Wie UX ist IoT? Eine (selbst-)kritische Betrachtung bestehender UX-Methoden

Auch wenn sich der Hype um die Apple Watch etwas gelegt hat, bleibt festzuhalten, dass das Interesse an Endgeräten und Applikationen, welche dem Internet der Dinge (oder kurz IoT) zugerechnet werden, weiter steigen wird. Die vielen im Internet vorgestellten Anwendungsmöglichkeiten machen Lust auf mehr, doch: Welche Methoden eignen sich zur Messung der Usability bzw. User Experience des IoT? Werden bestimmte Methoden an Bedeutung verlieren bzw. sogar überflüssig werden? Dies möchte ich in meinem Beitrag aus Sicht eines UX-Dienstleisters kurz beleuchten.

IoT – Der kleine, ständige Begleiter im Hintergrund

Ich möchte mich an dieser Stelle nicht zu sehr in Definitionen und technischen Entwicklungen vertiefen – aber eine wesentliche Eigenschaft und Besonderheit ist die ständige Verfügbarkeit und Funktionalität der IoT-Applikationen. Seien es Smart Watches, intelligente Kühlschränke oder Fitness Tracker – diese Anwendungen

  • begleiten und beraten im Hintergrund (z. B. Health Tracker),
  • unterstützen bei mehreren Aufgaben (z. B. Smart Watch) und
  • führen automatisierte Prozesse ohne Nutzerinteraktion durch (z.B. Wärmeregulierung mittels Smart Home).

D.h. anders als Bestell- oder Buchungsprozesse im Internet hat die Umgebung einen viel stärkeren Einfluss auf die Nutzung und das Erleben. Die Abläufe und Einstellungen müssen noch intuitiver und einfacher sein, da die Geräte (noch) weniger Display-Fläche bieten. Durch die z.T. tägliche Nutzung kommt dem Joy of Use und dem langfristigen Interesse an der Anwendung eine größere Rolle zu.

Der klassische Usability-Test – Noch agiler und flexibler

Meine persönliche Einschätzung ist, dass Entwicklungsprozesse bei IoT-Anwendungen noch schneller und dynamischer verlaufen. Der Usability-Test wird lernen, sich agilen Projektmanagement-Methoden wie z. B. Scrum anzupassen. D.h. der Lab-Test muss sich nahtlos und ohne große Planungsrunden in die Sprint-Planung integrieren lassen und schnelle, aber dennoch valide Ergebnisse liefern.

  • Dies ermöglichen wir bei eResult z. B. durch sogenannte User Feedback Days – ein knackiger Erhebungstag zu regelmäßigen Terminen mit n=6 Probanden und einem Workshop am Nachmittag bringen wichtige Erkenntnisse mit denen Entwickler häufig am nächsten Tag weiterarbeiten können.
  • Mein Kollege Jan Pohlmann hat in seinem Blogbeitrag zur Rapid Prototyping-Methode exemplarisch aufgezeigt, was alles in 2 Tagen erreicht werden kann.

Der Lab-Test – Raus aus dem Labor

Ebenfalls wird die Nutzungsumgebung stärker berücksichtigt werden in der Erhebung – so macht es z. B. schon einen Unterschied aus, ob der Fitness Tracker im leicht künstlichen Ambiente eines Labors eingestellt wird oder bei schlechten Lichtverhältnissen bei einsetzendem Regen. D.h. die Erhebung wird mehr bzw. zusätzlich in der natürlichen Umgebung des Nutzers stattfinden.

  • Dank moderner Web-Technologien sind webbasierte UX-Tests keine große Herausforderung mehr – diese können sowohl synchron mit Moderator als auch asynchron verlaufen ohne Moderator.
  • Wir bei eResult forschen einerseits an diesen neuen Entwicklungen (z. B. asynchroner Remote-Test), arbeiten anderseits bereits mit diversen Anbietern zusammen und kennen die Stärken und Schwächen der Methode.

Quo vadis Eyetracking?

Die Entwicklung des Eyetrackings sehe ich etwas kritisch – ich persönlich mag die Methode, weil sie häufig eine weitere (unbewusste) Erkenntnisebene liefert – aber ich habe das Gefühl, dass der Mehrwert bei IoT-Anwendungen und Geräten nicht mehr so zum Tragen kommt.

  • Durch die immer kleiner werdenden Geräte und Displays (z. B. Smart Watch, Fitness Tracker) müssen die Geräte immer sensibler eingestellt werden. Darunter kann die Datenqualität leiden und folglich die Aussagekraft des Outputs, wie z. B. der Heatmap.
  • Die Apple Watch hat es vorgemacht und stellt das haptische Feedback (z. B. durch unterschiedliche Vibrationsstärken) stärker in den Vordergrund – dadurch muss weniger durch das Auge wahrgenommen werden.
  • Der Nutzen des IoT liegt häufig auch im passiven Einsatz. D.h. eine aktive Interaktion, Steuerung bzw. Wahrnehmung des Displays steht nicht mehr im Vordergrund.

Den Joy of Use durch Blogs, Fokusgruppen und ethnologische Studien langfristig beobachten

Viele IoT-Anwendungen sind für eine langfristige Nutzung ausgelegt – ein Health Tracker entfaltet seine wahre Stärke, wenn dieser über einen längeren Zeitraum eingesetzt wird und die Gesundheit bzw. das Verhalten sich dadurch auch verändert. D.h. punktuelle Messungen, z. B. durch einen UX-Test oder eine Online-Umfrage können nur einen eingeschränkten bzw. sehr reduzierten Einblick über die vielen Erfahrungsmomente liefern.

Meiner Meinung nach wird es wichtiger, die Erlebnisse über einen langen Zeithorizont zu sammeln und Nutzer auch regelmäßig im direkten Austausch über Ihre Erfahrungen berichten zu lassen.

  • Mittels eines Blogs oder eines Tagebuchs haben Nutzer die Möglichkeit im eigenen Zeitrhythmus Erfahrungen zu dokumentieren, aber auch auf Erfahrungen anderer Nutzer einzugehen und zu diskutieren. Researcher als auch Kunden können jederzeit die Beiträge einsehen und somit fortlaufend Erkenntnisse für die eigene Arbeit ziehen.
  • Wir bei eResult nutzen beide Methoden – auch in Kombination, um neue Untersuchungsgegenstände von mehreren Seiten zu beleuchten, z. B. über unsere Tagebuch-Studie zu Fitness-Trackern.
  • Durch Ethnologische Studien besteht die Möglichkeit, das natürliche Verhalten mit den Anwendungen/Geräten in einer natürlichen Umgebung näher zu identifizieren – d.h. durch Beobachtung und Tiefeninterviews. Denn für spannende aber eher beiläufige Fragen bleibt in einem 45-60-minütigen UX-Test oder einer 10-20-minütigen Online-Umfragen häufig keine Zeit.
    „Wo legen Nutzer eine Smart Watch ab? Wo wird die Smart Watch geladen? Zu welcher Uhrzeit wird der Smart Home-Status aufgerufen?

(Noch) mehr Vielfalt der IoT-UX-Landschaft

Durch den flexibleren und auch nicht mehr so kostenintensiven Methodeneinsatz wird die Testlandschaft in meinen Augen noch viel bunter gemixt. D.h. mehr Methoden kommen generell in Frage, wechseln sich häufiger ab, bauen stärker aufeinander auf und führen Forschungsfragen in einem anderen Rahmen weiter als zu Beginn geplant wurde. Dadurch wächst natürlich auch die Herausforderung an UX-Dienstleister wie eResult sich dieser Vielfalt anzunehmen und anzupassen sowie einen Methodeneinsatz ohne Methodenbrüche zu gewährleisten.

Wie sehen Sie die Entwicklung von UX-Methoden? Erwarten Sie eine ähnliche Entwicklung oder weichen Ihre Erlebnisse von meiner Einschätzung ab? Werden UX-Methoden auslaufen oder welcher Methode geben Sie die besten Chancen beim Internet der Dinge? Ich freue mich auf eine rege Diskussion.

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