
  • Ein geschlossenes Card Sorting ist immer auf zwei Hierarchieebenen begrenzt. Dies entspricht nur in den seltensten Fällen der Realität, denn häufiger geht es um 3 und mehr Ebenen. Mit einem Reverse Card Sorting lassen sich diese problemlos abdecken.

Was Sie beim Reverse Card Sorting beachten müssen

Der kritischste Faktor beim Reverse Card Sorting sind die Aufgaben, die Sie ihren Probanden stellen. Denn besonders beim unmoderierten Reverse Card Sorting haben Sie nur einen Versuch – Nachfragen der Probanden und weitere Erklärungen sind nicht möglich. Nur wenn Sie die richtigen Aufgaben wählen und diese gut formulieren, erreichen Sie eine hohe Validität und Aussagekraft der Ergebnisse. Genau wie bei einem normalen Usability-Test ist dies eine Fähigkeit, die sehr viel mit Erfahrung zu tun hat. Nach Jahren von Nutzerstudien kann man gut einschätzen, was funktioniert und was zu Problemen beim Test führen wird. Trotzdem möchte ich Ihnen einige Grundregeln für Reverse Card Sortings an die Hand geben:

  • Insgesamt sollten pro Proband nur etwa 10-15 Aufgaben gestellt werden, da Reihenfolgeeffekte einen hohen Einfluss haben. Da Sie wahrscheinlich mehr Aufgaben stellen möchten, teilen Sie die Probanden in unterschiedliche Gruppen ein, die jeweils andere Aufgaben bekommen.
  • Die für die Aufgaben zu suchenden Informationen sollten in möglichst unterschiedlichen Ecken der Informationsarchitektur zu finden sein. So sehen die Probanden nicht immer wieder dieselben Begriffe, was die Reihenfolgeeffekte abmindert.
  • Stellen Sie die Aufgaben zudem in zufälliger Reihenfolge, um Reihenfolgeeffekte möglichst zu neutralisieren.
  • Fokussieren Sie sich auf die Bereiche der Informationsarchitektur, die sich in vorangegangenen Card Sortings und Ihren eigenen Diskussionen bei der Entwicklung als problematisch herausgestellt haben. Häufig sind dies besonders die Informationen, die nicht klar einem Unternehmensbereich zugeordnet werden können.
  • Die Aufgaben sollten sich immer auf einen tatsächlichen Bedarf der Nutzer beziehen. Fragen Sie nicht nach Informationen, die eh niemand sucht.
  • Die Aufgabenstellungen sollten kurz und knackig sein. Es ist kein ausgefeiltes, übergreifendes Szenario wie im Usability-Test nötig.
  • Verwenden Sie auf keinen Fall in der Aufgabenstellung die Begriffe aus Ihrer Informationsarchitektur, sondern umschreiben Sie diese. Sehr hilfreich können dafür die Daten eines vorangegangenen offenen Card Sortings oder aus anderem User Research sein.
  • Wenn Sie schon Hypothesen zu potenziell problematischen Begriffen haben, gehen Sie speziell darauf ein. Stellen Sie Aufgaben, die durch Ihre Formulierung genau diesen Aspekt der Informationsarchitektur beleuchten.

Spannend ist auch die Frage, ob ein Reverse Card Sorting auf Indexkarten mit einem Moderator durchgeführt werden sollte oder remote und unmoderiert mit Hilfe eines Online-Tools. Ähnlich wie bei offenen Card Sortings haben beide Methoden Vorteile: Ein Moderator kann Nachfragen stellen und somit ein besseres Verständnis gewinnen, warum bestimmte Probleme bestehen. Toolbasiert dagegen kann eine wesentlich höhere Stichprobe gewählt werden, so dass statistische Auswertungen möglich sind.

Da Reverse Card Sorting ein evaluierender Ansatz ist, sollte in den meisten Fällen die unmoderierte Variante bevorzugt werden. Nur so lassen sich belastbare Daten gewinnen. Vor allem wenn im Vorfeld bereits User Research durchgeführt wurde lassen sich die Ursachen für Probleme meist auch so erkennen. Bestenfalls führen Sie im Nachgang noch einige moderierte Sessions durch, die sich dann auf die problematischen Aufgaben konzentrieren können. So nutzen Sie die Vorteile beider Varianten.

Wie Sie ein Reverse Card Sorting auswerten

Bei der Auswertung eines Reverse Card Sortings ergeben sich drei wichtige Metriken:

  • Erfolgsquote: Der Anteil derer, die die gesuchte Information gefunden haben. Dies ist die zentrale Kennzahl für die Güte der Informationsarchitektur.
  • Direktheit: Der Anteil derer, die während der Suche keine Rückschritte vorgenommen haben. Die Direktheit gibt Aufschluss darüber, wie sicher die Probanden bei ihrer Wahl waren.
  • Zeit: Die für jede Aufgabe aufgewendete Zeit. Auch die Zeit kann ein Maß für die Unsicherheit der Probanden sein, sollte aber nur bei auffällig hohen Werten betrachtet werden.

Anhand dieser Kennzahlen lässt sich für jede Aufgabe eine erste Einschätzung vornehmen (siehe Abb. 2). Aufgaben mit Erfolgsquoten über 80 % stellen generell kein Problem dar. Bei niedrigeren Werten und auch bei einer auffällig geringen Direktheit sollte die Aufgabe im Detail betrachtet werden.

 

Abb. 2: Die Kennzahlen einer Aufgabe im Überblick bei TreeJack

Abb. 2: Die Kennzahlen einer Aufgabe im Überblick bei TreeJack

Insbesondere sollte betrachtet werden, welche Seiten fälschlicherweise als Zielseiten gewählt wurden und an welchen Punkten in der Informationsarchitektur der falsche Weg gewählt wurde. An diesen Stellen sollten Sie ansetzen. Hinterfragen Sie, ob die Strukturierung und die Benennung der Seiten hier wirklich dem mentalen Modell der Nutzer entsprechen. Wichtig: Denken Sie daran, dass analoge Probleme häufig auch auf andere Bereiche zutreffen, die Sie vielleicht gar nicht getestet haben. Überlegen Sie, ob sich die gewonnen Erkenntnisse darauf übertragen lassen.

 

Abb. 3: Visualisierte Navigationspfade in der Pietree-Auswertung von TreeJack

Abb. 3: Visualisierte Navigationspfade in der Pietree-Auswertung von TreeJack

Eine interessante Auswertungsmöglichkeit bietet das Tool TreeJack mit den so genannten Pietree-Diagrammen (siehe Abb. 2). Diese Visualisierung der Navigationspfade gibt einen guten Überblick und erlaubt gleichzeitig eine sehr detaillierte Betrachtung. In der Online-Demo können Sie sich es einmal selber anschauen.

Fazit: Frühzeitiges Testen der Informationsarchitektur verhindert spätere Probleme mit der Navigation

Reverse Card Sorting ist eine leider noch nicht so weit verbreitete Methode zur Evaluation von Informationsarchitekturen, die aber großes Potential hat. Gerade toolgestützt lassen sich mit geringem Aufwand Studien durchführen, die belastbare Daten liefern. So können Sie Probleme frühzeitig identifizieren und vermeiden, dass diese erst später im Entwicklungsprozess zu Tage treten. Beachten Sie aber, dass die Erstellung eines Studienkonzeptes mit Aufgaben für die Probanden etwas Erfahrung voraussetzt, um ungewünschte Nebeneffekte zu vermeiden.

Weiterführende Literatur und Links:

Ein Gedanke zu „Navigationsprobleme im Ansatz vermeiden durch Reverse Card Sorting

  1. Pingback: Navigationsprobleme verstehen durch eine Kombination von IA- und UI-fokussierten Testmethoden - Usabilityblog.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *