Mobile Payment in Deutschland noch in den Kinderschuhen: Chancen und Hindernisse für Anbieter

Beim Mobile Payment werden elektronische Kommunikationstechniken für den Bezahlvorgang verwendet. Am häufigsten kommt hierbei derzeit das Mobiltelefon zum Einsatz. Die Vorteile des Mobile Payment sind im ersten Moment einleuchtend: Es ermöglicht immer und überall eine bargeldlose oder kartenlose Bezahlung. Klingt doch toll: Das Handy habe ich sowieso fast immer dabei und so kann ich meine Geldbörse zu Hause lassen. Dies ist besonders praktisch bei kurzen Wegen, wenn ich z. B. nur schnell Brötchen beim Bäcker holen möchte oder in Situationen in denen ich meine Geldbörse sowieso eher nicht dabei habe. So könnte ich mir beispielsweise nach dem Joggen noch schnell einen Smoothie kaufen um neue Energie zu tanken!

Jedoch sieht die Realität, zumindest hier in Deutschland, noch etwas anders aus. Erstens konnte sich bislang kein standardisiertes Verfahren im Bereich Mobile Payment durchsetzen. Zweitens ist die großflächige Akzeptanz und Verbreitung von Mobile Payment als Standardweg beim Bezahlen bisher ausgeblieben. Laut Heise online zeigt die Studie „Trendmonitor Finanzdienstleistungen 2014“ der Marktforschungsfirma Nordlight, dass aktuell nur etwa 2 % der Deutschen Mobile Payment-Apps nutzen, um kleinere Geldbeträge zu bezahlen. Während Mobile Payment-Anbieter in den USA und auch in einigen afrikanischen Ländern wie Kenia bereits erfolgreich sind, scheint Deutschland in diesem Bereich also eher ein Entwicklungsland zu sein.

Deutschland = Bargeldland?

Aber woran liegt das genau? Wir Deutschen hängen an unserem Bargeld! Und wir sind skeptisch. Dies zeigen auch diverse Umfragen zu dem Thema. Eine repräsentative Umfrage von TNS Emnid ergab, dass sich nur etwa 23 % der Deutschen für Mobile Payment interessieren und mehr als die Hälfte diese Bezahlmöglichkeit ablehnt. Selbst Kreditkartenzahlungen sind noch bei weitem nicht so verbreitet wie in anderen Ländern. Fast zwei Drittel der Deutschen zahlt weiterhin lieber mit Bargeld. Dennoch sind aktuell schon einige Mobile Payment-Lösungen in Deutschland verfügbar und viele Experten setzten ihre Hoffnungen darauf, dass Apple Pay dem Mobile Payment hierzulande zum Durchbruch verhelfen könnte. Im weiteren Verlauf möchte ich gerne einen kurzen Überblick, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, über derzeit verfügbare Mobile Payment-Lösungen und ihre Anwendungsbereiche geben.

Mobile Payment: Einordnung und Anwendungsbereiche

Wie genau wird Mobile Payment definiert? Für viele Smartphone Nutzer ist es bereits selbstverständlich geworden mit ihrem Smartphone im Mobile Commerce einzukaufen und Web-Payment oder In-App-Payment zu nutzen. „Echtes“ Mobile Payment findet aber außerhalb des Mobile Commerce z. B. im stationären Handel statt. Das Handy ersetzt hierbei das Bargeld und die EC- oder Kreditkarte als Zahlungsmittel. In der Abwicklung des Mobile Payments haben sich bisher zwei Trends herauskristallisiert:

  • Zum einen gibt es Software-Lösungen, bei denen zum Beispiel mittels QR-Codes Informationen zum Zahlungsvorgang übermittelt werden. Hier hat sich aber bislang kein Anbieter durchgesetzt und es gibt eine Vielzahl von „Insellösungen“, die nur für bestimmte Shops angeboten werden. Außerdem gibt es eine Vielzahl von Apps, die es ermöglichen beispielsweise per SMS zu bezahlen.
  • Zum anderen wurden Hardware-Lösungen wie die Near-Field-Communication (NFC) entwickelt. Dieses System kann in Endgeräten wie Smartphones implementiert werden und ermöglicht bei einer kurzen Distanz den Austausch von Daten.

Die Anwendungsbereiche für das Mobile Payment sind vielfältig.
Vier Beispiele:

  1. Im stationären Handel ist es in einigen Kaufhäusern bereits möglich, kontaktlos per Handy am Point of Sale zu bezahlen. Allerdings gibt es noch keine flächendeckende Verbreitung von Akzeptanzstellen der einzelnen Mobile Payment-Anbieter in Geschäften. Das NFC-Verfahren ist hier mittlerweile deutlich weiter verbreitet als das QR-Code-Verfahren.
  2. Dienstleister wie Taxifahrer können in einigen Städten zum Beispiel mit der paij-App auch bereits mobil bezahlt werden.
  3. Auch an Automaten können in einigen Städten bereits Fahrscheine oder Parktickets mobil bezahlt werden. Das „Handyparken“ ermöglicht das Bezahlen der Parkgebühr per Mobiltelefon, ohne dafür den Parkscheinautomat nutzen zu müssen. Der Nutzer liest einen am Parkscheinautomat angebrachten Code ab und übermittelt diesen per Anruf oder SMS an den Betreiber. Der Parkvorgang kann durch einen erneuten Anruf oder SMS beendet werden.
  4. Viele Anbieter haben Anwendungen für das Person-to-Person (P2P) Mobile Payment entwickelt. Hierzu zählt unter anderem das deutsche Startup Cringle und Payfriendz. Mit der Cringle App können (kleinere) Geldbeträge an Freunde und Bekannte überwiesen werden. Konto- oder Kreditkarteninformationen werden hierfür nicht benötigt. Der Kontakt wird per Mobilfunknummer ausgewählt und die Transaktion wird per SMS durchgeführt. Payfriendz bietet seinen Nutzern zusätzlich eine Prepaid-MasterCard Kreditkarte, die beim Online-Shopping zum Einsatz kommt.

Noch unübersichtliche Landschaft an Mobile Payment-Lösungen in Deutschland

Viele Anwendungen sind derzeit noch nicht in Deutschland verfügbar. Hierzu zählt auch das in den USA letztes Jahr erfolgreich angelaufene Apple Pay, welches die NFC-Technik nutzt. Apple hat eine Einführung in den europäischen Markt für 2015 angekündigt. Wann genau Apple Pay allerdings nun in Deutschland verfügbar sein wird steht noch nicht fest.

In Deutschland aktuell verfügbar sind:

  • Mpass, ein NFC basiertes System von o2, Telekom und Vodafone ist eines der am weitesten verbreitetste System in Deutschland mit einer Akzeptanz in etwa 30.000 Geschäften. Auch das Versenden von Geld zwischen Mpass-Nutzern ist möglich.
  • MyWallet von der Telekom basiert ebenfalls auf dem NFC-Verfahren.
  • Der Targobank Bezahlchip basiert auch auf dem NFC-Verfahren. Der Chip wird auf das Smartphone geklebt und funktioniert in Verbindung mit der Targobank Banking-App.
  • Yapital, eine Otto-Tochter, ist ebenfalls relativ weit verbreitet mit Akzeptanzstellen in allen REWE Filialen und anderen Geschäften wie Görtz. Yapital nutzt das QR-Code Verfahren. Außerdem können Nutzer untereinander Geld versenden.
  • Es gibt noch eine Vielzahl weiterer QR-Code basierter Bezahlsysteme wie GO4Q, kesh, paij oder PayCash, allerdings haben diese Anbieter derzeit nur wenige Akzeptanzstellen und nur eine geringe Anzahl an lokalen Partnern.
  • Die PayPal App und QR-Shopping App ist bislang nur als Pilotprojekt in einigen Restaurants und Cafés in Deutschland verfügbar.
  • Das Startup Opentabs hat eine Kooperation mit Burger King in Deutschland. Über die Opentabs App kann mobil bestellt und im Voraus bezahlt werden. Bisher wird der Service allerdings nur örtlich begrenzt angeboten.
  • Das Startup Avuba hat ein mobiles Girokonto entwickelt, dass über eine App nutzbar ist. Der Kunde bekommt eine Girocard, mit der er weltweit kostenlos Geld abheben kann. Mit der App kann mobil bezahlt und Geld an andere Personen gesendet werden. Zurzeit ist mit der App allerdings nur P2P Payment möglich.
  • Die Startups Cringle und Payfriendz bieten Apps für das P2P Payment an. Allerdings müssen beide Parteien App-Nutzer sein.

Den Versuch einer Kategorisierung und Sammlung von Mobile Payment-Lösungen unternahm kürzlich auch mobile-zeitgeist.com:


Mobile Payment Anbieter in Deutschland; Quelle: mobile-zeitgeist.com

Mobile Payment Anbieter in Deutschland; Quelle: mobile-zeitgeist.com


Wo liegen genau Vorteile des mobilen Bezahlens?

Abgesehen von den Sicherheitsbedenken gegenüber den Mobile Payment-Lösungen ist sicherlich auch der fehlende erkennbare Mehrwert für viele Nutzer ein Grund weiterhin die bekannten und bewährten Zahlungsmittel wie Bargeld und EC-Karte zu verwenden. Hier besteht noch Verbesserungspotential für die Anbieter von Mobile Payment-Lösungen: Sie müssen es den Nutzern „schmackhaft“ machen, ihr Smartphone oder andere Hardware als Zahlungsmittel zu verwenden und einen echten Mehrwert bieten, damit Mobile Payment sich auch flächendeckend durchsetzt. Anbieter wie PayPal und Opentabs versuchen dies bereits indem sie es ihren Kunden ermöglichen, ihren Kaffee oder ihr Essen im Voraus zu bestellen und dann bereits bezahlt abzuholen. So bieten sie einen konkreten Mehrwert, indem der Kunde Zeit spart und lange Warteschlangen umgehen kann. Andere Anbieter setzen auf die Verbindung von Mobile Payment mit Funktionen wie Cashback oder Coupons. Aber was genau möchte der Kunde? Was würde ihn dazu bewegen, eine Mobile Payment-Lösung als präferiertes Zahlungsmittel zu nutzen und wo sieht er einen konkreten Mehrwert? Dies herauszufinden wird eine wichtige Aufgabe für Anbieter von Mobile Payment-Lösungen sein. Außerdem muss ein Standard entwickelt werden. Anzeichen deuten darauf hin, dass sich mit der Einführung von Apple Pay das NFC-Verfahren im Gegensatz zu den QR-Code-Verfahren durchsetzen wird.

Ausblick: Welche Trends werden sich durchsetzen? Wie können die Bedürfnisse der Nutzer erfasst werden?

Ob die Einführung von Apple Pay auf dem deutschen Markt dem Mobile Payment tatsächlich zum Durchbruch verhelfen wird bleibt abzuwarten. Auch welches der Bezahlsysteme sich am Ende durchsetzen wird ist noch unklar. Es gibt auch weitere spannende Entwicklungen im Bereich Mobile Payment, die nicht das Smartphone als Hardware benutzen. Der Wearables Hersteller Jawbone kündigte an, dass der Up4 Fitnesstracker mit einem NFC-Chip ausgestattet werden soll und somit mobile Bezahlungen möglich sein wird. Auch an biometrischen Bezahlverfahren wird gearbeitet. Wohin geht die Reise? Es bleibt weiterhin spannend und wir von eResult werden mit Zielgruppenbefragungen und UX-Tests einen Beitrag dazu leisten, Erfolgsfaktoren von Mobile Payment-Lösungen herauszuarbeiten. Selbstverständlich berichten wir davon hier im Blog und freuen uns auf einen Austausch mit Ihnen.

3 Gedanken zu „Mobile Payment in Deutschland noch in den Kinderschuhen: Chancen und Hindernisse für Anbieter

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