Einen Monat mit der Apple Watch

Apple Watch

Ich bin begeisterter Fan neuer technischer Entwicklungen. Wenn sich mir irgendwie die Möglichkeit bietet, greife ich zu und probiere es aus (z. B. das Myo Armband). Ganz vorne weg, wenn es um neue Apple Produkte geht. Deshalb konnte ich mich auch bei der Watch natürlich nicht zurückhalten und war eine der Glücklichen, die sie seit Verkaufsstart in den Händen halten bzw. am Handgelenk tragen darf.

Der Verkaufsstart der Apple Watch verlief – irgendwie typisch Apple – spektakulär und von den Medien gehypt. Ganz ähnlich wie schon 2007 zum Start des iPhones fielen die Reaktionen auf die Apple Watch dann aber eher negativ aus. Schuld auch hier der schwache Akku, die wenigen Funktionen, das (angeblich) manchmal irritierende Interface und natürlich der Preis.

Die Watch: So wie erwartet?

Am faszinierendsten für mich war die Erkenntnis, dass die Watch für minimale Interaktionen von kürzester Dauer vorgesehen ist. Irgendwie hatte ich weitaus mehr Interaktion erwartet. Meist vibriert es am Handgelenk, man hebt dieses und wirft einen kurzen Blick auf die Benachrichtigung – und beendet damit in den meisten Fällen auch schon die Interaktion mit der Watch. Erfordert eine Aufgabe mehr Aufmerksamkeit oder diverse Aktionen, so greift man dann doch wieder zum iPhone. Die Watch ist nicht dafür gedacht, lange E-Mails oder Nachrichten zu lesen, Kontaktdaten zu bearbeiten oder Produkte zu bestellen. Vielmehr ist die Idee, mit der Watch zu bezahlen (Apple Pay), sie als Fernbedienung zu nutzen, kurze Nachrichten zu schicken, zu navigieren oder Zeit und Strecken zu tracken. Die Apple Watch ist lediglich eine Erweiterung des zentrales Gerätes: des iPhones; ein Second-Screen sozusagen. Verständlich also, dass die Watch bei weitem nicht den Funktionsumfang eines Smartphone hat.

Besonders praktisch fand ich die Watch vor ein paar Tagen beim Gemüseschnippeln: Mein iPhone lag auf dem Schreibtisch und meine Hände waren natürlich dreckig. Die Info, dass sich meine Schwester verspätet, konnte ich aber trotzdem schnell lesen – nur mal kurz das Handgelenk anheben. Ansonsten hätte ich die – für mich äußerst wichtige – Nachricht vielleicht verpasst (kochen bedeutet für mich nämlich sowieso schon Stress genug).

Spannend find ich aber vor allem die Fitness- und Gesundheitsfunktionen. So kann man die Watch sogar ohne iPhone beim Laufen nutzen, obwohl diese kein GPS hat. Angeblich lernt die Watch nach einigen Läufen mit dem iPhone die Schrittfrequenz und Schrittweite. Hannes Verlinde hat dies über mehrere Läufe ausprobiert und mit Ergebnissen einer Garmin Forerunner 610 GPS Uhr verglichen. Für Läufer, die das iPhone ungern mitschleppen also wirklich praktisch – vor allem da man auch Musik auf der Watch speichern kann, dann also nur Bluetooth-Kopfhörer benötigt. Wer allerdings seine Herzfrequenz beim Laufen mitmessen will, muss weiterhin auf ein Brustband zurückgreifen. Die funktioniert noch nicht in Kombination mit den Fitness-Apps.

Allerdings soll die Herzfrequenzmessung der Apple Watch ziemlich akkurat sein. Brad Larson hat die Messungen der Watch mit denen des Mio Alpha verglichen, welcher wiederum im Vergleich zu einem normalen EKG eine Genauigkeit von 99 % haben soll.

(Beides haben wir bisher aber selbst nicht überprüfen können. Vielleicht gibt es ja jemanden unter euch Lesern, der persönliche Erfahrungen mit uns teilen kann?!)

Brad Larson Heartrate

Taptic Engine und haptisches Feedback: Die eigentliche Innovation

Mit der Apple Watch hält eine neue Schnittstelle Einzug in unseren Alltag. Meiner Meinung nach die eigentliche Innovation, wenn auch die Technologie nicht neu ist. Mit Hilfe der Taptic Engine – einem linearen Aktuator – können unterschiedliche Gefühle durch haptisches Feedback simuliert werden. Bisher „vibriert“ es vor allem, wenn man z. B. eine neue Nachricht erhält. Allerdings ist dieses haptische Feedback viel diskreter als der bekannte Vibrationsalarm der Smartphones. Bezahlt man mit der Apple Watch, so hört und spürt man die Bestätigung am Handgelenk.
Aber auch haptische, und wie Apple sagt „persönlichere“ Kommunikation ist jetzt möglich. So kann man z. B. seinem Partner den eigenen Herzschlag schicken. Die Watch ermöglicht einem aber auch, einem anderen Watch-Besitzer „anzutippen“ und wenn man denn möchte, auch morsecode-ähnliche Nachrichten zu schicken. Theoretisch wäre es sogar möglich, den Pieks einer Nadel zu simulieren (z. B. für die Blutzuckermessung), oder durch stärkeres antippen den Nutzer darauf aufmerksam zu machen, dass dieser etwas vergessen hat.

“We found a way to give technology a more human touch. Literally. More immediate, intimate ways to connect. A new dimension to the way you communicate.”

Apple

Und die Drittanbieter Apps?

Ja, die Apps der Drittanbieter haben sich mir noch nicht alle so richtig erschlossen. Das Display der Watch ist klein, also möchte ich nicht alle Apps installieren, die eine Watch-App anbieten.

Mit der immonet.de-App kann ich mir aktuelle Suchergebnisse anschauen; inklusive Bilder der Immobilie. Ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber ich schaue mir die Bilder dann doch lieber etwas größer auf dem iPhone an. Viel besser wäre es, wenn ich Benachrichtigungen zu neuen Suchergebnisse erhalten würde. Dann wäre auch eine kurze Vorschau okay, um entscheiden zu können, ob das Suchergebnis interessant ist -> App deinstalliert.

Mit der Babbel-App kann man basierend auf der momentanen Position passende Wörter lernen. Befindet sich in der Nähe z. B. ein italienisches Restaurant, so werden einem dementsprechend Wörter angezeigt. Netter Gedanke, aber dafür muss ich wirklich lange auf das kleine Display der Watch schauen. Irgendwie nicht so mein Ding -> App aber noch nicht deinstalliert.
Praktisch dagegen die DB Navigator-App die mir auf meiner Fahrt nach München zeigt, wie lange ich noch unterwegs bin und auf welchem Gleis ich ankomme. Ich hoffe, dass die tatsächliche Dauer, also mit möglicher Verspätung, angezeigt wird. Mein Zug war ziemlich pünktlich, ich werde also weiter testen.
Und mit der myTaxi-App kann ich mit einem Tap ein Taxi bestellen und vorher überprüfen, ob meine Position auch korrekt erkannt wird. Sieht auf den ersten Blick gut aus, ein Freund von mir ist begeistert. Ich selbst werde die App heute Abend einmal ausprobieren.

Apple Watch

Was bedeutet das für uns Designer, UXler und Entwickler neuer Apps?

Die erste Generation der Watch ist dafür da, Probleme zu verstehen, Wünsche und Erwartungen der Nutzer aufzunehmen und Ideen der App-Entwickler weiterzuentwickeln. Und hier können wir ansetzen!

Es müssen neue Konzepte für Apps entwickelt werden, die die Nutzungsstrategie der Watch berücksichtigen. Eine Watch-App ist kein Ersatz für die Smartphone-App, sondern eine Erweiterung. Es entwickeln sich jetzt schon erste Guidelines der Do’s and Dont’s für Watch-Apps, die man sich auf jeden Fall zu Herzen nehmen sollte. Trotzdem sind gerade jetzt auch neue Ideen gefragt. Denn nur so wird sich zeigen, wofür die Watch tatsächlich eingesetzt werden könnte.
Natürlich sollten diese Apps auch immer wieder mit Nutzern getestet werden. Nur so können wir herausfinden, ob unsere Konzepte aufgehen und den Nutzern einen echten Mehrwert bieten. Das ist bei einer bisher geringen Verbreitung der Watch jetzt in der Anfangsphase natürlich nicht so einfach. Ich glaube aber, dass gerade diese Early-Adopter besonders interessiert daran sind, bei der Entwicklung sinnvoller und praktischer Apps zu unterstützen und dazu beizutragen, dass sich Smartwatches durchsetzen.

Ich mag die Watch – sie zu tragen fühlt sich ein bisschen nach Zukunft an, wenn auch noch nicht ganz perfekt umgesetzt. Und ich glaube, dass Apple, wie auch schon beim iPhone, eine Langzeitstrategie haben wird. Trotzdem will ich ehrlich sein: Noch bin ich nicht sicher, ob ich die Watch immer tragen werde. Am Wochenende lag sie auch schon mal den ganzen Tag nur rum. Aber ich glaube, dass sich in den nächsten Monaten noch Einiges tun wird.

Die erste Generation ist für Interessierte, oder wie man so schön sagt „Early-Adopters“. Noch wird viel verziehen. Das bietet uns die Möglichkeit, mutig zu sein und Dinge auszuprobieren. Spannende Zeiten!

5 Kommentare zu „Einen Monat mit der Apple Watch

  1. Moritz

    Hey Jumana,

    sehr schöner Beitrag über die Apple Watch – ich teile einige deiner Beobachtungen (und das obwohl ich meine Watch noch nicht selbst am Handgelenk trage).

    Dein Beispiel „beim Gemüseschnippeln“ finde ich besonders spannend. Denn das ist der Nutzungskontext, den viele Menschen heute noch gar nicht sehen. Ebenso beim Einkaufen (Einkaufsliste am Handgelenk/mit Wunderlist) oder generell bei Anwendungsfällen, in denen das Smartphone nicht greifbar/benutzbar ist, sehe ich eine Smartwatch als sehr sinnvoll an.

    Auch in Verbindung mit Sprachsteuerung sehe ich riesiges Potential. Ich verwende beispielsweise als iPhone-Nutzer täglich Siri, um Erinnerungen anzulegen. Hier einfach nur den Arm anheben und – freihändig – „Hey Siri, erinnere mich an…“ einzusprechen ist für mich alleine ein weiterer Kaufgrund.

    Von Bezahlung (via Apple Pay) und Passbook ganz zu schweigen. Wir stehen zwar erst am Anfang von wirklich sinnvollen – und einfach benutzbaren – Wearables. Doch ich bin überzeugt, dass es innerhalb der kommenden Monate/Jahre mehr und mehr Anwendungsszenarien geben wird, die wir nicht mehr missen wollen.

    Einen interessanten Punkt sehe ich in der Frage, ob uns eine Smartwatch noch viel mehr mit Informationen zukleistert („Infostress“) oder – im Gegenteil – sogar entlastet. Ich habe die Hoffnung, dass letzteres passiert. Sehr lesenswerter Beitrag hierzu: http://mattgemmell.com/distractions/

    In diesem Sinne: viel Spaß weiterhin mit der Watch! Meine Vorfreude ist nicht zuletzt durch deinen Beitrag gestiegen… 🙂

  2. Pingback: Lesenswert: Mai 2015 - Die Link-Tipps von produktbezogen

  3. Jumana Al Issawi

    Hi Moritz,
    ich bin gerade auf der UX Lissabon und auch hier kam das Thema Distractions durch Devices auf. Auf jeden Fall ein interessantes und wichtiges Thema.
    Bin gespannt, was du von der Watch hältst und würde mich über Feedback freuen.

  4. Moritz

    Hi Jumana,

    hier mein Fazit nach meinem ersten Monat mit der Apple Watch: ich will nicht mehr ohne. 😉

    Meine Highlights/häufigsten Use Cases bis dato:
    – Erinnerungen mit „Hey Siri“ einsprechen (ich habe vorher schon sehr häufig Siri für das Anlegen von Erinnerungen verwendet – inzwischen noch häufiger/mehfach täglich mit der Watch)
    – Timer mit „Hey Siri“ starten beim Kochen (herrlich entspannt und die Hände frei ;))
    – Telefonieren (ebenfalls via „Hey Siri“) meist um kurz anzuklingeln oder Bescheid zu geben, dass ich gleich da bin – oder auch, um komfortabel ’nen Anruf kurz anzunehmen
    – Aktien (Standard-App, aufgerufen durch Siri)
    – Wunderlist (Einkaufszettel im Supermarkt)
    – Aktivität/Workout (Apple eigene App, für mich ideal – nach den ersten zwei Jogging-Läufen mit iPhone und erstmaliger Kalibrierung, lasse ich inzwischen das iPhone zu Hause, das Tracking ist dann zwar ohne GPS, aber sämtliche Werte wie Distanz, Geschwindigkeit/Pace, Kalorien, Herzfrequenz, etc. sind sehr genau auch ohne iPhone) -> perfekt auch die Hardware-Usability beim Wechseln des Gliederarmbands auf das Sportarmband. Dauert keine 30 Sekunden, dann bin ich startklar
    – Onefootball (Sport-Ticker, ganz neuer Erfahrung, sich bei nem Tor am Handgelenk anstupsen zu lassen :))
    – Wetter (ebenfalls via Hey Siri)

    Auf meiner letzten Bahnreise habe ich auch erstmals die DB Navigator-App verwendet – hat super funktioniert (mit dem iPhone die gewählte Verbindung vorab markiert und dann im Kontext „auf dem Weg zum Bahnhof/am Bahnhof/am Gleis/im Zug“ einfach via Watch die Verbindung gecheckt. MyTaxi werde ich bei der nächsten Taxi-Bestellung auch mal via Watch testen.

    Achja und letztes Wochenende war ich das erste Mal im Kino: Online-Ticket per Website (Kinopolis) gekauft und beim Checkout via Passbook-Button automatisch auf iOS-Passbook geladen. Dann im Kino an den Kassen vorbei hoch zum Foyer und nach ’ner Handgelenk-Drehung den QR-Code gescanned. Zack, mit Popcorn in der einen und Freundin an der anderen Hand in den Kinosaal gelaufen und im erneuten Handumdrehen innerhalb einer Sekunde die Platznummern gecheckt. Kein einziges Mal mit nem Interface im herkömmlichen Sinne interagiert – nicht mal den Touchscreen berührt. Sehr entspannte User Experience. Und mit Apple Pay, PayPal One Touch & Co. fällt dann zukünftig auch noch der lästige Login beim Ticket-Kauf weg. 😉

    Was wirklich erstaunlich ist, dass ich – obwohl ich so gut wie alle Notifications direkt vom iPhone auf die Watch pushen lasse – viel weniger gestresst bin von der täglichen Informationswelle. Manchmal schaue ich direkt durch Handgelenkdrehen drauf und nach ner Sekunde wieder weg, manchmal lasse ich die Watch auch einfach „Tappen“ und schaue mir Notifications erst später an. Das iPhone verwende ich viel seltener aktiv, es liegt meist auf dem Schreibtisch rum oder steckt in meiner Tasche. Auch schön: es piepst bzw. vibriert nicht mehr ständig, stattdessen gibt es ausschließlich die Taps ans Handgelenk.

    Generell finde ich, dass die Taptic Engine den größten Anteil für eine positive User Experience ausmacht: dezent, lautlos, angenehm. Und die Tatsache, dass die Interaktion so unglaublich kurz und prägnant ist mit dem Gerät/User Interface. Ebenfalls erstaunlich (positiv!): ich habe bisher nur ganz selten die Watch aktiv über den Touchscreen bedient bzw. den Home-Screen aufgerufen und Apps explizit durch „herkömmliche“ Interaktion gestartet/gesteuert. Die meisten Aktionen führe ich per Siri aus oder eben passiv/in dem mich die Watch benachrichtigt.

    Nach den ersten vier Wochen bin ich gespannt, was die nächsten vier Monate und die nächsten vier Jahre so bringen. 🙂

  5. Pingback: Citymapper: Eine super praktische Apple Watch App! - Usabilityblog.de

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