Fließtextformulare – mehr Spaß mit Formularen?

Schmuckbild Formular von Moovel

Wer schon einmal Formulare für Webseiten angelegt oder getestet hat, der weiß, wie schwierig es ist, das gut zu machen.

Eines der großen Probleme: Fast immer sind die Beschriftungen zu lang. Viel Mühe verwendet man darauf, die Labels so knapp und einfach wie möglich zu machen.

Das Pferd von hinten auf zäumt ein Ansatz, der auf einigen Sites gut zu funktionieren scheint: Natural Language Forms, frei übersetzt: umgangssprachliche Formulare.

Screenshot Elster Online

Auch die fröhliche Gestaltung und die geringe Textmenge machen das Ausfüllen solcher Standard-Formulare nicht zum Spaß.

Bei Natural Language Forms wird das Formular quasi umgestaltet zu einem ganzen Satz, in dem Auswahlelemente untergebracht werden.

Wie das funktioniert, sieht man z.B. auf Oscar Health Insurance (hioscar.com).
Man liest einen ganzen Satz, in dem man die relevanten Satzbestandteile austauschen kann, indem man auf diese klickt.

Fließtextformular bei Oscar Insurances

Solche Formulare wirken freundlicher. Was klickbar ist, macht die Gestaltung eindeutig klar.

Fließtextformular in Aktion

Bei Rollover erscheint ein Popup-Menü oder wie hier ein Auswahl-Layer.

Besonders häufig kommt dieses Konzept bisher nicht zum Ansatz. Das sieht man auch daran, dass es noch keinen vernünftigen Namen dafür gibt. Luke Wroblewski spricht von Mad Libs Style Forms (nach dem Spiel Mad Libs, bei dem man Lückentexte ausfüllt). Für nicht-Amerikaner verständlicher dürfte die Bezeichnung Natural Language Forms sein.

Im Deutschen könnte man von Formularen in natürlicher Sprache oder von umgangssprachlichen Formularen sprechen. Mir würde der Begriff Fließtextformulare gefallen. Der ist zwar nicht ganz selbsterklärend, aber zumindest kann man ihn sich gut merken und er klingt nicht so sperrig.

In welchen Fällen funktioniert so ein Ansatz – wie auch immer man ihn nennt? Wo sollte man ihn vermeiden? Und können Fakten belegen, dass man sich dieses Experiment wirklich trauen kann?

Natural Language User Interfaces

Natural Language Forms gehören im weiteren Sinne zu den Natural Language User Interfaces (LUI oder NLUI). In seiner Reinform sind diese Benutzerschnittstellen, die vollständig mit natürlicher Sprache gesteuert werden. Also das, was z.B. die virtuelle Assistentin des iPhone, Siri, zu sein verspricht: Man sagt ihr, was sie tun soll und sie macht genau das und gibt per Sprache Feedback.

Auch eine ideale Suchmaschine würde so funktionieren, dass sie nicht die Schlüsselworte aus unseren Suchanfragen extrahiert und nach diesen sucht, sondern dass sie tatsächlich den Satz versteht, den wir eingeben. Sie würde also verstehen was wir meinen, wenn wir nach „Die günstigsten Flüge nach New York“ suchen und nicht einfach nur die Treffer ausspucken, auf welche die Schlüsselwörter „günstig“,“Flüge“ und „New York“ passen. Dass die Suchmaschine uns dennoch z.B. gleichzeitig auch Hotels in New York anbietet liegt derzeit nicht daran, dass sie eine Vorstellung davon hat, dass wir eine Reise dorthin planen. Es sind vielmehr Algorithmen, die festgestellt haben, dass Menschen, die nach solchen Wörtern suchen, oft auch Hotelangebote klicken.

Die Suchmaschine Wolfram Alpha z.B. arbeitet in Grundzügen mit genau diesem Ansatz von Textverständnis und liefert daher für viele wissenschaftliche Fragen bessere und vor allem konkretere Antworten als andere Suchmaschinen.

Screenshot Website WolframAlpha

WolframAlpha nutzt meist ganze Sätze, nicht nur Schlüsselwörter.

Natural Language Forms – Fließtextformulare

Natural Language Forms nehmen nun nicht die Fragen der Nutzer entgegen, im Gegenteil. Sie stellen ihm Fragen. Aber das auf eine Art und Weise, die sich viel natürlicher anfühlt als die klassischer Formulare.

Website Huffduffer

Eine der ersten Sites, die auf Fließtextformulare gesetzt hat, ist Huffduffer. Hier zur Registrierung mit Texteingabe.

Das Konzept ist einfach, es gibt aber nicht viele Sites, die darauf setzen.

Die Idee ist, nicht wie bei klassischen Formularen möglichst kurze, aber dennoch eindeutige Beschriftungen für die Formularfelder vorzusehen. Vielmehr schreibt man gleich einen ganzen Satz auf die Website und markiert die Wörter bzw. Wortgruppen, welche der Nutzer ändern kann.

Klickt man darauf, erscheint an dieser Stelle jeweils ein Popup-Menü mit den Auswahlmöglichkeiten, die der Nutzer an dieser Stelle hat.

Ein Beispiel:

Bitte wählen Sie, in welchen Bereich Ihr Problem fällt:
o Kauf
o Abrechnung
o Rückgabe
o Installation

Natural Language Forms erleichtern es, Formulare mehr als natürliche Kommunikation anzulegen:

Mein Problem liegt bei _______.

So erinnern sie mehr an ein persönliches Gespräch als an Behördenformulare oder Verhöre.

Die Vorteile sind generell:

  • Ganze Sätze lassen weniger Missverständnisse entstehen.
  • Die Kommunikation mit der Site fühlt sich weniger mechanisch an, sie wirkt persönlicher und freundlicher.
  • Es ist leichter, zu erklären warum und wie der Nutzer das Formular ausfüllen soll.
  • Solche Formulare lassen sich gut responsiv gestalten, so dass sie auf unterschiedlichen Bildschirmen gut zu benutzen sind.
Website Kickstarter

Auf Kickstarter kann man die Suchergebnisse mit einem Fließtextformular verfeinern.

Beschränkungen & Probleme

Wie bei anderen Pop-Up-Menüs gilt für Natural Language Forms: Packen Sie nicht zu viele Elemente in die Menüs, sonst werden sie sehr schwer zu bedienen.

Als Faustregel gelten 15 Elemente.

Außerdem eignen sich diese Formulare generell nur, wenn Sie eine beschränkte Zahl von Eingaben haben – wenn Sie sehr viele Inhalte abfragen müssen, dann sind diese etwas mühsam. Sie brauchen mehr Platz als gewöhnliche Formulare.

Ein weiter Kritikpunkt: Man muss den bzw. die Sätze Wort für Wort, Zeile für Zeile lesen. Anders als bei klassischen Formularen stehen die Elemente, die eine Aktion des Nutzers erfordern nicht linksbündig untereinander.

Auch ist es etwas schwieriger, die Pflichtfelder eindeutig zu markieren.

Und sehr versierte und/oder technische Nutzer könnten die Eingabe als zu verspielt empfinden.

Denkbar ist aber auch, verschiedene Formulartypen zu kombinieren. Zum Beispiel ein Fließtextformular zum Registrieren und Eingeben der Grundinformationen auf einer Website und dann klassische Formulare für die Details. Oder ein Natural Language Formular zum Abschluss, sozusagen als letzte persönliche Note nach einem längeren Regsistrierungsprozess.

Wie gut ist die UX?

Schließlich die Gretchenfrage: Wie gut ist die User Experience von solchen Fließtextformularen?

Website Moovel

Die App Moovel nutzt Fließtextformulare – gerade im mobilen Kontext sind diese interessant.

Website LeMassif

Im Tourismus-Bereich haben einige mit solchen Formularen experimentiert – sie wirken einfach freundlicher.

Es gibt ein paar Berichte über A/B-Tests, die Fließtextformulare gegen klassische Formulare getestet haben. Die meisten berichten über eine deutliche Steigerung der Konversionsrate – eine wenige berichten vom Gegenteil.

Die Berichte sind schon ein paar Jahre alt und seitdem scheint sich trotz dieser positiven Zeichen nicht viel getan zu haben. Ich persönlich finde das schade, weil ich denke, dass Fließtextformulare in einigen Fällen eine gute Alternative sind.

Wie immer kommt es sicher auf die Zielgruppe und wohl noch mehr auf die Inhalte an, die Sie im Formular abfragen wollen.

Für B2C-Sites, die sich an eine breite Nutzerschicht richten und für kurze Formulare lohnt es sich aus meiner Sicht, einmal mit dieser Technik zu experimentieren. Natürlich nur, wenn genug Zeit und Budget für einen ordentlichen Test da ist – am besten im Labor wie auch als A/B-Test.

Was denkt Ihr? Kennt Ihr gelungene Beispiele für diese Technik? Reizt es euch wie mich, diese demnächst einmal auszuprobieren?

7 Kommentare zu „Fließtextformulare – mehr Spaß mit Formularen?

  1. molch

    hallo erst mal,
    ist ja ganz net, doch wer möchte wirklich einen ganzen absatz lesen um ein formular auszufüllen? auch denke ich da mal an „oh in der zeile vertuscht“, oder für mobile.. scroll scroll scroll..
    wo es hin passt – ok, doch denke ich eher an eine kurze und gute übersicht, wie zB hier bei der eingabe. bei einem absatz würde ich die lust verlieren. und – so wirklich persönlicher finde ich das nicht wirklich.. es ist halt immer noch eine 0 oder 1… ; )
    LG Molch

    1. Jens Jacobsen Artikelautor

      Ja, da stimme ich zu – wenn es zu lang wird, sind solche Formulare sicher wenig geeignet.

      Und persönlich kann es nur werden, wenn man wirklich gut und persönlich formuliert. Das muss man können. Daher sind solche Formulare sicher nur für bestimmte Fälle interessant.

    1. Jens Jacobsen Artikelautor

      Sehr spannende Frage! Nach meiner Einschätzung müsste das für die Barrierefreiheit sogar sehr gut gehen. Muss aber zugeben, dass ich das noch nicht getestet habe – was ich unbedingt nachholen würde, wenn ich so etwas einsetze!

    2. Andreas

      Hallo Jens und alle Anderen,
      eine blinde Testerin hat das hioscar-Formular getestet. Da dort konsequent die Labels weggelassen wurden bedarf es wesentlich mehr Aufmerksamkeit durch die Halbsätze. JAWS (15) springt gleich ins Eingabefeld (korrektes Verhalten), daher fehlt der Text davor. Hier muss der Nutzer darauf kommen zurückzugehen und sich den Text vorlesen zu lassen.
      Das Drop-Down ist ein Blocker, aber das ist natürlich ein anderes Problem und nicht der Form der Formulare zuzurechnen.

      So „schlimm“ sind die Formulare also nicht — wenn die Labels korrekt gesetzt sind. Ohne diese ist der blinde Benutzer erst einmal verloren, da es eine ungewohnte Form eines Formulars ist.

      Eine Idee: Labels (habe ich schon Labels gesagt?) und die Texte verbergen. So verwirrt das nicht und die Screereader geben nicht zu viel (sinnlose) Informationen raus.

      Viele Grüße
      Andreas

    3. Jens Jacobsen Artikelautor

      Hallo Andreas, super, vielen Dank für die Info – scher hilfreich für alle, die das selbst umsetzen wollen! Beste Grüße, Jens

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