Really Rapid Prototyping – Erfolgsfaktoren für 4 Iterationen in 2 Tagen

Intro

Rapid Prototyping ist eine sehr effiziente Methode, um User Research mit der Konzeption zu verzahnen. Durch das iterative Vorgehen mit abwechsenden Tests eines Klickdummies und dem Durchführen von Anpassungen kann das Design innerhalb kürzester Zeit Schritt für Schritt optimiert werden. Im Normalfall erstreckt sich solch ein Projekt über eine Reihe von Tagen, da sowohl für die Tests als auch für die Anpassungen je mindestens ein Tag eingeplant wird. Aber es geht auch schneller – mein Rekord in einem kürzlich durchgeführten Projekt liegt bei 4 Schleifen innerhalb von 2 Tagen. Damit das funktioniert bedarf es allerdings einiger Voraussetzungen: Dem richtigen Timing im Projekt, dem richtigen Team von Kunden- und Agenturseite, dem richtigen Prototyp und der richtigen Iterationensfrequenz.

Das richtige Timing im Projekt

Prinzipiell kann Rapid Prototyping in jeder Projektphase eingesetzt werden, von sehr früh bis später im Prozess. Um sehr schnelle Iterationsschleifen durchzuführen sollte das Gesamtkonzept allerdings bereits auf recht sicheren Füßen stehen. Denn ein kompletter Richtungswechsel erfordert mehr Zeit zwischen den einzelnen Testphasen, sowohl um das neue Konzept zu entwickeln als auch um die weitreichenden Änderungen am Prototyp vorzunehmen.

Durch vorangegangenen User Research, etwa Nutzerbeobachtungen und dem Testen verschiedener Designalternativen, sollte also bereits klar sein, dass die Marschrichtung stimmt und nicht völlig an den Nutzern vorbei entwickelt wurde. Um es mit Bill Buxton zu sagen – „getting the right design“ sollte vorher stattfinden. Beim sehr schnellen Iterieren eines Prototyps geht es im Gegensatz dazu um „getting the design right“ – das Optimieren des richtigen Ansatzes.

Das richtige Team von Kundenseite

Mehrere Iterationen an einem Tag können nur funktionieren, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen, denn für endlose und nicht zielführende Diskussionen ist keine Zeit. Das geht leider nicht mit allen Kunden, aber wenn, dann ist es effizient und macht Spaß. Entscheidend ist aus meiner Sicht dafür,

  • dass alle relevanten Kundenvertreter die gesamte Zeit vor Ort sind,
  • dass sie Usability-Tests bereits kennen und wissen, wie man mit den Ergebnissen umgeht,
  • dass sie Vertrauen in die Kompetenz und die Empfehlungen der UX Agentur haben,
  • dass sie befugt sind, Entscheidungen zu treffen,
  • dass sie den Mut und den Willen haben, diese Entscheidungen tatsächlich zu treffen,
  • und dass sie diese Entscheidungen auch schnell treffen können.

Das richtige Team von Agenturseite

Das wichtigste für die Mitarbeiter der UX Agentur ist, dass sie flexibel sind. Zu Beginn ist nicht abzusehen, wohin die Reise geht. Nicht nur der Prototyp muss wieder und wieder angepasst werden, sondern häufig auch das Studienkonzept. Nur so können Bereiche genauer beleuchtet werden, die sich im Verlauf der Tests als problematisch herausgestellt haben. Das perfekte Team besteht meiner Meinung nach aus 2 Leuten:

  • Ein erfahrener Interviewer/UX Researcher, der die Usability-Tests moderiert und die Ergebnisse richtig interpretiert.
  • Ein Konzepter/UX Designer, der Lösungen für die identifizierten Probleme findet und den Klickdummy anpasst.

Der richtige Prototyp

Egal ob mit Papier oder Axure umgesetzt, auch beim Prototypen ist Flexibilität das wichtigste. Da nur wenig Zeit für Anpassungen zwischen den einzelnen Schleifen bleibt, muss der Prototyp von Anfang an darauf ausgelegt werden. Während für eine schnelle Visualisierung eines Konzeptes oder einen einmaligen Test auch mal „quick and dirty“ reicht, ist dies beim Rapid Prototyping zum Scheitern verurteilt. Dies ist natürlich mehr Aufwand, der sich aber lohnt.

Generell ist es wichtig, den Prototypen nicht zu sehr auf das initiale Konzept auszulegen, sondern die Anpassbarkeit immer im Blick zu haben. Dafür ist es von Vorteil, mögliche Probleme zu antizipieren und besonders in diesen Bereichen Wert auf Flexibilität zu legen. Bei einem Prototypen mit Axure sind besonders folgende Strategien empfehlenswert:

  • Verwenden Sie so häufig wie möglich Master, um wiederkehrende Elemente zentral zu definieren. So kann vermieden werden, dass eine Änderung mehrmals vorgenommen werden muss.
  • Auch wiederkehrende Interaktionsprinzipien können zentral definiert und angepasst werden, wie ich es in meinem Blogbeitrag zu Funktionen in Axure erkläre.
  • Eine durchgängige und aussagekräftige Benennung aller Elemente ist essentiell. Erfahrene Axure-Nutzer sollten bereits einer gewissen Konvention folgen, wie alle Elemente benannt werden. So entsteht keine Verwirrung während der kurzen Anpassungsphase und man kann optimal arbeiten.

Die richtige Iterationsfrequenz

Wie viele Iterationen in welcher Zeitspanne genau durchgeführt werden hängt selbstverständlich stark vom Testgegenstand ab. Ist dieser komplexer erhöht sich auch die nötige Anpassungszeit. Generell gilt aber: Je schneller desto besser. Es ist wesentlich effizienter, weniger Tests und weniger Anpassungen pro Schleife, dafür aber mehr Schleifen durchzuführen. Mehr als einen Tag pro Schleife würde ich nur in Ausnahmefällen empfehlen, da dies dem Ganzen den Schwung nimmt. Wenn die Schleifen kurz sind und immer etwas passiert bleiben alle Beteiligten am Ball.

In dem erwähnten Projekt führten wir an 2 Tagen jeweils 2 Schleifen durch – vormittags 3 Probanden, Anpassung des Prototypen über Mittag, nachmittags 3 Probanden und erneute Anpassung am Abend und Morgen des nächsten Tages. Diese Taktung stellte sich als sehr effizient heraus. Drei Probanden reichten, um die wichtigsten Probleme zu identifizieren. In der kurzen Anpassungszeit wurden dann auch immer nur einige Probleme angegangen, die mit der höchsten Priorität zuerst. Bereits nach dem ersten Tag hatte der Prototyp einen guten Stand erreicht und wir konnten uns im Folgenden auch den mittelschweren und kleineren Problemen widmen.

Bei einfachen Zielgruppen wäre auch eine spontane Rekrutierung und somit eine flexible Dauer pro Schleife denkbar. Dies würde es möglich machen, je nach Bedarf mehr oder weniger Zeit für die Anpassung des Prototyps zu verwenden. Gleichzeitig erfordert dies aber eine hohe Disziplin: Die Verlockung, immer noch mehr zu ändern ist groß, wenn kein Zeitdruck besteht, obwohl dies nicht effizient ist. Fixe Termine mit Probanden zwingen das Team stattdessen, fokussiert zu arbeiten, zu priorisieren und tatsächlich viele Iterationen durchzuführen.

Fazit: Mit dem richtigen Setup funktioniert auch Really Rapid Prototyping

Rapid Prototyping mit extrem schnellen Iterationen kann tolle Ergebnisse erzielen. Was sonst viele Wochen brauchen würde kann in wenigen Tagen erreicht werde. Damit das auch wirklich klappt, sollten aber folgende Bedingungen gegeben sein:

  • Das Grundkonzept sollte bereits stimmen und jetzt noch optimiert werden
  • Es müssen die richtigen Leute vor Ort sein, vom Kunden und von der UX Agentur
  • Der Prototyp muss auf große Flexibilität ausgelegt sein
  • Die Iterationsfrequenz sollte so hoch wie möglich angesetzt werden

Was sind ihre Erfahrungen mit Rapid Prototyping? Worauf kommt es an, um solch ein Projekt zum Erfolg zu führen? Ich freue mich über Ihre Kommentare.

 

Verwendetes Bild: Drive So Fast cc licensed (BY) flickr photo by Just A Prairie Boy: http://www.flickr.com/photos/justaprairieboy/4565153930/

3 Gedanken zu „Really Rapid Prototyping – Erfolgsfaktoren für 4 Iterationen in 2 Tagen

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