Was wurde aus … alibaba.com?

Können Sie sich noch an den medialen Hype im September 2014 erinnern, als alibaba.com in New York an die Börse ging und als „Börsengang der Superlative“ bezeichnet wurde? Von vielen Experten wurde die chinesische Internetfirma als ernstzunehmender Konkurrent für Amazon, eBay und Google betrachtet und gehandelt. Seit dem Börsengang sind nun mehr als 6 Monate vergangen und ich möchte in diesem kleinen Beitrag einen Blick auf die Website werfen und prüfen, ob alibaba.com eine ernsthafte Alternative für Privatnutzer bietet.

Ein Blick in die harten Fakten

In der Märzausgabe vom Magazin brandeins.de wurde die Bilanz von alibaba.com näher untersucht und zeigt ein paar überraschende und entlarvende Fakten zur Firmenentwicklung. Eine wesentliche Schlussfolgerung ist der sehr starke Fokus auf den chinesischen Markt, da nur 7 % des Umsatzes überhaupt international getätigt werden – sogar mit absteigender Tendenz.

Die geringe Internationalität von alibaba.com zeigt auch der Blick in die Entwicklung der Suchanfragen auf Google (Abb. 1). Die untere Abbildung zeigt sehr deutlich, dass lediglich der Börsengang im letzten Jahr zu einem gesteigerten Suchinteresse in Deutschland geführt hat. Nach diesem kurzen Höhepunkt hat das Interesse schlagartig nachgelassen und bewegt sich seitdem auf nur leicht höherem Niveau als vor dem Börsengang.


Abb. 1: Suchinteresse nach "alibaba.com" in Deutschland (Google Trends)

Abb. 1: Suchinteresse nach „alibaba.com“ in Deutschland (Google Trends)


Beim Blick auf die Suchanfragen der 3 größten Online-Shops in Deutschland (Amazon, Otto und Zalando) verhärtet sich dieser Eindruck umso mehr. Das Suchinteresse nach allibaba.com bewegt sich relativ gesehen entlang der Nulllinie mit großem Abstand zu den etablierten Online-Shops.


Abb. 2: Relative Suchinteresse der 3 größten Online-Shops & alibaba.com in Deutschland (Google Trends)

Abb. 2: Relative Suchinteresse der 3 größten Online-Shops & alibaba.com in Deutschland (Google Trends)


Weiterhin große Fehler auf der deutschen Website

Schon kurz nach Start der deutschen Alibaba.com-Seite hat die Plattform durch viele Übersetzungsfehler ein recht negatives Medienecho in der deutschen Presse erhalten. Mein Blick auf die aktuelle Seite zeigt, dass sich in dieser Hinsicht nicht viel verändert hat.

Zwar setzt die Seite eine gut sichtbare und prominente Bühne ein, die durch die großen Bilder einen ersten professionellen Eindruck macht. Jedoch machen diverse Rechtschreibfehler in den Teasern diesen Eindruck schnell wieder zunichte (Abb. 3).


Abb. 3: Rechtschreibfehler auf der Startseite von alibaba.com

Abb. 3: Rechtschreibfehler auf der Startseite von alibaba.com


Ebenfalls werden Teaserangebote mit sehr veralteten und bereits abgelaufenen Zeiträumen verwendet (Dezember 2014), die nicht den Eindruck erwecken, dass die Website in regelmäßigen Abständen aktualisiert bzw. gepflegt wird (Abb. 4).


Abb. 4: Abgelaufene Teaserangebote direkt auf der Startseite

Abb. 4: Abgelaufene Teaserangebote direkt auf der Startseite


Die Hauptnavigation wird ähnlich zu Amazon oder eBay durch ein Mega Drop-down-Menü umgesetzt. Aber auch hier irritieren die zum Teil merkwürdigen Übersetzungen und auch verwendeten Kategorien (Abb. 5). Ich denke, die wenigsten Nutzer werden ihren MP3-Player als „Bewegliches Audio“ bezeichnen. Oder wissen Sie, was sich unter „Hauptaudio“ verbirgt?


Abb. 5: Drop-down Menü mit ungewöhnlichen Kategorien

Abb. 5: Drop-down Menü mit ungewöhnlichen Kategorien


Kaum deutsche Anbieter auf alibaba.com

Ein näherer Blick auf die Herkunft der angebotenen Produkte zeigt schnell, dass zw. 90 und 99 % der Produkte und Lieferanten direkt aus China stammen. Anbieter aus Europa oder Deutschland bewegen sich im Promillebereich und reduzieren somit das für deutsche Privatnutzer realistische Angebot auf alibaba.com. Auf die auch in den Produktdetailseiten merkwürdigen Übersetzungen möchte ich nicht mehr näher eingehen.

Aus dem Segment „Handys & Smartphones“ gibt es z. B. keine Produkte von einem Lieferanten aus Deutschland und für mobile Audiogeräte wie z. B. Mp3-Player immerhin 13 Produkte. Etwas besser sieht die Situation im Bereich Bekleidung mit knapp 4.000 Artikeln aus. Jedoch gibt es für viele Produkte Mindestabnahmemengen, so dass sich das Angebot für Konsumenten noch stärker reduziert. So haben 17 der 20 Produkte auf der 1. Übersichtsseite eine Mindestabnahme zwischen 5 bis 5.000 Stück und richten sich somit eher für Händler als für Privatnutzer.


Abb. 6: Abwechselnde Auflistung von Einzelstücken und Waren mit Mindestabnahme

Abb. 6: Abwechselnde Auflistung von Einzelstücken und Waren mit Mindestabnahme


Fazit: alibaba.com ist kein ernstzunehmendes Konkurrenzangebot im deutschen eCommerce-Markt

Mein kurzer Review hat mich in der Hinsicht irritiert, dass ein Unternehmen, welches in einer Liga mit Google oder Amazon genannt wird, einen recht unfertigen und nicht sehr professionell wirkenden Webauftritt über Monate nicht aktualisiert bzw. für den deutschen Markt optimiert. In der aktuellen Version ist alibaba.com wenig einladend für den privaten Gebrauch und auch das Warenangebot kann nicht überzeugen. Dies wird von den vielen Online-Shops in Deutschland sehr viel professioneller und seriöser betrieben.

Wie ist Ihre Meinung zu alibaba.com? Hat dieser (neue) Anbieter eine Chance sich international zu etablieren oder ist der Marktplatz zu speziell für den chinesischen Markt konzipiert?

Ein Gedanke zu „Was wurde aus … alibaba.com?

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