Mobility 2.0 – Eine private User Journey durch die Carsharing-Branche

In vielen Großstädten ist die Idee des Carsharing nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken und wird für immer mehr Privatpersonen fester Bestandteil der eigenen Mobilität.

Ich gehöre seit einigen Jahren auch zu dieser Nutzergruppe, die ohne eigenes Fahrzeug die Vorzüge eines Automobils genießen will. Meine langjährigen Erfahrungen möchte ich Euch nun etwas näherbringen.

Eine Branche wächst zweistellig

Obwohl Carsharing bereits seit Ende der 80er Jahre in Deutschland existiert, hat der Markt in den letzten Jahren deutlich an Dynamik gewonnen. Laut Bundesverband CarSharing (bcs1) waren Anfang 2014 über 750.000 Nutzer registriert, was einer Steigerung von 76 % zum Vorjahr bedeutet.

Dieses Wachstum wird getrieben von den beiden großen Anbietern des Free-Floating Carsharing Car2Go und DriveNow, hinter denen die Automobilhersteller Mercedes Benz und BMW stehen. Charakteristisch für diese Variante ist das zeitlich und örtlich flexible Mieten und Abstellen der Fahrzeuge innerhalb eines festen Geschäftsgebietes.

Im Gegensatz dazu werden beim stationsbasierten Carsharing die Fahrzeuge für feste Zeitfenster an festen Stationen gebucht und auch dort wieder zurückgebracht. Zu den größten Anbietern gehören Flinkster, Stadtmobil sowie Cambio.

Die Qual der Wahl

Deutschland ist international zum zweitgrößten Markt nach den USA gewachsen und der Nutzer kann aus über 145 stationsbasierten Anbietern in 343 Städten sowie 3 Free-Floating-Anbietern in 8 Städten das passende Angebot auswählen.

Im Netz existieren zwar einige Vergleichsseiten, doch diese Rankings konzentrieren sich auf Preis- und Tarifvergleiche und beziehen kaum Aspekte wie Usability oder langfristige Nutzungserfahrungen ein, um sich über Vor- und Nachteile ein Bild zu machen.

Dies möchte ich im Folgenden durch meine persönlichen Erfahrungen der Anbieter Car2Go und DriveNow (Free-Floating) sowie Cambio und Citeecar (Stationsbasiert) in Hamburg näherbringen.

Aller Anfang ist offline

Die Registrierung ist bei allen vier Anbietern ohne große Probleme auf den jeweiligen Webseiten durchführbar. Alle haben jedoch gemeinsam, dass zu Beginn nicht informiert wird, welche Daten und für welchen Zweck diese genau benötigt werden. Während DriveNow nur Kreditkartendaten erfordert, sind bei Cambio Personalausweis- und Führerscheindaten notwendig.

Nach der offiziellen Registrierung muss der Führerschein vor Ort verifiziert werden und hier zeigen sich die ersten Komfortunterschiede. Diese sind nicht unerheblich, da es sich um den ersten realen Touch-Point mit der Firma handelt.

Car2Go mit einem eigenen Shop am Jungfernstieg und DriveNow mit seinen vielen Sixt-Filialen können folglich auf sehr zentral gelegene Stationen zurückgreifen. Die Auswahl bei Cambio (ein Co-working-Office) und Citeecar (Pit-Stop-Filialen) ist deutlich eingeschränkter, so dass bis zur ersten Fahrt einige Zeit vergehen kann.

Interessanter Nebeneffekt ist das muntere Anwachsen von Kundenkarten, da nun weitere Carsharing-Kundenkarten in den Besitz kommen. Hier hat Car2Go mit einem Chip auf dem Führerschein die einfachste und eleganteste Lösung gefunden.


Die neue Vielfalt der Carsharing-Kundenkarten

Die neue Vielfalt der Carsharing-Kundenkarten


3-2-1 Meins

Das spontane Buchen von Fahrzeugen auf der Straße mittels einer App gehört zu den großen Stärken der beiden Anbieter Car2Go und DriveNow. Beim Start der App wird sofort eine große Karte aufgerufen mit der eigenen Position und den verfügbaren Fahrzeugen. Durch die direkte Verknüpfung der App mit dem Kundenkonto ist ein Fahrzeug innerhalb von 3 Klicks reserviert und nur noch eine Sache von wenigen Sekunden.

Obwohl die DriveNow App (bedingt durch mehr Fahrzeugtypen) einen größeren Funktionsumfang besitzt, stellt sich im alltäglichen Einsatz häufig die Frage, ob diese zwingend benötigt werden. Die App wirkt mit den vielen Ansichts- sowie Filtermöglichkeiten überfrachtet und überdimensioniert.

Car2Go wählt hier einen sehr praktischen Weg. Die Entfernung zum nächsten freien Fahrzeug wird automatisch berechnet und zusätzlich auch direkt die Route dahin vorgeschlagen.


App-Startseite von Car2Go und DriveNow

App-Startseite von Car2Go und DriveNow


Frust beim Suchen

Beim Suchen nach Fahrzeugen an einer bestimmten Adresse offenbaren beide Anbieter doch einige Schwächen bei der Suchfunktion. Die Suchmaske bei Car2Go bietet keinerlei Hinweise zur Adresseingabe an und automatische Adressvorschläge aus anderen deutschen und sogar internationalen Städten stören bei der Eingabe. Dies wird bei DriveNow besser gelöst, dafür fällt das Suchfeld doch etwas klein aus.

Sehr hilfreich wäre zusätzlich eine Favoritenfunktion, um häufig bzw. regelmäßig genutzte Adressen oder besondere Plätze wie z. B. einen Hauptbahnhof schneller aufzurufen.


Suchmaske von Car2Go und DriveNow

Suchmaske von Car2Go und DriveNow


Grenzen der Kartennavigation

Wird ein Fahrzeug für einen Ausflug gebraucht, stellt sich der kartenbasierte Navigationsansatz (wie in Citeecar verwendet) als unpraktisch dar und kann langfristig nicht überzeugen. Durch eine fehlende Personalisierung der App werden viele sich wiederholende Schritte benötigt, um in der Nähe freie Fahrzeuge sowie mögliche zeitliche oder räumliche Alternativen zu recherchieren.

Dies wird von der Cambio-App, die auf eine menübasierte Navigation setzt und zusätzlich mehr Fahrzeugmodelle anbietet, sehr viel effizienter umgesetzt. So kann die nächstgelegene Station in eine Favoritenliste übernommen werden und in der Trefferliste werden bereits mögliche Alternativvorschläge zu Station, Fahrzeug oder Uhrzeit mit angezeigt.


Darstellung von Alternativen bei Cambio und Citeecar

Darstellung von Alternativen bei Cambio und Citeecar


Fazit: Zunehmende Erweiterung und Verzahnung des Mobilitätsangebots

Die Carsharing-Modelle können trotz Optimierungsbedarf überzeugen und stellen nach wie vor eine feste Säule der eigenen Mobilität dar. Noch besetzen die Anbieter ihre eigene Marktnische und ergänzen sich sehr gut in ihrem Leistungsumfang. Interessant wird die zukünftige Entwicklung, wenn einzelne Anbieter durch neue Kooperationen ihr Produktportfolio erweitern.

So erweitert Car2Go mit ihrem Service car2go black das bestehende Portfolio um eine stationsbasierte Variante und in Hamburg kooperieren die öffentlichen Verkehrsbetriebe HVV mit Car2Go und Europcar. Mit diesem neuen Dienst switchh kann mittels einer Anwendung auf das integrierte Mobilitätsangebot zurückgegriffen werden.

4 Gedanken zu „Mobility 2.0 – Eine private User Journey durch die Carsharing-Branche

  1. Ediz Kiratli

    Vielen Dank für das Update.
    Ich bin gespannt wie viele Chips auf einem Führerschein Platz finden und auch genehmigt werden. Mit car2go und DriveNow wären es nun zwei potentielle Konkurrenten.

    Vor einem halben Jahr in Hamburg bekam man neben der Kundenkarte noch ein kleines Starterpaket dazu.

    Antworten
    1. Ediz Kiratli

      Car2Go-Kunden werden in den vergangen Tagen und Wochen eine kleine Veränderung festgestellt haben. So wurden Sie gebeten Ihr Konto auf das neuere moovel-Konto „upzugraden“. Moovel ist eine weitere Tochtergesellschaft der Daimler AG und präsentiert sich laut eigenen Angaben als „Mobilitätsplattform“ mit dem Angebote unterschiedlicher Mobilitätsanbieter gebündelt werden.

      Haben Sie schon Erfahrungen mit beiden Apps gemacht? Welche gefällt Ihnen besser? Nutzen Sie die ursprüngliche Car2Go-App nun seltener?

      Durch die Präsentation einer neuen Brand und Anwendung stellt sich zusätzlich die Frage, ob es dadurch nicht zu einer insgesamten Verwirrung und Schwächung der Marke Car2Go kommt?

      Auch hier bin ich über Ihre Meinung gespannt.

  2. Pingback: Leihst Du schon oder besitzt Du noch? - Ein kleiner Querschnitt durch die Share Economy - Usabilityblog.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.