User Centered Design am Beispiel jena.de – Methoden richtig kombinieren

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Wenn Sie einen Re-Launch oder ein Re-Design Ihrer Website oder Anwendung planen, sollten Sie bereits von Beginn an Ihre Nutzer einbeziehen. Nur so erzielen Sie am Ende ein Ergebnis, mit dem nicht nur Sie, sondern auch die Nutzer Ihrer Seite zufrieden sind. Aber worauf kommt es dabei an? Welche Methoden können bei einem solchen Prozess zur Anwendung kommen oder wie kombiniert man diese richtig? In diesem Beitrag möchte ich anhand eines Fallbeispiels exemplarisch erläutern, wie Sie einen Re-Design im Sinne des User Centered Design angehen können.

Zu Beginn – einige Begrifflichkeiten:

Bevor ich ins Detail gehe, möchte ich zunächst noch einmal einige Begrifflichkeiten erläutern. Der User Centered Design Prozess wird klassischerweise in folgende 4 Phasen unterteilt: (Anforderungs-)Analyse, Konzeption, Design und Implementierung. In allen Phasen spielt zudem auch das Thema „Evaluation“ eine zentrale Rolle – im Grunde, geht es also darum, sich iterativ einer der optimalen Lösung für Ihre Nutzer anzunähern und immer wieder zu prüfen, ob z. B. Konzepte auch wirklich den Anforderungen und Erwartungen der Nutzer entsprechen und ob diese gut gehandhabt werden können. Diese Evaluation kann nun sowohl qualitativ (also z. B. über Usability-Tests) aber auch quantitativ (z. B. über Onsite-Befragungen) erfolgen.

Im gesamten User Centered Design Prozess kommen aber nicht nur nutzerzentrierte Verfahren zum Einsatz – auch die Einbeziehung von Experten z. B. innerhalb der Voranalyse oder in der Konzeption spielt eine zentrale Rolle.

Alles in einem können Sie sozusagen aus einem „bunten Strauß“ von verschiedener Methoden wählen: Quantitative, qualitative, nutzerbasierte und expertenbasierte.

Aber wie kombiniert man diese einzelnen Verfahren im User Centered Design Prozess richtig? Ein Fallbeispiel:

Vor einiger Zeit haben wir das Re-Design der Website jena.de durchgeführt. Das Städteportal sollte grundlegend überarbeitet und an die Bedürfnisse der Nutzer angepasst werden. Auch hier galt es, alle Phasen des User Centered Design Prozesses zu durchlaufen.

In der Anforderungsanalyse ging es zunächst einmal darum, den aktuellen Status Quo zu bewerten und daraus Implikationen und Schwerpunkte für die weiteren Schritte abzuleiten. Den Anfang machte dementsprechend eine expertenbasierte Analyse inklusive eines Benchmarks auf anderen Städteportalen. Hieraus ergaben sich

  • Stärken und Schwächen der aktuellen Website aus Expertensicht
  • Good Practices vergleichbarer Portale.

Besonders in der Anforderungsanalyse ist aber auch die Einbeziehung der Nutzer zentral – den im Kern sollte ein Re-Design-Prozess immer auf den Anforderungen der tatsächlichen Nutzer aufbauen (denn wir wollen ja User Centered Design betreiben :-)). Um hier eine möglichst valide und breite Basis zu schaffen, setzen wir auf ein quantitatives Verfahren in Form einer Onsite-Befragung auf der aktuellen Website. Hier konnten wir unter anderem identifizieren:

  • mit welchen Intentionen die Nutzer die Seite besuchen und wie die Nutzerstruktur beschaffen ist
  • und wie zufrieden die Nutzer derzeit mit wichtigen Usability-Aspekten wie der Auffindbarkeit von Informationen und der Übersichtlichkeit der Website sind.

Bereits in der ersten Phase wurden also sowohl experten- als auch nutzerbasierte Verfahren miteinander kombiniert und es kamen sowohl qualitative als auch quantitative Verfahren zum Einsatz. Gerüstet mit Informationen über die Zielgruppe, deren Anforderungen sowie dem Wissen über die zentralen Schwachpunkte der aktuellen Website, konnte es in die nächste Phase gehen.

In der Konzeptionsphase ging es nun zunächst daran, die Informationsarchitektur zu optimieren. Diese war bereits in der Onsite-Befragung als einer der Schwachpunkte ermittelt wurden – viele Nutzer waren nicht mit der Auffindbarkeit von Informationen zufrieden. Auch in dieser Phase machte das Expertenteam wieder den Anfang und erarbeitete mittels Card Sorting eine neue Informationsarchitektur.

Nach dieser Vorarbeit durch die Experten wurde die neue Struktur im Anschluss noch einmal quantitativ mit Nutzern getestet – so wurden die Nutzer gebeten, anzugeben, in welchen Kategorien sie z. B. bestimmte Informationen vermuten würden. Hier zeigte sich einmal mehr, wie wichtig die Einbeziehung der Nutzer in allen Phasen des Prozesses ist: Tatsächlich gab es einzelne Themen, die von vielen Nutzern in anderen Kategorien vermutet wurden als dort, wo sie vorab von den Experten eingeordnet wurden. Auf Basis der Daten konnte die neue Struktur dann im Anschluss noch einmal final angepasst werden.

 

Wireframe

Nachdem die Struktur der Seite stand, konnte es an die Erstellung der Wireframes für die neue Website gehen. Gestartet wurde mit ersten Scribbles, die wir im Anschluss schematische Wireframes für einzelne Seitentypen überführten. Nach der Abnahme durch den Kunden erstellten wir aus den finalen Wireframes einen klickbaren Prototypen.

 

Nun waren wieder die Nutzer dran: In einem Usability-Test überprüften wir die Handhabung der neuen Website. Wie kommen die Nutzer mit der Seite zurecht? Wie wird die Darstellung der Informationen bewertet und die Handhabung der Seite bewertet? Auch hier konnten noch einmal wertvolle Erkenntnisse für die Optimierung von Funktionen und Interaktionen abgeleitet werden, die wir im Anschluss in den Prototypen einarbeiten konnten.

 

jena.de Neu

Nun konnte es an das finale Design und die Umsetzung gehen. In dieser Phase erstellten wir einen Spezifikation und einen Styleguide für die neue Seite – auf diese Weise wird sichergestellt, dass auch künftige Anpassungen und Erweiterungen an der Seite (z. B. bei der Integration neuer Funktionen) konsistent mit der bestehenden Seite sind.

 

Natürlich durfte zum Abschluss auch eine Erfolgskontrolle nicht fehlen. Nach einigen Monaten (nach dem Nutzer sich an die neue Seite gewöhnt hatten) führten wir erneut die identische Onsite-Befraung auf der Website durch, die wir schon in der Anforderungsanalyse durchgeführt hatten. Auf diese Weise schließt sich der Kreis – und zwar mit sehr erfreulichem Ergebnis. Die Nutzer sind mit der neuen Website deutlich zufriedener als mit der „alten“ Seite. So wurde z. B. auf die Auffindbarkeit von Informationen um 83 % verbessert – ein tolles Ergebnis!

Hier geht’s zur Fallstudie!

Soweit ein exemplarischer Einblick in den User Centered Design Prozess. Natürlich muss das Vorgehen in einem solchen Prozess immer entsprechend an die Gegebenheiten angepasst werden (z. B. Art der Anwendung, Zielgruppe, aber auch Budget und zeitliche Ressourcen). Einige „allgemeingültige“ Aussagen gelten aber grundsätzlich.

User Centered Design Prozess – Darauf kommt es an!

  • Experten- und nutzerbasierte Verfahren in jeder Phase kombinieren: Wie das Beispiel zeigt, bringt diese Kombination hohen Mehrwert. So können Experten auf Basis Ihres Wissens die Vorarbeit leisten (z. B. in Form neuer Informationsarchitekturen, Wireframes etc.), die dann aber unter Berücksichtigung der Nutzer noch einmal evaluiert und angepasst werden. Natürlich können Sie aber auch Nutzer aktiv einbeziehen und mit z. B. im Rahmen einer Fokusgruppe Ideen für eine neue Seite entwickeln (im Sinne des Participatory Design).
  • Quantitative und qualitative Verfahren sinnvoll einsetzen: Besonders in frühen Phasen des User Centered Design Prozeses (in der Anforderungsanalyse und bei der Erstellung der Informationsarchitektur) sollten Sie auf quantitative und nutzerbasierte Verfahren setzen. So können Sie alle weiteren Design-Entscheidungen ab der Konzeptionsphase auf „breite Füße“ stellen – da sie genaue Kenntnis über Ihre Zielgruppe, deren Bedürfnisse und dementsprechend über wichtige Schwerpunkte der (Neu-)Konzeption erhalten. In späteren Phasen können und sollten dann vermehrt qualitative Verfahren zum Einsatz kommen – da sie das „Gerüst“ der Seite auf valide Erkenntnisse gestellt haben geht es nun darum, dieses durch qualitatives Nutzerfeedback noch zu verfeinern und im Detail zu optimieren.
  • Immer dran bleiben! User Centered Design ist ein Prozess – mit anderen Worten: Man ist damit nie fertig. Vielmehr gilt es, auch im Betrieb kontinuierlich (z. B. einmal pro Jahr) zu prüfen, ob eine Anwendung noch den Anforderungen der Zielgruppe entspricht, um rechtzeitig Anpassungen vornehmen zu können. Ein solch regelmäßiges Vorgehen ist auf lange Sicht auch rentabler – denn so können Sie regelmäßig an den „kleinen Schrauben“ drehen und bleiben vor allem auch in Kontakt mit Ihren Nutzern.

3 Gedanken zu „User Centered Design am Beispiel jena.de – Methoden richtig kombinieren

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