interaction 16 Konferenzrückblick – IoT, Künstliche Intelligenz und Roboter

interaction 16 in HelsinkiAnfang März fand die interaction 16 statt, die diesjährige Ausgabe der internationalen Konferenz der Interaction Design Association. Immer abwechselnd ist der Veranstaltungsort in Nordamerika und in Europa – dieses mal in Helsinki, Finnland. Nachdem ich die Konferenz vor zwei Jahren in Amsterdam verpasst hatte, konnte ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.

Es fällt immer sehr schwer, drei vollgepackte Tage zusammenfassen, aber es war definitiv eine der besten Konferenzen, die ich bisher besucht habe. Von der guten Orga, über die tolle Location (die Finlandia Hall von Alvar Aalto) und die über 1000 Teilnehmer aus allen Ecken der Welt, bis hin zu den vielen inspirierenden Vorträgen.

Das Thema der Konferenz war „What’s next?“, also die Zukunft unserer Profession. Sicherlich sehr allgemein, aber es gab doch eine ganze Reihe Talks, die über den aktuellen Stand von UX und Interaction Design hinausgingen und sich mit kommenden Herausforderungen beschäftigten: das Internet of Things, künstliche Intelligenz und Roboter. Von drei dieser Vorträge will ich heute kurz berichten.

Alexandra Deschamps-Sonsino: Anybody Home? The past and future of home interactions

Alexandra Deschamps-Sonsino – Anybody Home? The past and future of home interactions. from Interaction Design Association on Vimeo.

Alexandra Deschamps-Sonsino berichtet in diesem Vortrag aus der Community der iOT-Hersteller und -Entwickler, mit der sie seit vielen Jahren engen Kontakt hat. Dabei stellt sie fest, dass wir als Designer uns fast nur mit digitalen Produkten beschäftigen, die nur auf einem Bildschirm existieren. Im Hardware-Bereich dagegen fehlt es dagegen sehr stark an Designern.

Und das hat Konsequenzen: Design-Prozesse in diesem Bereich sind sehr rudimentär, wenn sie überhaupt existieren. Die Ideen von Prototypen, die Funktionalität simulieren, und dem Testen von Konzepten sind häufig fremd, stoßen manchmal gar auf grundsätzliche Ablehnung. Erst wenn ein Produkt so nicht erfolgreich ist, werden Designer angeheuert. Dabei heraus kommen dann „smarte“ Kühlschränke, die auf einem Touchscreen Wetter und Nachrichten anzeigen.

Alexandra Deschamps-Sonsino fordert uns auf, selber in diesem Bereich aktiv zu werden und unsere Expertise einzubringen. Es gibt zwar fantastische Entwicklungen und Ideen im Hardware- und iOT-Bereich, doch häufig ist gar nicht klar, welches Nutzerproblem eigentlich gelöst werden soll – und ob es überhaupt eines gibt. IoT-Meetups und Hackathons gibt es inzwischen wie Sand am Meer, aber Designer nehmen kaum Teil. Das sollte sich ändern. Mich hat sie jedenfalls motiviert, dort teilzunehmen und mir ein eigenes Bild zu verschaffen.

 

Chris Noessel: The Dawn of Agentive Technology: The UX of “soft” AI

Chris Noessel: The Dawn of Agentive Technology: The UX of “soft” AI from Interaction Design Association on Vimeo.

Agentive Technology, auch Automation genannt, führt Aufgaben selbstständig für den Nutzer und an seiner Stelle durch. Chris Noessel bzeichnet dies als Shangri-La der User Experience – der Aufwand für den Nutzer wird auf Null reduziert. Agentive Tech ist auf dem Vormarsch, ob in Form des Staubsaugerroboters Rumba oder selbstfahrender Autos.

Solche Agenten sind eine von zwei Formen einer schwachen oder schmalen künstlichen Intelligenz („narrow AI“), also einer auf eine speziellen Aufgabe ausgelegten KI. Chris Noessel beschreibt diese beiden Formen so:

  • Assistent: Die Technologie hilft dem Nutzer nur bei der Aufgabenerfüllung
  • Agent: Die Technologie übernimmt die Aufgabe des Nutzers komplett

Agenten sind seiner Meinung nach in sehr vielen Bereichen sinnvoll, insbesondere:

  • Aufgaben, in denen wir nicht gut sind: Z.B. Flugzeuge fliegen, Autos steuern
  • Aufgaben, die wir nicht selber machen möchten: Z.B. Putzen
  • Aufgaben, die sonst unmöglich sind: Z.B. Roboter zur Erforschung des Weltalls müssen autonom agieren, da die Kommunikation zur Erde zu lange dauern würde

Das Design solcher Agenten sieht er aber noch als Herausforderung. Während für Assistenten unsere existierenden UX-Methoden und Modelle gut funktionieren, ist dies für Agenten nicht der Fall. Auch in Filmen gibt es zwar viele Beispiele für Assistive Tech, nicht aber für Agentive Tech. Da die eigentliche Aufgabendurchführung autonom erfolgt, sind die Kontakt- und Interaktionspunkte der Nutzer wesentlich beschränkter, etwa auf die Einstellung der Ziele, einen Probelauf, das Starten, Pausieren und Stoppen der Durchführung.

Ein Linktipp noch von mir für alle, die sich für das Thema KI interessieren (unabhängig von UX und Design): The Road to Superintelligence

Kate Darling: Robot Ethics and the Future of Human-Robot Interaction

Kate Darling – Robot Ethics and the Future of Human-Robot Interaction from Interaction Design Association on Vimeo.

Roboter gibt es schon lange, aber immer stärker dringen sie nun auch in unseren Alltag ein. Sie arbeiten nicht mehr nur im Hintergrund, sondern interagieren direkt mit Menschen. Anthropomorphismus spielt dabei eine große Rolle: Wir weisen Robotern automatisch menschliche Eigenschaften zu, eine Persönlichkeit und eigene Ziele, egal ob der Roboter speziell darauf ausgelegt wurde oder nicht. Und obwohl wir eigentlich wissen, dass Roboter keine Menschen sind, reagieren wir auf ihr soziales Verhalten und entsprechende Hinweise. Kate Darling berichtete von faszinierenden psychologischen Experimenten, die dies belegen.

Dieser Aspekt von Robotern hat das Potenzial, viel Gutes zu bewirken: Sie können uns helfen zu lernen, Gewicht zu verlieren und sogar unsere zwischenmenschlichen Beziehungen verbessern. Aber natürlich bestehen auch viele Gefahren, mit denen sich die Roboter-Ethik beschäftigt:

  • Roboter können genutzt werden, um Geld in Pflege und Lehre zu sparen, obwohl die zwischenmenschliche Komponente essentiell ist.
  • Roboter ermöglichen ganz neue Arten und Kontexte der Datensammlung, die große Privatsphäreprobleme aufwerfen.
  • Roboter können Menschen bewusst manupulieren, indem sie die emotionale Bindung ausnutzen. Kate Darling nannte, halb scherz-, halb ernsthaft, das Beispiel des Sex-Roboters mit In-App-Käufen.

Schließlich berichtete sie noch, dass mit der Reaktion auf Roboter auch die generelle Empathie von Menschen gemessen werden kann. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Reaktionen auf das Roboter-Video von Boston Dynamics, in dem ein hundeähnlicher Roboter getreten wird. Kate Darling schloß mit der Frage: Wenn unser Umgang mit Robotern ein Zeichen unserer Empathie ist, wie beeinflusst umgekehrt dann dieser Umgang uns? Was bedeutet es für unsere Menschlichkeit, wenn wir einen Roboter treten?

Alle Videos der Konferenz

Neben den drei genannten Talks gab es natürlich noch eine Vielzahl weiterer zu unterschiedlichsten Themen. Glücklicherweise wurden alle Vorträge auf Video aufgezeichnet und werden online veröffentlicht. Noch sind nicht alle Videos auf Vimeo verfügbar, aber in kurzer Zeit sollte dies der Fall sein.

Ich werde mir sicher meine Aufzeichnungen zur Konferenz in nächster Zeit noch genauer anschauen und bestimmt auch den ein oder anderen Vortrag noch einmal anschauen. Jetzt muss ich nur noch einen Weg finden, nächstes Jahr zur interaction 17 nach New York zu kommen…

Ein Gedanke zu „interaction 16 Konferenzrückblick – IoT, Künstliche Intelligenz und Roboter

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