Einfluss kultureller und länderspezifischer Aspekte auf die Interface-Gestaltung am Beispiel von Icons

Geste Icon-Gestaltung

In meinem vorangegangenen Artikel „Nutzen Sie ‚Kulturdimensionen‘ zur erfolgreichen Internationalisierung und Lokalisation“ habe ich Ihnen die Kulturdimensionen nach Hofstede sowie deren Einsatzmöglichkeiten im Allgemeinen erläutert.
Nun möchte ich mit Ihnen die Themen Internationalisierung und Lokalisierung am Beispiel von Icon-Gestaltung vertiefen und Ihnen eine Checkliste für die erfolgreiche Gestaltung internationaler Icons an die Hand geben.

Internationalisation vs. Lokalisation

Tatsache ist, dass es bei jeder Software kulturabhängige und kulturunabhängige Komponenten gibt. Die unabhängigen Komponenten (generic core) beinhalten den Teil der Anwendung, der frei von kultursensiblen Elementen ist.

Dies reicht aber nicht aus, um allen Nutzern gerecht zu werden. Eine komplett „internationale Anwendung“ (ganz gleich ob Website oder Software) lässt sich nur schwer schaffen.

Bei der Lokalisation werden einzelne Bestandteile der Anwendung an einzelne Länder oder Kulturen angepasst. Diese Elemente können dann länderspezifisch ausgetauscht werden.

Lokale Anpassung – für welche Interface-Elemente?

Auf jeden Fall:

  • Datum, Uhrzeit
  • Währung, Zahlen & Maßeinheiten
  • Adress-Formate
  • Leserichtung

Eventuell:

  • Grafiken/Icons
  • Farben
  • Listen (Sortierung)
  • Eingabefelder (Anzahl, Ausrichtung)

Erst internationalisieren, dann lokalisieren!

Alle Interface-Komponenten sollten möglichst global/international verständlich und anwendbar sein. Bereits bei der Erstellung ist darauf zu achten, dass diese sich möglichst gut lokal anpassen lassen. D. h. u. a.

  • Übersetzungen: kein Text auf Icons, genug Platz lassen, nicht die kleinste Schriftart wählen (damit diese in „längeren“ Sprachen wie z. B. Französisch noch verkleinert werden kann), Felder mit Text groß genug machen, etc.
  • Grafiken: bearbeitbare Vektorgrafiken wählen, Schriften und Elemente in verschiedenen Layern platzieren etc.

Checkliste: Does & Donts bei der Gestaltung internationaler Icons

Auch die Auswahl von Icons, Bildern, Grafiken für internationale Anwendungen sollte nach dem Prinzip „erst internationalisieren, dann lokalisieren“ erfolgen. Dies zeigt sich stets in den internationalen Projekten, die wir für unsere Kunden realisieren (siehe eResult International Services).

  • Icons spiegeln Konzepte wider, die global geläufig sind und somit überall gleich interpretiert werden (z. B. Konzepte aus der Mathematik, Wissenschaft, internationalem Sport, TV, Filmen, Technik).
  • Icons sind „wertfrei“ – sie beinhalten keine Anspielungen auf bestimmte Nationen oder Religionen.
  • Icons transportieren die „tatsächliche“ und nicht die symbolische Bedeutung dessen, wofür sie stehen.
  • Formen sind abstrakt gezeichnet und allgemein genug, um überall verstanden zu werden. (Immer am „kleinsten gemeinsamen Nenner“ orientieren.)

 

Abstrakt Icon-Gestaltung

  • Sie sind sind neutral gehalten und nicht zu „niedlich“.
  • Abgebildete Personen auf Grafiken oder Bildern sind „neutral“ angezogen (kein Rückschluss auf soziale Herkunft, Beruf, Rasse, Alter etc.). Sie zeigen auch nicht zu viel nackte Haut.

 

Job Icon-Gestaltung

  • Personen werden nur dann als detaillierte Zeichnung oder Bild gezeigt, wenn es unbedingt nötig ist; ansonsten eher Icons oder abstrakte Grafiken.
  • Aktivitäten werden nicht mit einem bestimmten Alter oder Geschlecht in Verbindung gebracht.
  • Es wird auf „unwichtige“ Details verzichtet; wie z. B.
    • abstrakte Abbildung eines Netzsteckers
    • keine Details bei der Kleidung, die auf bestimmte Kultur schließen lassen
    • keine Beschriftungen auf Abbildungen (z. B. Tastatur abbilden ohne Buchstaben)
  • Die Darstellung von Diagrammen und Co. ist unabhängig von der Leserichtung (keine vertikalen Balkendiagramme, sondern horizontale).
  • Wo es nötig ist, wird die Leserichtung über Pfeile verdeutlicht.
  • Es werden keine Icons verwendet, die Wortwitz oder Analogien beinhalten (z. B. eine „Maus“ analog zur Computermaus; ein „Käfer“ für einen Fehler (Bug)).
  • Es werden keine „mystischen“ oder religiösen Symbole verwendet („Sensenmann“, Kreuz etc.).
  • Es werden keine Totems (Tiere mit bestimmter Bedeutung) verwendet, da diese Bedeutung sehr unterschiedlich sein kann von Land zu Land.

 

Von links nach rechts: Nicht in jeder Kultur wird der Computer mit der „Maus“ gesteuert. Hunde sind für uns treue Gefährten; in anderen Kulturen gelten sie als „unrein“ oder als „Nahrung“. Die Eule steht bei uns für Weisheit und Intelligenz; in China für Brutalität und Dummheit. Das „Sparschwein“ ist bei uns ein geläufiges Bild; im Judentum gelten Schweine aber als unrein.

Von links nach rechts: Nicht in jeder Kultur wird der Computer mit der „Maus“ gesteuert. Hunde sind für uns treue Gefährten; in anderen Kulturen gelten sie als „unrein“ oder als „Nahrung“. Die Eule steht bei uns für Weisheit und Intelligenz; in China für Brutalität und Dummheit. Das „Sparschwein“ ist bei uns ein geläufiges Bild; im Judentum gelten Schweine aber als unrein.

  • Es werden keine nationalen Embleme verwendet (z. B. Flaggen).
  • Es werden keine Handgesten gezeigt oder Körpersprache (beides wird je nach Kultur sehr unterschiedlich interpretiert; jede Handgeste ist irgendwo auf der Welt eine Beleidigung).
  • Es werden auch keine Körperteile gezeigt (z. B. Auge, Füße), da diese z. T. auch als „unrein“ gelten.

 

In Südamerika kommt das mittlere Handzeichen beispielsweise gar nicht gut an.

In Südamerika kommt das mittlere Handzeichen beispielsweise gar nicht gut an.

  • Für die Darstellungen von Handlungen wird immer die rechte Hand verwendet (die linke Hand gilt z. B. im arabischen Raum als unrein).
  • Es werden keine Abkürzungen verwendet (z. B. RIP).
  • Es werden keine Sonderzeichen verwendet (?, !, #); diese gibt es nicht in jeder Kultur bzw. haben diese dort ggf. eine andere Bedeutung.
  • Blau und Grün sind grundsätzlich die Farben, die über alle Kulturen am einheitlichsten (im positiven Sinn) wahrgenommen und akzeptiert werden.
    Schwarz steht für Tod oder Schlechtes in ganz Europa. In China wird hingegen Weiß mit Trauer & Tod verbunden. Rot steht in einigen Kulturen für Blut und wird generell für Hinweise auf Gefahren verwendet. In anderen Kulturen wird es noch immer mit dem Kommunismus in Verbindung gebracht. Mehr zum Thema Farben und deren Bedeutung rund um den Globus finden Sie hier: Farbanmutungen nach Nationen, kulturspezifische Farbbedeutungen

Was kann eResult für Sie tun?

Gerne unterstützen wir Sie bei der erfolgreichen, zielgruppen- und länderspezifischen Internationalisierung Ihrer Anwendung.
Wir haben Projekterfahrungen in 30 Ländern auf allen 5 Kontinenten sowie ein Netzwerk mit über 50 qualitätsgeprüften Instituten und Studios weltweit vorzuweisen. Mehr Informationen erhalten Sie hier: eResult International Services

Was kommt als nächstes? (Artikelvorschau)

In meinem nächsten Artikel erläutere ich unsere konkrete Vorgehensweise bei der Checkout-Optimierung eines großen, international agierenden B2C-Online-Shops. Somit entfernen wir uns immer mehr von der Theorie und gehen in die Anwendung/Praxis über.

3 Gedanken zu „Einfluss kultureller und länderspezifischer Aspekte auf die Interface-Gestaltung am Beispiel von Icons

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